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„Superstar“ Severino Seeger : Bewährung für Betrug an alten Damen

Severino Seeger vor Gericht Bild: dpa

RTL-„Superstar“ Severino Seeger muss nicht ins Gefängnis: Das Gericht hat ihn wegen gewerbsmäßigen und bandenmäßigen Betrugs zu einem Jahr und neun Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

          Frankfurt, 2. Juni. Schwarzes Jackett, Jeans, den dunklen Schlips lose gebunden, Föhnfrisur, Dreitagebart: Severino Seeger kommt in den Gerichtssaal, wie man ihn noch aus dem Fernsehen vor Augen hat. Allerdings sieht der kameravertraute Gewinner der diesjährigen Staffel von „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) diesmal zu, dass er möglichst schnell aus dem Blitzlichtgewitter kommt. Angeklagt des banden- und gewerbsmäßigen Betrugs älterer Frauen muss der Achtundzwanzigjährige aus dem südhessischen Ort Wächtersbach vor dem Frankfurter Landgericht mit einer empfindlichen Strafe rechnen. Ob er sein Preisgeld von einer halben Million Euro behalten darf, hängt wohl von den Klauseln des Vertrages ab, den er mit dem Sender RTL abgeschlossen hat. Offenbar rechnet er fest damit. Er will, das sicherte er am Dienstag vor Gericht zu, mit dem Geld den von ihm angerichteten Schaden in Höhe von rund 100.000 Euro wieder gut machen, obwohl er ihn nur zu einem Viertel mitverursacht hatte und etwa 8000 Euro Anteil an der Beute erhielt. Die 100.000 Euro hat er schon bei einem Notar hinterlegt.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          In seinem letzten Wort bittet der Angeklagte um eine „zweite Chance“, ihm tue alles sehr leid. Am Ende kommt er glimpflich davon. Die Strafkammer verhängt eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und neun Monaten wegen banden- und gewerbsmäßigen Computerbetrugs in sechs und wegen Betrugs in zwei Fällen. Weil er wesentlich mit seinem frühen Geständnis zur Aufklärung beigetragen, den Opfern ein Erscheinen vor Gericht erspart und den Schaden in einem Maß wieder gut gemacht habe, zu dem er nicht verpflichtet sei, könne Bewährung gewährt werden. Die Aussicht, dass er künftig keine Straftaten mehr begehe und ein geregeltes Leben führe, die Sozialprognose, sei gut, so das Gericht. Severino Seeger nimmt das Urteil sofort an.

          Schwindelig geredet

          Wesentlich weniger Fans als erwartet sind zum Prozess gekommen, drei Dutzend vielleicht, die meisten Frauen. Einige tragen T-Shirts mit Aufschriften wie „Severino, König der Herzen“. Seeger soll sich vor zwei Jahren an einer perfiden Masche beteiligt haben, alte Menschen um ihr Erspartes zu bringen. Das schon Ende 2013 abgelegte Geständnis wiederholt er am Dienstag vor Gericht. Er war einer der „Abholer“, derjenige, der sich als angeblicher Bankangestellter EC-Karten geben ließ, um, so der Vorwand, Schlimmeres zu verhindern. Die Opfer, Frauen im Alter zwischen 74 und 88 Jahren im Rhein-Main-Gebiet, waren zuvor von Komplizen am Telefon schwindelig geredet worden: Hacker hätten den Server der Bank angegriffen und plünderten die Konten; man könnte sie nur stoppen, wenn die Bank die EC-Karte hätte und die jeweilige PIN-Nummer. Auch die Legende vom falschen oder fehlgedruckten Geld, das die Seniorinnen beim letzten Mal abgehoben hätten und das nun in echte Banknoten umgetauscht werden müsse, verfing in vielen Fällen. Einmal bekam Seeger laut Anklage 12000 Euro in Kuverts überreicht.

          Der gefallene DSDS-Star zeigt sich vor Gericht reumütig, einmal wischt er sich sogar Tränen aus den Augen. Er sei so „doof“ gewesen, sich von seinem Cousin da rein ziehen zu lassen. Nicht gerade schlau war er auch, als er das Geld nach dem Besuch bei den alten Damen aus dem nächsten Bankautomaten holte. Die Bilder der Überwachungskameras zeigen, wie er manchmal ein Tuch bis unter die Nase gezogen hatte. An einem heißen Junitag 2013 wurde der Angestellte einer Bank stutzig, dass ein Mann in Winterjacke, mit Schal und Mütze, sich am Geldautomaten zu schaffen machte. Er verfolgte ihn und notierte das Kennzeichen – Severino Seeger war wie immer mit dem Wagen seines Schwiegervaters unterwegs.

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