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Prozess nach Anschlag auf Bus : BVB-Spieler sprechen über Angstzustände und äußern Kritik

Fußballer Felix Passlack unmittelbar nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus des BVB. Im Prozess spricht er über die Angstzustände, welche auf diese Nacht folgten. Bild: Reuters

Am Dortmunder Landgericht wird der Prozess um den Bombenanschlag auf die Mannschaft von Borussia Dortmund fortgesetzt. Mehrere Spieler und Thomas Tuchel sagen aus.

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          Als Thomas Tuchel am Montagmittag Saal 130 des Landgerichts Dortmund betritt, wirkt er scheu und traurig. Hastig blickt er nach links und nach rechts, vermeidet es aber, den Angeklagten Sergej W. anzuschauen. Tuchel soll im Prozess um den Bombenanschlag auf die Mannschaft des Fußballklubs Borussia Dortmund aussagen. Es fällt ihm schwer. Stockend antwortet er auf die Fragen des Gerichts, der Staatsanwaltschaft und der Verteidiger. Tuchel war damals BVB-Cheftrainer. Dass er es nicht mehr ist, führt er auch auf den Anschlag zurück.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Am Abend des 11. April vor einem Jahr brach er gemeinsam mit seinen Spielern und den Team-Betreuern vom Mannschafts-Hotel L’Arrivée Richtung Westfalen-Stadion auf. „Alles schien wie immer“, erinnert sich Tuchel. Der Trainer hat es sich zur Gewohnheit gemacht, vor einem Spiel seine Frau anzurufen, sobald der Mannschafts-Bus losrollt. „Nun fuhren wir also an ein paar Autos vorbei, ich hatte mein Telefon am Ohr, wartete auf das Freizeichen, als es plötzlich einen Knall gab, ich eine große Wärme spürte und von dem Druck beinahe über den Gang auf den Sitz meines Ko-Trainers gedrückt worden wäre.“

          Sogleich hätten die Spieler hinten im Bus durcheinander gerufen. „Die einen riefen dem Fahrer zu: bleibt stehen! Die anderen riefen: Fahr weiter!“ Besonders laut schrie der Abwehrspieler Marc Bartra. Zwei der Sprengsätze, die Sergej W. in einer Hecke an der Hotelzufahrt versteckt hatte, beschädigten nicht nur den BVB-Bus erheblich – Bartra wurde durch splitterndes Glas schwer am Arm verletzt. Neben seinen Kopf hatte sich ein sieben Zentimeter langer Metallstift in den Sitz gebohrt. Eine zweiter Bolzen schlug unter Tuchels Sitz ein.

          „Das ganze Ausmaß, das Glück, was wir hatten, die Größe des Schocks, war am nächsten Morgen auf dem Trainingsgelände zu spüren“, erinnert sich Tuchel. „Der Zustand der Mannschaft war so, dass es absolut keinen Sinn gemacht hat zu spielen.“ Trotzdem wurde die zunächst abgesagte Partie nur 24 Stunden nach dem Anschlag nachgeholt. Hans-Joachim Watzke, der BVB-Geschäftsführer, und Tuchel hatten sich öffentlich darüber gestritten. Tuchel hatte die Neuansetzung in der Pressekonferenz nach dem Monaco-Spiel scharf kritisiert. Auf seine Mannschaft sei nicht genug Rücksicht genommen worden, man habe das Gefühl gehabt, „behandelt zu werden, als wäre eine Bierdose an unser Busfenster geflogen“. Am Montag sagt Tuchel im Zeugenstand: „Es gab dadurch einen großen Dissens zwischen mir und Watzke.“ Nach einer Pause fügt er an: „Der größte Dissens war wahrscheinlich, dass ich im Bus gesessen habe und er nicht.“ Es treffe auch zu, dass letztlich der Bombenanschlag eine entscheidende Rolle für sein Aus als Fußballtrainer beim BVB im vergangenen Sommer gespielt habe. Und zu 100 Prozent pflichte er der Einschätzung vieler Spieler bei, dass es ein Fehler gewesen sei, die Partie gegen Monaco so kurz nach dem Anschlag zu spielen.

          Am Montag äußern sich im Zeugenstand nacheinander Sven Bender, der mittlerweile zu Bayer Leverkusen gewechselt ist, Marcel Schmelzer und Roman Weidenfeller. Bender sieht den Fehler nicht nur bei Watzke. „Ich glaube, wir haben alle einen großen Fehler gemacht.“ Jeder einzelne Spieler habe die Möglichkeit gehabt, nicht zu dem Nachholspiel anzutreten. „Wir haben diese Chance vertan.“ Viel zu schnell sei der Anschlag abgehakt worden. „Dabei sind wir doch alle auch nur Menschen.“

          Bender lenkt sich auf der Busfahrt zu Spielen nicht mit Musik über Kopfhörer ab. Am 11. April schaute er deshalb aus dem Fenster, als der Mannschaftsbus das Hotel L’Arrivée verließ. In den ersten Wochen und Monaten nach dem Anschlag holten ihn die Bilder immer wieder ein. Immer wieder sah der Fußballprofi, der hinten im Bus saß, vor seinem inneren Auge, wie plötzlich die Hecke neben dem Fahrzeug explodierte. „Dann kam schon irgendetwas auf uns zugeflogen, und ich spürte die Druckwelle.“ Einfach nur Glück sei es gewesen, dass an diesem Tag kein Fan an der Hecke gestanden habe oder dass keine fußballverrückten Kinder dem Bus auf der Ausfahrt des Hotels hinterhergerannt seien, so wie zu sehr erfolgreichen Zeiten des BVB.

          All das hört sich Sergej W. auf der Anklagebank an, wie meist ohne erkennbare Regung.

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