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Blutrache : Ein anderes Verständnis von Gerechtigkeit

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Dennoch gehen die Diskussionen darüber, was unter „kulturell geprägten Straftaten“ verstanden wird, weiter. In juristischen Fachkreisen ohnehin, die inzwischen auf Seiten der Richter und Staatsanwälte sensibel geworden sind für Fälle von Ehrenmord oder Blutrache. Die Frage ist, ob die kulturelle Herkunft eines Täters eine Rolle spielen darf. Muss berücksichtigt werden, dass jemand aus einem vermeintlichen Zwang heraus handelt, um die Ehre der Familie wiederherzustellen? So wie in dem jüngsten Fall in Darmstadt, bei dem am vergangenen Mittwoch ein Pakistaner seine Tochter erwürgt haben soll, weil sie einen Mann heiraten wollte, mit dem die Familie nicht einverstanden war.

In Gedenken an die Berlinerin Hatun Sürücü: Keine Frage der Ehre - sogenannte „Ehrenmorde“ sind Morde aus niedrigen Beweggründen.

Die Justiz ist sich nicht einig. Das Wiesbadener Landgericht hatte vor einigen Jahren einen Deutsch-Afghanen, der seine schwangere Freundin erstochen hat, zwar wegen Mordes verurteilt, eine besondere Schwere der Schuld jedoch nicht festgestellt. Angeblich mit der Begründung, wegen der kulturellen und religiösen Herkunft habe sich der Täter in einer Zwangslage befunden. Die bisherige Rechtsprechung hat eindeutig festgelegt, dass soziokulturelle Wertvorstellungen nicht berücksichtigt werden müssen und erst recht kein Grund für eine Strafmilderung sind. Es gebe keinen „Islam-Rabatt“. „Ich sehe keine Anzeichen dafür, dass Gerichte bei der Verhängung von Strafen einen kulturellen Rabatt geben. Kulturelle Zwangslagen als Rechtfertigung für zum Teil schwerste Taten werden vor deutschen Gerichten nicht akzeptiert“, sagt die hessische Justizministerin Eva Kühne-Hörmann.

Paralleljustiz: Widerspruch zum Wertesystem des Grundgesetzes

Dennoch bleibt die politische Diskussion über eine Paralleljustiz. Seit November vergangenen Jahres gibt es eine bundesweite Arbeitsgruppe dazu. Auf der jüngsten Justizministerkonferenz hieß es in einem Beschluss aus Bayern, die Justizminister seien sich einig, dass eine Paralleljustiz, die außerhalb unserer Rechtsordnung stattfinde und dem Wertesystem des Grundgesetzes widerspreche, nicht geduldet werde.

Hamayon S. wird sich voraussichtlich in den nächsten Tagen zu der Tat äußern, über seinen Anwalt. Darauf, dass er sich möglicherweise verpflichtet gefühlt habe, im Namen der Familie seinen Bruder zu rächen, und aus seiner Sicht selbst eine Gerechtigkeit hergestellt hat, wird er vermutlich nicht eingehen. Sein Anwalt bleibt dabei, dass sich dann die Frage stelle, warum Hamayon S. so lange damit gewartet habe. Demnächst wird voraussichtlich auch das Video im Prozess gezeigt werden, das beweisen soll, dass es unmittelbar vor dem zweiten Prozess eine Drohung gegen die Familie von Hamayon S. gegeben haben soll, was dann möglicherweise einer der Auslöser war, Barellay A. und Mohammad P. zu töten. Außerdem sollen noch Familienmitglieder des mutmaßlichen Täters und der Opfer aussagen.

Hamayon S. selbst tut das, was er bei Mohammad P. vermisst hat. Er verfolgt den Prozess mit gesenktem Kopf. Und dabei sieht er nicht aus wie jemand, der Gerechtigkeit gefunden hat.

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