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Bistum Speyer : Ständiger Missbrauch durch Priester und Nonnen

  • -Aktualisiert am

Der Dom zu Speyer. Ein heute 63 Jahre alter Mann wurde als Kind in die Obhut von Geistlichen im Bistum Speyer gegeben und jahrelang missbraucht. Bild: ddp

Das Darmstädter Sozialgericht hat einem 63 Jahre altem Mann Recht gegeben, der als Kind in einem katholischen Heim in Speyer unfassbares Leid ertragen musste. Jahrelang war er misshandelt und sexuell missbraucht worden.

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          Es ist unfassbares Leid, das der heute 63 Jahre alte Mann als Kind durchstehen musste, nachdem er in die Obhut von Geistlichen im Bistum Speyer gegeben worden war. Detailliert kann man all das Grauen in einem Urteil des Darmstädter Sozialgerichts vom Mai dieses Jahres nachlesen, das erst jetzt öffentlich bekannt wurde. Das Gericht gab dem 1957 in Mainz geborenen Mann Recht, er hatte Hilfe nach dem Opferentschädigungsgesetz geltend gemacht aufgrund der erlittenen Misshandlungen und des sexuellen Missbrauchs.

          Julian Staib
          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Im Alter von fünf Jahren, im September 1963, war er in das katholische Kinderheim des Frauenordens der Schwestern vom Göttlichen Erlöser (Niederbronner Schwestern) an der Engelsgasse in der Speyrer Innenstadt gekommen. Die Zeit dort sei eine des „ständigen Missbrauchs“ gewesen, heißt es in dem Urteil. Von einem Missbrauch an ihm in rund 1000 Fällen geht der Mann aus, zudem in 300 Fällen bei seiner nachfolgenden Ausbildung in einer Bäckerei. Als Zeitraum werden die Jahre 1963 bis 1975 genannt.

          Die Nonnen hätten ihn „regelrecht hingeschleppt“

          „Systematisch“ habe der Missbrauch in seiner Zeit als Ministrant nach seiner „Zwangstaufe“ begonnen. Er sei einem Priester zugeordnet gewesen, der auch sein Beichtvater gewesen sei, so sei der „Kreis immer geschlossen gehalten worden“. Dabei habe es sich um den Generalvikar und Offizial des Bistums Prälat Rudolf Motzenbäcker gehandelt. Diesen beschuldigt der Kläger des vielfachen Missbrauchs. Motzenbäcker habe sich alleine sowie mit anderen Personen an ihm bei „Sexpartys“ vergangen, habe ihn wiederholt in seine Wohnung mitgenommen. Er, der Kläger, habe bei dem vielfachen Missbrauch auf der Kniebank von Motzenbäcker knien müssen. Es sei immer ein Vorwand gesucht worden, damit er zu ihm kommen musste, zum Beispiel „Hilfe im Garten“. Einmal hätten ihn drei Priester gemeinsam missbraucht. Die Nonnen hätten ihn „regelrecht hingeschleppt“. An anderer Stelle wird der Vorwurf erhoben, die Nonnen hätten an dem Zuführen der Missbrauchsopfer an die Täter Geld verdient. Irgendwann habe er seinen Widerstand dagegen aufgegeben, heißt es in dem Urteil.

          Bei den „Sexpartys“ habe er ein Mädchen kennengelernt. Mit zwölf Jahren sei dieses schwanger geworden. Er habe versucht, ihr zu helfen, sei mit ihr zusammen bei der Polizei und anderen Behörden gewesen. Überall habe man sie als Lügner dargestellt. Eines Tages sei das Mädchen verschwunden. Er habe sie aufgehängt im Speicher gefunden. Er glaube jedoch nicht an Suizid. Es habe keine Aufstiegshilfe gegeben. Er vermute, dass das Mädchen zu viel gewusst habe. Vielleicht habe sie den Namen des Manns gekannt, von dem sie schwanger geworden sei. Er sei daran „innerlich zerbrochen“, heißt es in dem Urteil. Danach sei er aggressiv geworden und habe versucht, sich körperlich zu wehren, dies habe aber weitere Schläge durch die Nonnen hervorgerufen.

          Auch Politiker seien unter den Missbrauchstätern gewesen

          Der Mann hat eine Internetseite eingerichtet, die den Namen des Frauenordens trägt. Auf dieser erhebt er weitere schwere Vorwürfe und gibt die Geschichte seines offenbar schon lange andauernden Streits um rechtliche und finanzielle Wiedergutmachung wieder. Dem Gerichtsurteil zufolge wurden Strafanzeigen wegen Verjährung eingestellt. Auf der Internetseite heißt es, die Schwestern hätten Kinder nicht nur dem Missbrauch zugeführt, sondern auch geschlagen, hungern lassen und Zwangsabtreibungen vorgenommen. Auf der Seite werden angebliche Berichte von Betroffenen möglichen sexuellen Missbrauchs auch aus anderen Einrichtungen der Niederbronner Schwestern aufgeführt, etwa aus Oberammergau und Nürnberg. Weiterhin heißt es auf der Seite, auch Politiker seien unter den Missbrauchstätern gewesen. Der vielfache Missbrauch sei mit dem Wissen von „Polizei, Justiz, Jugendamt und Bischof“ geschehen. In dem Urteil des Darmstädter Sozialgerichts, das der F.A.Z. vorliegt, ist von „authentischen Angaben“ des Klägers und „selbst Erlebtem“ die Rede. Der Mann leide als Folge des erlittenen Unrechts an einer Posttraumatischen Belastungsstörung sowie psychischen Störungen, heißt es weiter. Ans Licht kam der Fall durch die Klage des Manns nach dem Opferentschädigungsgesetz. Vom Bistum Speyer bekam er eine Summe von 15.000 Euro.

          Der Missbrauchsbeauftragte des Bistums Speyer ließ dem Gericht zufolge wissen, dass es Verfahren zu vier Betroffenen des im Jahr 2000 geschlossenen Kinderheims gebe. Akten hätten nicht mehr gefunden werden können. Die Betreuung des Klägers in der Einrichtung wurde aber bestätigt. Von dem Missbrauchsbeauftragten der Niederbronner Schwestern hieß es demnach, es gebe keine Unterlagen zu dem Aufenthalt der Kinder in der Einrichtung mehr. Befragungen der Schwestern des Ordens hätten die Vorwürfe des Klägers nicht bestätigt. „Im Übrigen sei der Kontakt zu dem Kläger beendet worden.“

          „Zahlungen in Anerkennungen des Leids“ geleistet

          Das Bistum Speyer hat mit dem Betroffenen mehrere Gespräche geführt. „Wir glauben ihm, dass er als Kind und Jugendlicher in der Obhut des (...) Kinderheims (...) schweren Missbrauch erlitten hat“, sagte Bischof Karl-Heinz Wiesemann in einem kürzlich veröffentlichten Interview in der Bistumszeitung „Der Pilger“. Daher habe man „Zahlungen in Anerkennungen des Leids“ geleistet und Therapiekosten übernommen. Wiesemann gab weiterhin an, zwei weitere Betroffene hätten unabhängig voneinander Missbrauchsvorwürfe gegen Motzenbäcker erhoben. Dieser war von dem Kläger zuvor in dem Urteil vom Mai als Haupttäter angegeben worden. Das Bistum habe „alle Informationen der Staatsanwaltschaft mitgeteilt“, sagte Wiesemann weiter. Allerdings ist Motzenbäcker 1998 verstorben; die Staatsanwaltschaft ermittelt nicht gegen Verstorbene.

          Es könne sein, dass es „weitere Betroffene“ gebe, die sich bisher nicht getraut hätten, sich zu melden, sagte Wiesemann weiter. Er bat alle, die einen sexuellen Missbrauch durch Mitarbeiter der Kirche erfahren haben, mit den beiden unabhängigen Missbrauchsbeauftragten des Bistums Kontakt aufzunehmen. Er sei selbst in den vergangenen Jahren einen „schmerzlichen Weg des Lernens“ gegangen. In den Gesprächen, die er mit Betroffenen von Missbrauch geführt habe, sei ihm „die Dimension des erlittenen Leids und Unrechts immer tiefer aufgegangen“. Nur wenn sich die Kirche „den dunklen Seiten der Vergangenheit“ ehrlich stelle, sei sie Kirche im Sinne Jesu.

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