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Bluttat in Kandel : Die Altersfrage

Vor dem Drogeriemarkt in Kandel stehen Kerzen zur Erinnerung an das Opfer. Bild: WITTEK/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Die Gerichte werden nach der Bluttat in Kandel klären müssen, wie alt der Täter wirklich ist. Wie funktioniert das eigentlich? Und warum wird die Frage nicht viel früher von Medizinern geklärt – wie zum Beispiel in Österreich?

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          Es gibt wenige Menschen, die den jungen Mann kennen, der am Mittwoch in Kandel ein Mädchen in einer Drogerie erstochen hat. Zu ihnen gehört der Vater des Opfers. Er erklärte gegenüber der „Bild“, den Afghanen wie einen Sohn in seine Familie aufgenommen zu haben. Ob der Junge wirklich erst 15 Jahre alt ist, wie der es gegenüber den Behörden angegeben hatte, war dem Vater dabei wohl egal – jetzt will er es allerdings geklärt wissen. „Er ist nie und nimmer erst 15 Jahre alt“, sagte er. „Wir hoffen, dass wir durch das Verfahren jetzt sein wahres Alter erfahren.“ Er fachte damit eine Diskussion neu an, die in Deutschland bereits seit Monaten äußerst hitzig geführt wird. 

          Sebastian Eder
          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Auf der einen Seite stehen der „Bundesverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge“, das Deutsche Kinderhilfswerk und die Ärzteorganisation IPPNW. Die Organisationen veröffentlichten Mitte Dezember eine Stellungnahme unter der Überschrift: „Fachverbände lehnen Unionsvorschläge zur ,Altersfeststellung' ab“. Verschiedene Unionspolitiker hätten gefordert, die „medizinische Altersfeststellung“ bei unbegleiteten jungen Flüchtlingen gesetzlich vorzuschreiben, hieß es in dem Text. Das lehne man als „Symbolpolitik und gefährliche Stimmungsmache“ ab.

          Die „professionelle Inaugenscheinnahme pädagogisch geschulter Fachkräfte“ der Jugendhilfe müsse weiter Vorrang haben. Die Medizin sei sowieso nicht in der Lage, das Alter eines Menschen sicher festzustellen. Es sei nur eine Schätzung mit einer Streubreite von mehreren Jahren möglich. Ähnlich äußerte sich dazu auch der Vorsitzende des SPD-Nachwuchses. Wegen der ungenauen Schätzungen müsse erst einmal angenommen werden, dass die Altersangabe, die gemacht werde, korrekt sei, sagte Juso-Chef Kevin Kühnert. „Wenn Leute wie im Zoo begutachtet werden, habe ich da nach meinen Wertvorstellungen Probleme mit.“

          Wie werden Gutachten erstellt?

          Ein Arzt, der in der Vorstellung von Kühnert „Leute wie im Zoo begutachtet“, ist Andreas Schmeling. Zuletzt machte er das zum Beispiel im Mordprozess gegen Hussein K. in Freiburg. Seit Monaten geht es dort vor allem um das Alter des Angeklagten, das eine entscheidende Rolle für das mögliche Strafmaß spielt. Zuletzt bestätigte dem Gericht der Vater des Angeklagten die Einschätzung der Gutachter, dass Hussein K. zur Tatzeit sehr wohl volljährig war. Wie man als Gutachter vorgeht, um solche falschen Angaben aufzudecken? „Wenn es um die Volljährigkeit geht, röntgt man die linke Hand und das Gebiss, um das Mineralisationsstadium der Weisheitszähne bestimmen zu können“, sagt Schmeling.Wenn die linke Hand ausgereift ist, sich die Wachstumsfugen geschlossen haben, führt man noch eine Computertomographie-Untersuchung der Schlüsselbeine durch.“

          Die Drogeriefiliale wurde nach der Bluttat geschlossen.
          Die Drogeriefiliale wurde nach der Bluttat geschlossen. : Bild: dpa

          Das Schlüsselbein sei der Knochen des menschlichen Skelettes, dessen Wachstumsfuge sich als letztes schließe. In der Zusammenschau all dieser Befunde könne man dann sowohl das wahrscheinliche Alter als auch ein Mindestalter angeben. „Und das Mindestalter ist wirklich das geringstmögliche Alter. Das führt dazu, dass man die zu untersuchende Person niemals zu alt schätzt, sondern praktisch immer zu jung.“ Es stimme zwar, dass man nicht das genaue kalendarische Alter bestimmen könne – das sei für Behörden oder Gerichte aber auch nicht relevant. „Es geht darum, zu klären, ob jemand über 14, über 18 oder über 21 ist – und das kann man ohne vernünftige Zweifel feststellen.“

          Nach den Empfehlungen der Arbeitsgemeinschaft für Forensische Altersdiagnostik, deren Vorsitzender Andreas Schmeling auch ist, geht man zum Beispiel in Österreich vor. „Österreich ist das einzige Land der Welt, in dem gesetzlich geregelt ist, dass Altersgutachten nach den Standards unserer Arbeitsgemeinschaft eingeholt werden müssen, wenn die Minderjährigkeit angezweifelt wird“, sagt Schmeling. 2016 wurden laut dem österreichischen Bundesinnenministerium in 2252 Fällen Altersdiagnosegutachten erstellt, 919 Mal (41 Prozent) konnte die Volljährigkeit festgestellt und somit die Minderjährigkeit widerlegt werden. Schmeling sagt: „Wer tatsächlich minderjährig ist, würde niemals als volljährig klassifiziert werden.“

          Die CDU wirft den Jugendämtern Nachlässigkeit vor

          Kinderarzt Thomas Nowotny, der sich für Flüchtlinge engagiert, sieht das anders. Er erklärt auf Anfrage, dass man selbst mit einem CT vom Schlüsselbein nicht immer sicher klären könne, dass jemand volljährig sei – und vermutet, dass die Gutachter finanzielle Interessen hätten: „1200 Euro kriegen sie zusammen mit den Radiologen für ein Gutachten.“ Im Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen seien Gespräche der bessere Weg. 

          Es gibt in Deutschland aber durchaus schon eine rechtliche Grundlage dafür, in Zweifelsfällen eine ärztliche Untersuchung zur Altersbestimmung zu veranlassen. Zuständig dafür sind aber nicht wie in Österreich die Ausländerbehörden, sondern die Jugendämter. Und denen wirft die CDU Nachlässigkeit vor. Nadine Schön, stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion im Bundestag, sagte Anfang Dezember, es sei nicht länger hinnehmbar, dass durch die „laxe Handhabung vieler Jugendämter nach Schätzungen von Experten mindestens ein Drittel bis zur Hälfte der in Obhut genommenen Jugendlichen deutlich älter ist – eine große Anzahl sogar Mitte 20.“

          Laut einem Bericht der „Welt“ sind rund 43 Prozent der Migranten, die in Deutschland als „unbegleitete Minderjährige“ betreut werden, in Wahrheit älter als 18 Jahre. Gesetzliche Änderungen fordert deswegen auch der CDU-Innenexperte Ansgar Heveling: „Die medizinische Altersfeststellung muss bundeseinheitlich durch Gesetz vorgeschrieben werden. Eine neue Bundesregierung muss hierzu rasch einen Entwurf vorlegen.“ Man kann davon ausgehen, dass die Diskussion im Januar richtig losgehen wird: Dann werden SPD und Union sich zu Sondierungsverhandlungen für eine neue große Koalition treffen.

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