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Bluttat in Charleston : Der Süden und sein Stolz

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Haben Sie einen Beruf? No, Sir. – Der Angeklagte Dylann Roof in einer Videoschaltung während seines ersten Gerichtstermins. Bild: AP

Wieder einmal erschüttert ein Verbrechen Amerika: Ein Einundzwanzigjähriger erschießt in einer Kirche neun Schwarze. Die Reaktion: Hilflosigkeit.

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          Das Lachen ist Dylann Storm Roof schon in der ersten Gefängnisnacht vergangen. Bei seinem ersten Termin vor dem Strafgericht in Charleston, South Carolina, wirkte der Einundzwanzigjährige, dem das Massaker in einer der ältesten afroamerikanischen Kirchen des amerikanischen Südens zur Last gelegt wird, am Freitag wie ein schüchterner Schüler. In einem schwarzweißen Häftlingsoverall, die Hände auf dem Rücken gefesselt, hielt Roof die Augen gesenkt, während er bei einer Videoschaltung aus dem Gefängnis die Fragen von Richter James Gosnell beantwortete.

          Ihr Name? Dylann Storm Roof. Wie alt sind Sie? 21. Haben Sie einen Beruf? No, Sir. Den Blickkontakt, den er nach seiner Verhaftung am Tag zuvor provokant lächelnd mit Fernsehkameras und Schaulustigen gesucht hatte, vermied er angestrengt. Als die Angehörigen seiner neun Opfer im Gerichtssaal unter Tränen über ihren Verlust sprachen, blickte er kaum auf. Selbst die Sätze einer Tochter der 70 Jahre alten Ethel Lance, die er am Mittwochabend während einer Bibelstunde mit mehreren Kugeln getötet hatte, schienen ihn nicht zu erreichen: „Ich werde sie nie wieder in die Arme nehmen können. Aber ich vergebe Ihnen. Es schmerzt mich und viele andere Menschen, aber Gott vergibt Ihnen, und ich vergebe Ihnen auch.“



          Wie Roofs erster Gerichtstermin muten auch die Szenen, die sich am Mittwoch in der „Mother Emanuel“ genannten Kirche, der Emanuel African Methodist Episcopal Church, abspielten, fast surreal an. Wie eine Überwachungskamera zeigte, betrat Roof in Jeans und Sweatshirt gegen 20 Uhr die Kirche. Wie an jedem Mittwoch hatten sich im Keller des Ziegelbaus in Charlestons Innenstadt Gläubige mit ihrem Pastor zu einer Bibelstunde versammelt. Roof soll sich fast eine Stunde zu seinen späteren Opfern gesetzt haben, bevor er aufsprang und schoss. Den Appell eines Opfers, die Pistole niederzulegen, beantwortete der Sohn einer weißen Südstaatenfamilie mit einer Hasstirade gegen Schwarze – und indem er weiterschoss. Nach den bisherigen Ermittlungen lud er mindestens fünfmal nach.

          Wie der amerikanische Sender NBC erfuhr, sagte Roof bei der Polizei aus, er sei von der Gastfreundschaft der schwarzen Kirchengemeinde so beeindruckt gewesen, dass er vor dem ersten Schuss gezögert habe. Da er sich offenbar als Einzelkämpfer gegen eine vermeintliche schwarze Herrschaft über ein weißes Amerika sah, entschloss er sich dennoch, seine „Mission“ zu erfüllen.

          Ein verunsicherter Jugendlicher

          Woher Roofs schwarzweißes Weltbild stammte, blieb vorerst im Dunklen. Sein Onkel Carson Cowles zeichnete das Bild eines verunsicherten Jugendlichen, der sich spätestens in der Pubertät von Familie und Freuden zurückgezogen hatte. „Er war viel allein“, sagte Cowles der „Washington Post“. Nach der Trennung seiner Eltern wuchs Roof bei seinem Vater und dessen neuer Ehefrau auf. Als er die neunte Klasse nicht schaffte, verließ er die Highschool ohne Abschluss. Seine Tage verbrachte er in den folgenden Jahren meist vor dem Computer.

          Auf seiner Facebook-Seite präsentierte sich der Jugendliche mit dem altertümelnden Rundschnitt stolz auf der Motorhaube seines Wagens; an der Stoßstange prangte ein Aufkleber der rot-weiß-blauen Konföderierten-Flagge – während des amerikanischen Bürgerkriegs ein Zeichen südstaatlicher Selbstbestimmung, heute das juristisch umkämpfte Symbol des oft als Rassismus interpretierten „Southern Pride“. Wie ein ehemaliger Klassenkamerad der Website „The Daily Beast“ verriet, griff Roof zu LSD, Kokain und verschreibungspflichtigen Medikamenten.

          Vater schenkte ihm Waffe zum Geburtstag

          „Er machte auch rassistische Witze“, erinnerte sich der Schulkumpel. Er habe Roofs Sprüche aber nicht ernst genommen. Dass Roof eine Waffe besaß, soll nicht bekannt gewesen sein. Sein Vater hatte ihm die halbautomatische Pistole des Typs Glock angeblich erst Ende April zum 21. Geburtstag geschenkt.

          Die erste Anhörung erwartet Roof, angeklagt wegen neunfachen Mordes und unerlaubten Waffenbesitzes, nun am 23. Oktober. Seine Familie ließ durch seinen Pflichtverteidiger ein Statement verlesen: „Worte vermögen das Entsetzen und die Trauer über das, was in jener Nacht passiert ist, nicht auszudrücken. Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Angehörigen der Menschen, die in dieser Woche getötet wurden.“ Roofs 27 Jahre alte Schwester Amber, die ihren Bruder auf den Überwachungsvideos der Emanuel-Kirche erkannt und die Polizei verständigt hatte, sagte ihre für diesen Sonntag geplante Hochzeit ab. Roof soll nicht auf der Gästeliste gestanden haben.

          Die politischen Reaktionen derweil sind identisch mit denen nach jedem ähnlichen mass shooting: Eine Nation erschrickt über den Hass in ihrer Mitte, dieses Mal den zwischen den Rassen; Komiker Jon Stewart sagte schon am Donnerstag in seiner Show: „Wir haben diese klaffende Wunde des Rassismus, die einfach nicht heilt, und dennoch tun wir so, als gäbe es sie nicht.“ Und eine Nation fragt sich, ob derartige Vorfälle etwas mit den laschen Waffengesetzen zu tun haben; Präsident Barack Obama erklärte: „Irgendwann müssen wir uns als Land damit auseinandersetzen, dass diese Art von Massenschießereien in anderen fortschrittlichen Ländern nicht vorkommen.“

          Im Stadion des College of Charleston stimmten die Angehörigen der Emanuel-Gemeinde und Tausende Trauernde bei einer Gedenkfeier am Freitagabend Charles Albert Tindleys traditionelle Bürgerrechtshymne „We Shall Overcome“ an – als Signal, der Gewalt in der Kirche keine Gewalt auf der Straße folgen zu lassen.

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