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Mafia in Deutschland : „Das ist ein gewaltiges Sicherheitsrisiko“

Bei einer großangelegten Razzia gingen Ermittler im Dezember 2018 gegen die ’Ndrangheta in Deutschland (hier in Duisburg), Belgien, Italien und den Niederlanden vor. Bild: dpa

Die ’Ndrangheta gilt als gefährlichste Mafiaorganisation. Laut neuesten Schätzungen der Bundesregierung hat sie 1000 Mitglieder in Deutschland, von denen nur gut ein Drittel den Behörden bekannt sind.

          Die `Ndrangheta, die als gefährlichste der italienischen Mafiaorganisationen gilt, hat nach aktuellen Schätzungen der Bundesregierung 800 bis 1000 Mitglieder in Deutschland. Man gehe davon aus, dass hierzulande mindestens 18 bis 20 sogenannte „locale“, also feste Stützpunkte der kalabrischen Mafia, existierten, heißt es in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Grünen, die dieser Zeitung vorliegt.

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Da jedem einzelnen Stützpunkt bis zu 50 Mitglieder zugerechnet werden könnten, schreibt die Regierung von einem „erheblichen Dunkelfeld“. Bekannt sind den deutschen Sicherheitsbehörden den Angaben zufolge nur 344 mutmaßliche ´Ndrangheta-Mitglieder. „Die Bundesregierung muss einräumen, dass es in örtlichen Stützpunkten in Deutschland mindestens dreimal so viele Mitglieder gibt, wie bisher bekannt war“, sagt Irene Mihalic, die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion. „Das ist ein gewaltiges Sicherheitsrisiko und ein Dunkelfeld, das es zu erhellen gilt.“

          „Einflussreichste kriminelle Organisation in Deutschland“

          Insgesamt rechnen die Ermittlungsbehörden der italienischen Mafia 585 Personen zu, die sich dauerhaft in Deutschland aufhalten. Auf die ´Ndrangheta als größte Gruppierung folgt die sizilianische Cosa Nostra mit 123 Mitgliedern. Hinzu kommen die Ableger der Camorra aus Kampanien mit 94 Mitgliedern sowie die Mafiaclans aus der Region Apulien, denen 18 Personen angehören sollen. Im Vergleich zu anderen Gruppierungen der organisierten Kriminalität wie etwa Rockerbanden oder der russisch-eurasischen Mafia, schreibt das Innenministerium in seiner Antwort, weise die italienische Mafia einen besonders hohen „Organisations- und Professionalisierungsgrad“ auf. Um ihre kriminellen Aktivitäten zu verschleiern, verhielten sich die italienischen Gruppierungen in Deutschland defensiv und verzichteten weitgehend auf Gewalttaten. Charakteristisch seien Einflussnahmen auf Personen etwa der Politik oder der Wirtschaft. Im Jahr 2017 seien drei entsprechende Versuche italienischer Mafiagruppierungen registriert worden, schreibt das Innenministerium, ohne diese Fälle näher auszuführen. „Die Antwort ist eine deutliche Mahnung. Die Gruppen der italienischen Mafia müssen als die einflussreichsten kriminellen Organisationen in Deutschland angesehen werden“, sagt Mihalic. Und der Verein „Mafia nein danke“ kritisiert: „Wir erleben gerade, wie sich der Staat mit großem Aufwand gegen die kriminellen Teile arabischer Clans wehrt. Man müsste mindestens mit ähnlichem Aufwand gegen die italienische Mafia und die anderen Verbrecherorganisationen in Deutschland vorgehen.“

          Zuletzt war die Polizei im vergangenen Jahr im Rahmen zweier länderübergreifender Ermittlungsverfahren gegen die ´Ndrangheta vorgegangen. Die „Operation Pollino“ richtete sich gegen ihr Kerngeschäft: den internationalen Handel mit Kokain. Diesen sollen die Mafiosi unter anderem von Stützpunkten in Nordrhein-Westfalen aus geplant und durchgeführt haben. Insgesamt wurden 90 Verdächtige festgenommen, 14 davon in Deutschland. Fragen zu Details und zu weitergehenden Erkenntnissen über die Strukturen der ´Ndrangheta und ihrer Drogengeschäfte ließ die Bundesregierung mit dem Hinweis unbeantwortet, dass die Ermittlungen im Rahmen von „Pollino“ noch nicht abgeschlossen seien.

          Die „Operation Stige“ richtete sich Anfang 2018 gegen einen Clan, der vor allem im Raum Stuttgart und in Nordhessen aktiv war. Die mutmaßlichen Mafiosi, die auf der Grundlage von europäischen Haftbefehlen aus Italien festgenommen wurden, sollen unter anderem Gastwirte gezwungen haben, Lebensmittel zu überhöhten Preisen zu kaufen. Die entsprechenden Gerichtsverhandlungen laufen derzeit in Kalabrien. Während im Rahmen des Verfahrens in Italien zudem Vermögen in Millionenhöhe beschlagnahmt wurde, darunter Immobilien, Gastronomiebetriebe und Fahrzeuge, blieben derartige Maßnahmen in Deutschland aus. „Vermögenssicherungen für die in Deutschland wohnhaften Beschuldigten“, schreibt das Innenministerium, seien von den italienischen Behörden nicht beantragt worden.

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