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Film „Im Namen meines Sohnes“ : Als der Maskenmann den Bruder holte

  • -Aktualisiert am

Kann sich an die Stimme des Bruders kaum mehr erinnern: Oliver Jahr an der Außenalster in Hamburg Bild: Lucas Wahl

Jahrelang stieg der Maskenmann in Schullandheimen ein und missbrauchte kleine Jungen. Drei von ihnen tötete er auch. Einer war Oliver Jahrs Bruder. Hier spricht er über den Verlust, der sein Leben prägte.

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          Oliver Jahr hat kaum Erinnerungen an seinen Bruder. Er weiß noch, wie Stefan aussah, schon wegen der Fotos, die an der Familienwand im Wohnzimmer hängen. Die Ähnlichkeit fällt bis heute auf: das schmale Gesicht mit dem spitzen Kinn, kecke Ohren, der dunkelblonde Schopf. Aber schon Stefans Stimme hat Oliver Jahr nicht mehr im Ohr. Das innige Verhältnis, das die beiden Brüder gehabt haben sollen, kennt er vor allem aus Erzählungen.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nicht einmal an den Tag, als seine Mutter ihm sagte, dass Stefan nie mehr nach Hause kommen würde, erinnert sich Jahr. „Das glaube ich nicht“, soll er geschrien haben, und: „Der ist nicht tot.“ Dann muss er auf die Mutter eingeschlagen haben. So jedenfalls hat sie es ihm erzählt. Man kann sich am Montagabend im Fernsehen anschauen, wie sich diese Szene abgespielt haben mag („Im Namen meines Sohnes“, ZDF, 20.15Uhr). Oliver Jahr war damals fünf Jahre alt.

          „Man darf sich von der Trauer nicht auffressen lassen“

          Wenn der Neunundzwanzigjährige heute über den Schatten spricht, der seither über seinem Leben liegt, sagt er: „Das ist ein Teil gewesen, den hat man so in die Ecke verdrängt – und gut war.“

          Oliver Jahr sitzt in einem Café mit Blick auf die Hamburger Alster. Er hat einen Cappuccino bestellt, regengrau hängt der Himmel über dem Wasser. Aber er ist nicht der Typ für melancholische Stimmungen. Mit einer Nüchternheit, mit der man sich auch über Modellbauanleitungen für Segelflugzeuge austauschen könnte, sagt er: „Ich glaube, ich hab mir damals einfach so eine Wand aufgebaut, die mich geschützt hat vor negativen Nachrichten.“ Und: „Man darf sich von der Trauer nicht auffressen lassen.“

          Auf Rat seiner Eltern gewöhnte er sich schon zu Grundschulzeiten an, mit seiner Geschichte nicht hausieren zu gehen. Den Tod seines Bruders erwähnt er zwar, wenn es sich heute im Bekanntenkreis ergibt. Aber nur wenn Nachfragen kommen, fragt er zurück, ob der Fall des Maskenmannes bekannt sei. Der Unbekannte, der wie die Verkörperung eines universalen Albtraums in Ferienlager und Schullandheime einstieg und schwarz maskiert Jungen sexuell missbrauchte, dutzendfach, hat zwei Jahrzehnte lang nicht nur Norddeutschland aufgewühlt. Vor fünf Jahren schließlich wurde der pädosexuelle Jugendhelfer Martin N. der Taten überführt und 2012 wegen dreifachen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Oliver Jahr sagt dann nur: „Mein Bruder war sein erstes Opfer.“

          Fernsehtrailer : „Im Namen meines Sohnes“

          Der Vater entwickelte eine Besessenheit

          19 Jahre hat es gedauert, bis Stefans Mörder gefunden war. Was das für die Familie bedeutete, ist jetzt Stoff für 90 Minuten Spielfilm. Es gab im Hause Jahr zwei unterschiedliche Wege, mit der Katastrophe umzugehen. Vater Jahr, gespielt von Tobias Moretti, entwickelte eine Besessenheit, den Mord aufzuklären. Er misstraute der Polizei und investierte viel Zeit und Geld, um Privatermittler zu engagieren und eigenmächtig Personen zu beobachten, die er für verdächtig hielt. Alle paar Jahre förderte er eine neue heiße Spur zutage, die ins Leere führte.

          „Bei meinem Vater kann man wirklich sagen: Nach dem Mord an meinem Bruder ist für ihn die Aufklärung im Mittelpunkt seines Lebens gewesen“, sagt Jahr. Heute vermutet er hinter dieser Besessenheit eine posttraumatische Belastungsstörung, die nie diagnostiziert, geschweige denn behandelt worden sei. Aber psychologische Hilfe, mittlerweile eine Selbstverständlichkeit für Angehörige von Gewaltopfern, sei einem Anfang der Neunziger nicht angeboten worden.

          Seine Mutter hingegen habe schnell erkannt, dass sie nicht in Unglück und Selbstmitleid versinken dürfe, weil sie die Verantwortung für ein weiteres Kind gehabt habe. „Sie hat mich abgeschirmt, und ich war ihre Therapie“, sagt Oliver Jahr. Weitermachen sei die Devise gewesen. Dafür ist er seiner Mutter bis heute dankbar. Der Spielfilm inszeniert die väterliche Obsession als Belastung, die sowohl die Ehe der Eltern als auch die Vater-Sohn-Beziehung langfristig zu gefährden droht. In Wirklichkeit, erzählt Oliver Jahr, habe seine Mutter ihrem Mann etwa zwei Jahre nach Stefans Tod mit Trennung gedroht, falls er über der Suche nach dem Täter weiterhin die Familie vernachlässige. „Da hat er sich gefangen.“

          Kinderbild: Oliver (re.) mit Stefan
          Kinderbild: Oliver (re.) mit Stefan : Bild: privat

          Am schlimmsten war die Ungewissheit

          Der studierte Jurist, der inzwischen als Lokalredakteur eines Wochenblatts arbeitet und deshalb wieder zurück in sein Elternhaus vor den Toren Hamburgs gezogen ist, sagt heute sogar, dass er – „abgesehen davon“ – eine normale, glückliche Kindheit gehabt habe. Der Vater war selbständiger EDV-Berater, die Mutter Hausfrau. Regelmäßig Urlaub, weder an Geld noch an Aufmerksamkeit habe es gefehlt. Der Vater sei zwar beruflich ständig unterwegs gewesen, „und dann hilft es nicht, dass er viel Zeit damit verbracht hat, über seinem Fall zu grübeln“. Aber einen Vorwurf für diese doppelte Abwesenheit habe er ihm nie gemacht. Erst als Jugendlicher dann habe er selbst Interesse für die Umstände entwickelt, unter denen sein Bruder gestorben sei. Mit 16 Jahren habe er den Obduktionsbericht gelesen. Wirklich darüber nachgedacht, was Stefan erlebt und erlitten haben muss, hat er nie. „Das muss man ausblenden“, glaubt Jahr. „Damit macht man sich nur kaputt.“

          Zweimal hat Oliver Jahr den Mörder seines Bruders gesehen, im Gerichtssaal. „Meine Angst war immer, dass der Fall nie aufgeklärt wird“, erzählt er. Und weil das Nagen der Ungewissheit über die Jahre belastender gewesen sei als der Verlust selbst, sei die Verurteilung für die ganze Familie von großer Bedeutung gewesen.

          Gern hätte Oliver Jahr dem Täter einmal in die Augen gesehen. Aber sowohl zum Prozessbeginn als auch bei der Urteilsverkündung habe der 41 Jahre alte Angeklagte kein einziges Mal aufgeblickt. Ungepflegte Haare, Rauschebart, ein Gesamteindruck totaler Verlotterung: „Mein Gott“, habe er bei diesem Anblick gedacht, sagt Oliver Jahr: „Was ist das für ein armes Würstchen?“

          Manchmal fragt er sich, was Stefan heute machen würde

          Acht Tage nach Prozessende starb Vater Jahr auf seiner täglichen Fahrradtour an einem Herzinfarkt. Nachdem das Ziel, auf das sich sein Leben 19 Jahre lang fixiert habe, erreicht gewesen sei, habe sein Herz nachgegeben, glaubt Oliver Jahr. Aber weil das Fernsehprojekt schon in Planung gewesen sei, habe er es dann fortgeführt und die Drehbücher gegengelesen – „im Namen meines Vaters“, könnte man in Anspielung auf den Filmtitel sagen. Wenn dem Sohn bewusst wird, dass er selbst nun Interviews gibt, wie es sein Vater zeitlebens getan hat, um Interesse an dem ungelösten Kindermordfall zu wecken, muss er lachen. Aber vor allem sieht er in dem Film die Chance, einen Schlussstrich zu ziehen.

          Nur an Stefans Geburts- und Todestagen drängen sich die ewigen Fragen auf: Was würde sein Bruder heute, mit 38 Jahren, machen? Hätte er Familie? Was wäre er von Beruf? Wie wäre es gewesen, wenn die Jungen gemeinsam aufgewachsen wären? Wäre auch Oliver Jahr heute ein anderer? Für einen Moment steht ein Hauch von Wehmut im Raum. Aber das ist schnell vorbei. „Passiert ist passiert“, sagt Oliver Jahr. „Ich kann jetzt nach vorne blicken, und ich habe diesen Schatten nicht mehr.“

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