https://www.faz.net/-gum-a4jcs

Wichtiger Drogenboss entkommen : Durch die Vordertür in die Freiheit

Drogenboss „André do Rap“ galt als wichtiger Mittelsmann im Kokainhandel. (Archivbild) Bild: dpa

André de Oliveira Macedo gilt als einer der wichtigsten Drogenbosse Brasiliens. Er spazierte aus einem Hochsicherheitsgefängnis. Seitdem versucht die Polizei ihn wieder zu fangen.

          2 Min.

          André de Oliveira Macedo nahm die Vordertür, als er vor einer Woche das Hochsicherheitsgefängnis im brasilianischen Presidente Venceslau verließ. Kurz zuvor hatte ein Richter des Obersten Gerichtshofs ihm die Erlaubnis dafür erteilt. Als der Präsident des Gerichts den Beschluss seines Kollegen wenige Stunden später wieder rückgängig machte, war es bereits zu spät. In der Stadt Maringá im Südwesten Brasiliens soll Macedo nach seiner Freilassung ein Flugzeug bestiegen haben, mit dem er sich ins Ausland absetzte, vermutlich nach Paraguay oder nach Bolivien. Selbst Kolumbien wird als Versteck nicht ausgeschlossen. Sein Anwalt sagt, er wisse nichts über den Verbleib seines Mandanten.

          Tjerk Brühwiller

          Korrespondent für Lateinamerika mit Sitz in São Paulo.

          Die Freilassung von Macedo hat in Brasilien Entrüstung hervorgerufen. Denn es handelt sich nicht um irgendeinen Häftling, dessen Unschuld sich nun bestätigt hat, sondern um Brasiliens größten Drogenhändler, der in zweiter Instanz zu 25 Jahren Haft verurteilt wurde. Der als „André do Rap“ bekannte Gangster gilt als einer der Köpfe des „Primeiro Comando da Capital“ (PCC), Brasiliens größter Verbrecherorganisation, und soll laut der brasilianischen Ermittlungsbehörden große Teile des Kokainhandels zwischen Brasilien und Europa kontrollieren.

          Kontrolliert große Teile des Kokainhandels

          Zudem soll Macedo die Kontakte zu kriminellen Organisationen in Europa aufgebaut haben. Er gilt als der zentrale Verbindungsmann zwischen dem PCC und der italienischen ’ndrangheta. Der PCC ist in mehreren Ländern der Region aktiv und kontrolliert große Teile des Kokainhandels von Kolumbien, Bolivien und Paraguay nach Brasilien, das selbst einer der wichtigsten Märkte für Kokain und Marihuana ist. Ein Teil der Ware wird nach Europa weiterverschifft.

          Öffnen
          Drogen-U-Boote : „Die Kartelle haben eigene Bootsbaumeister“ Bild: dpa

          Macedo, der seinen Spitznamen seinem Talent als Gangsta-Rapper zu verdanken hat, stammt aus der Hafenstadt Santos, die als Drehscheibe des Kokainschmuggels nach Europa gilt. Dank seines Unternehmersinns arbeitete er sich rasch im PCC hoch, wodurch er zum Gejagten wurde. 2013 und 2014 wurde er in zwei Fällen wegen internationalen Drogenhandels zu 25 Jahren Haft verurteilt, worauf er sich in die Niederlande absetzte, wo er unter falschem Namen mehrere Jahre lebte. In dieser Zeit vertiefte Macedo die Beziehungen zwischen dem PCC und der ’ndrangheta. Zurück in Brasilien, empfing Macedo mehrmals Vertreter der italienischen Mafia.

          Macedo war sechs Jahre flüchtig

          Durch die Verhaftung und den Tod verschiedener Führungsfiguren des PCC stieg „André do Rap“ in die oberste Führungsriege der Organisation auf. Nach seiner Freilassung und Flucht gilt er als der wichtigste Anführer des PCC auf freiem Fuß und einer der meistgesuchten Verbrecher auf der Liste von brasilianischer Bundespolizei und Interpol.

          Macedo war sechs Jahre flüchtig, bevor er den Ermittlern im vergangenen Jahr ins Netz ging. Im September 2019 wurde der Drogenhändler in einer Luxusvilla an der brasilianischen Küste festgenommen. Die Polizei beschlagnahmte im Anwesen mehrere Luxuskarossen, zwei Hubschrauber, eine Yacht und Bargeld im Gesamtwert von mehr als fünf Millionen Dollar. Weder Waffen noch Drogen wurden bei Macedo gefunden, der sich widerstandslos verhaften ließ. Sein Prozess aus den früheren Jahren war allerdings noch nicht abgeschlossen, weshalb sich Macedo seither lediglich in präventiver Haft befand. Und diese muss alle 90 Tage neu bestätigt werden. Da die Justiz das im Falle von Macedo versäumt hatte, landete ein Antrag auf dessen Freilassung auf dem Tisch des Obersten Richters, der ihn nach eigenen Aussagen routinemäßig und korrekt behandelte.

          Die Reaktionen auf die Freilassung reichen von Ärger bis hin zu Korruptionsanschuldigungen gegen den Richter. Es habe Jahre gedauert, um den Verbrecher zu fassen, sagte beispielsweise São Paulos Gouverneur João Doria. Die Freilassung sei ein Schlag ins Gesicht eines jeden Polizisten und der Bevölkerung. Inzwischen hat das Plenum der Obersten Gerichts einen neuen Haftbefehl gegen Macedo erlassen. Doch der Drogenbaron und Gangsta-Rapper, der ein weites Beziehungsnetz in ganz Lateinamerika hat und über das nötige Bargeld verfügt, ist längst in einem sicheren Versteck. Möglicherweise hat er auch schon ein paar Verse niedergeschrieben über seine Flucht durch die Vordertür.

          Weitere Themen

          Nächtliche Ausgangssperre auch in Rom

          Corona-Liveblog : Nächtliche Ausgangssperre auch in Rom

          Fast 27.000 Neuinfektionen in Großbritannien +++ Inzidenzwert in Berlin-Neukölln steigt auf 217,9 +++ Mehr als eine Million Corona-Infektionen in Spanien +++ NRW führt Maskenpflicht im Unterricht wieder ein +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.

          Topmeldungen

          Beträchtlicher Umfang: AVP verarbeitet rund 72 Millionen Rezepte im Jahr.

          AVP-Insolvenz : Schwerer Schlag für viele Apotheken

          Die Insolvenz des Rezeptabrechners AVP hat viele Apotheken in Existenznot gebracht. Voraussichtlich werden sie wohl nicht bevorzugt ausgezahlt – und könnten dadurch viel Geld verlieren.
          Zwischen Court und Gericht: Boris Becker

          Tennis-Held und Finanz-Sorgen : Die zwei Gesichter des Boris Becker

          Er ist im Tennis noch immer ein ganz großer Name. In seiner Rolle als TV-Experte wird er mit Lob überhäuft. Doch da ist auch die leidige Misere mit den Finanzen. Nun steht für den einstigen Tennis-Star ein unangenehmer Termin an.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.