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Zum Urteil im Staufen-Prozess : Besser hinschauen

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Im Gerichtssaal in Freiburg sprachen die Richter am Dienstag die Urteile gegen die Mutter und ihren Lebensgefährten. Bild: dpa

Im Kindesmissbrauchsfall von Staufen sind die Mutter und ihr Lebensgefährte zu langen Haftstrafen verurteilt worden. Doch der Prozess hat viele Fragen aufgeworfen. Was kann man tun, dass sich solche Fälle nicht wiederholen?

          Das Urteil gegen die beiden Hauptangeklagten kann nicht das letzte Wort im Fall Staufen gewesen sein. So richtig die Entscheidung ist, die Mutter und ihren Lebensgefährten wegen des wiederholten Kindesmissbrauchs mit hohen Freiheitsstrafen zu belegen – systematisch hilft der Blick auf eine Frau, der jede Empathie für ihren eigenen Sohn fehlte, nicht viel weiter. Die Fragen sind vielmehr: Wie konnten die Fälle von Missbrauch und Vergewaltigung so lange unentdeckt bleiben? Wo versandeten die Hinweise auf die Zustände? Wieso wurde der Lebensgefährte nicht besser überwacht? Und was kann man tun, dass sich solche Fälle nicht wiederholen?

          Die Spur führt wieder einmal ins Darknet, den anonymen Teil des Internets, in dem sich Millionen Nutzer bewegen. Vom Waffenverkauf bis zum Mordauftrag sind dort schon viele illegale Geschäfte abgewickelt worden. Auch dem Missbrauch hat sich das schwer zu durchdringende „dunkle Netz“ weit geöffnet. Der Junge aus Staufen wurde dort anderen Männern gegen Geld zum Sex vermittelt; die Taten wurden gefilmt und verbreitet. Der Vergleich mit früheren Fällen – etwa dem Missbrauch in der „Tosa-Klause“ in Saarbrücken vor fast zwei Jahrzehnten – führt nicht weiter.

          Denn das Internet hat die Möglichkeiten vervielfacht, Menschen zum Missbrauch anzubieten wie auf einem Markt. Man muss sich das vorstellen: Die Bewegtbilder aus Staufen kursieren weiter in einschlägigen Netzwerken. Einem Kind wurde nicht nur unendliches Leid zugefügt. Es hat nicht einmal die vollständige Kontrolle über sein künftiges Leben.

          Natürlich bleiben auch die Fragen an das Jugendamt, das den Jungen sogar einmal in Obhut genommen hatte, bevor er von zwei Familiengerichten zurück zur Mutter geschickt wurde. Auch muss geklärt werden, warum der Lebensgefährte das Verbot umgehen konnte, mit Kindern und Jugendlichen Kontakt aufzunehmen. Vor allem aber sollte Staufen den Blick auf die Kriminalität im Internet lenken. Das Bundeskriminalamt, die Landeskriminalämter und die Zentralstellen für „Cybercrime“ haben zwar Fortschritte in Undercover-Ermittlungen gemacht, wie auch der Fall des Waffenhändlers beweist, der nach dem Amoklauf in München gefasst wurde. Aber dem weiter wachsenden illegalen Treiben im sichtbaren und vor allem im unsichtbaren Netz laufen sie oft nur hinterher. Da muss mehr passieren.

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

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