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Biographie eines Mörders : „Er glaubt, dass Gott ihm vergeben hat“

Nach sieben Jahren Telefonkontakt willigte der Auftragsmörder Júlio Santana ein, den Journalisten Klester Cavalcanti zu treffen – und ließ dieses Foto von sich machen Bild: Klester Cavalcanti

Júlio Santana hat in Brasilien als Auftragsmörder gearbeitet und 492 Menschen getötet. Trotzdem lebt er mit seiner Familie unbehelligt und in Freiheit. Der Journalist Klester Cavalcanti hat ihn getroffen.

          7 Min.

          Herr Cavalcanti, Sie haben die Biographie eines Auftragsmörders geschrieben. Wie kam es dazu?

          David Klaubert

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          In den neunziger Jahren war ich Korrespondent der Zeitschrift „Veja“ im Amazonasgebiet. Dort habe ich für eine Reportage über Sklavenarbeit auf Farmen recherchiert und die Polizei bei einem Einsatz begleitet. Einer der Polizisten, er hieß mit Spitznamen Rambo, erzählte mir, dass es in der Gegend durchaus üblich sei, dass die Großgrundbesitzer Pistoleiros, also Auftragsmörder, anheuerten. Ich habe ihm gesagt, dass ich gerne über einen dieser Killer schreiben würde. Ein paar Tage später meldete sich der Polizist bei mir, gab mir eine Telefonnummer und sagte: „Ruf da morgen um 14 Uhr an.“ Das habe ich gemacht. Ich bin davon ausgegangen, dass es die Nummer eines Gefängnisses oder einer Polizeistation sei.

          War es nicht?

          Nein. Es war die Nummer einer öffentlichen Telefonzelle in dem Städtchen, in dem der Killer lebte. Ich war ziemlich überrascht, dass mir ein Polizist diese Nummer gegeben hatte, dass ein Polizist wusste, dass da ein Auftragsmörder lebte und arbeitete - ihn aber nicht festnahm.

          Und dann hatten Sie den Auftragsmörder am Telefon?

          Ja. Ich stellte mich vor, sagte ihm, dass ich auf Anraten des Polizisten Rambo bei ihm anrief. Er sagte: „Dann bist du bei mir richtig.“ Ich fragte: „Wie heißt du?“ Er antwortete: „Júlio.“ Ich fragte: „Ist das dein richtiger Name?“ Er sagte: „Ja.“ Dann erklärte ich ihm, dass ich gerne einen Artikel über ihn und seine Arbeit schreiben würde, dass ich seine Geschichte erzählen wollte. Und er willigte ein.

          Warum sollte ein Mörder mit einem Journalisten über seine Verbrechen sprechen?

          Jeder spricht gern über sich selbst. Wenn ein Journalist ankommt und dich interviewen will, dann ist das etwas Tolles. Du fühlst dich wichtig. Sieben Jahre lang habe ich jeden Monat mit Júlio telefoniert, mal eine Stunde, mal anderthalb. Und irgendwann hat er zugestimmt, dass ich mich mit ihm treffe und dass ich das Buch über ihn schreibe.

          Was hat er Ihnen über seine Kindheit erzählt?

          Júlio hatte eine sehr ruhige Kindheit. Er wuchs in den siebziger Jahren in einer Holzhütte am Flussufer auf, er angelte, jagte, aß Früchte aus dem Regenwald und was die Familie so anpflanzte. Ein gesundes Leben, ganz ohne Dramen. Er hatte alles, um einmal Fischer zu werden, wie sein Vater es war.

          Doch er wurde Auftragsmörder.

          Eines Tages war sein Onkel zu Besuch. Und der arbeitete als Pistoleiro - was aber niemand in der Familie wusste. Alle dachten, er sei Polizist. Der Onkel hatte den Auftrag, in der Gegend einen Fischer zu töten. Doch er wurde krank. Deshalb weihte er Júlio ein und bat ihn, den Auftrag zu übernehmen. Júlio tat es. Und nachdem er zum ersten Mal in seinem Leben einen Menschen getötet hatte, er war damals gerade 17 Jahre alt, ging es ihm richtig schlecht. Er wollte das nie wieder machen.

          Und weshalb tötete er weiter?

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