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Brasilien vor der WM : Mehr Morde und Raubüberfälle in Rio

  • -Aktualisiert am

Die Spezialeinheit „Bope“ hat Anfang Oktober Verbrecher aus dem Favela-Komplex Lins vertrieben. Bild: AFP

Im August sind im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro 406 Menschen ermordet worden. Im Vergleich zum Vorjahr ist das ein Anstieg von mehr als 38 Prozent. Behörden und Wissenschaftler streiten über die Gründe.

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          Ungeachtet des verstärkten Einsatzes der sogenannten Befriedungspolizei in zentrumsnahen Favelas ist die Zahl der Gewaltverbrechen in der Stadt Rio de Janeiro und im umliegenden Bundesstaat gleichen Namens sprunghaft gestiegen. Die jetzt von den Behörden veröffentlichte Verbrechensstatistik für den Monat August verzeichnet einen Anstieg der Zahl der Morde im Vergleich zum August 2012 um mehr als 38 Prozent: von 294 auf 406, also auf durchschnittlich mehr als 13 Morde täglich. Bei den von mehreren Tätern begangenen Raubüberfällen wurde ein Anstieg von 345 gemeldeten Fällen auf jetzt 629 Fälle verzeichnet, das ist eine Zunahme von gut 82 Prozent. Bei den Raubmorden stieg die Zahl von elf auf 17 im betreffenden Monat. Auch die Zahl der Eigentumsdelikte – etwa des Diebstahls von Handys oder Handtaschen – nahm um 37 Prozent zu.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Über die Gründe für den Anstieg der Gewaltverbrechen und der Diebstahlsdelikte streiten sich Behörden und Wissenschaftler. Die Polizei verweist darauf, dass vor allem dank der Besetzung zahlreicher zentrumsnaher Favelas durch die neugegründeten „Einheiten der Befriedungspolizei“ (UPP) mehr Rauschgifte, Waffen und gestohlene Autos sichergestellt werden konnten: Der Anstieg betrug rund 14, gut zwei und fast 37 Prozent. Ein Sprecher der Polizei verwies zudem darauf, dass wegen der anhaltenden Demonstrationen streikender Lehrer oder Bankangestellter, die regelmäßig zu Straßenschlachten des anarchistischen „Schwarzen Blocks“ mit der Polizei führten, oft mehr als 1500 Beamte im Einsatz gewesen seien. Diese Polizisten hätten beim gewöhnlichen Streifendienst in der zentral gelegenen Südzone sowie in anderen Stadtteilen gefehlt.

          Soziologen sehen den Anstieg der Gewaltverbrechen jedoch vor allem als Folge der Besetzung von Favelas durch mittlerweile 8600 Beamte der UPP. Unstrittig ist, dass die Stationierung der Beamten in großen Favelas wie Rocinha und Complexo do Lins zu einer deutlichen Verbesserung der Sicherheitslage geführt hat. Die dort eingenisteten Rauschgift- und Verbrecherbanden vermeiden in aller Regel die Konfrontation mit der UPP und ziehen in Favelas in den Außenbezirken der Stadt weiter. Der verstärkte Polizeieinsatz bei den Demonstrationen habe allenfalls zum Anstieg von Eigentumsdelikten in den Innenstadtbezirken geführt, nicht aber zu der seit gut einem halben Jahr zu beobachtenden Zunahme der Gewaltverbrechen in den Vorstädten.

          Rio de Janeiro hat unter allen brasilianischen Großstädten den höchsten relativen Anteil von Favela-Bewohnern: Etwa jeder Fünfte der rund acht Millionen Einwohner Rios lebt in den Armutsvierteln. Nach den Ergebnissen der Volkszählung von 2010 leben im Landesdurchschnitt nur etwa sechs Prozent der mehr als 201 Millionen Menschen in Favelas, also etwa zwölf Millionen. Von der jüngsten Welle der Gewaltverbrechen sind vor allem Favelas im Westen und im Norden von Rio betroffen. Dort stecken die Kartelle ihre Territorien ab und liefern sich Verteilungskämpfe.

          In der Favela Complexo da Maré im Norden der Stadt konnten in der vergangenen Woche mehr als 2000 Schüler wegen anhaltender Schießereien mehrere Tage lang den Unterricht nicht besuchen. Der Gouverneur des Bundesstaates Rio de Janeiro, Sérgio Cabral, will Anfang kommenden Jahres weitere UPP-Beamte in Maré stationieren, um auch diesen Favela-Komplex mit rund 130.000 Einwohnern zu befrieden. Ob der Anstieg der Gewaltverbrechen in den Außenbezirken und der Diebstähle auch in der Innenstadt die Sicherheit der Besucher der Fußball-Weltmeisterschaften 2014 und der Olympischen Sommerspiele von 2016 beeinträchtigen wird, ist strittig. Die Behörden verweisen darauf, dass sich die Sicherheitslage in der Stadt in den vergangenen Jahren verbessert habe.

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