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Berufungsverfahren : Kommt Amanda Knox bald frei?

Seit dreieinhalb Jahren im Gefängnis: Die 24 Jahre alte Amanda Knox Ende Juli im Berufungsgericht in Perugia, neben ihr kniet ihre Mutter Bild: AFP

Die Chancen auf einen Freispruch für Amanda Knox stehen nicht schlecht: Ein neues Gutachten entlastet die Amerikanerin im Berufungsprozess wegen des Mordfalls von Perugia.

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          Amanda Knox’ Mutter vergleicht den Fall ihrer Tochter mit einem anderen prominenten Justizfall, dem von Dominique Strauss-Kahn. Die amerikanische Justiz schneidet im Urteil der Lehrerin aus Seattle besser ab als die italienische. „Im Fall Dominique Strauss-Kahn zogen die Ankläger voreilige Schlüsse, aber als die Dinge nicht aufgingen, machten sie das wieder rückgängig“, sagte die Amerikanerin kürzlich einer Reporterin der „New York Times“ in Perugia. „Warum können sie es hier nicht rückgängig machen?“

          Seit dreieinhalb Jahren sitzt die 24 Jahre alte Amanda Knox im Gefängnis. Verurteilt wegen Mordes an ihrer Mitbewohnerin. Knox‘ Familie hofft, dass sie Ende September freikommen wird. Dann soll der Berufungsprozess in Perugia enden – und die Chancen für Amanda Knox stehen nicht schlecht: Zwei Gerichtsmediziner der Sapienza-Universität in Rom machen der Spurensicherung in einem Gutachten schwere Vorwürfe.

          So sei die italienische Polizei nicht ordnungsgemäß mit Masken und Pinzetten umgegangen. Die Gerichtsmediziner bezweifeln die Aussagekraft eines früheren Gutachtens, auf das sich das Schwurgericht in dem Indizienprozess 2009 gestützt hatte. In diesem hieß es, dass Blutspuren der getöteten 21 Jahre alten britischen Studentin Meredith Kercher an der Klinge eines Küchenmessers gefunden worden seien – und Blutspuren von Amanda Knox am Griff. Sichergestellt worden war die angebliche Tatwaffe im November 2007 in der Wohnung von Raffaelo Sollecito, damals der Freund von Amanda Knox und ebenfalls wegen Mordes an Kercher verurteilt. Amanda Knox hatte stets ausgesagt, das Messer regelmäßig zum Kochen verwendet zu haben. Die neuen Gutachter sagen, es sei nicht sicher, dass die DNA an der Klinge von Kercher stamme; um Blut handle es sich dabei ohnehin nicht.

          Schon kurz nach der Tat wurde sie zur Ikone

          Weiterhin halten es die Gutachter für möglich, dass Spuren erst nach der Tat auf Gegenstände gekommen sind. Das gelte vor allem für den Verschluss von Kerchers BH, an dem die ersten Gutachter Sollecitos Erbgut nachgewiesen hatten: Das Häkchen war laut zweitem Gutachten mit einem verunreinigten Handschuh berührt worden.

          Zugleich sind damit nicht alle Indizien beseitigt, die gegen das Paar Knox/Sollecito als Täter sprechen. Das Fenster der Wohnung, in der Kercher ermordet wurde, war von innen eingeschlagen worden. Aus Sicht des Schwurgerichts wies das auf einen Täter aus dem Haus hin, der einen Einbruch vortäuschen und von sich ablenken wollte – also auf Amanda Knox.

          Zudem gibt es eine Art Geständnis von ihr, das sie kurz nach der Tat machte. Vom Verhör existiert offenbar kein Mitschnitt, so dass unklar ist, ob Polizisten die Studentin mit Suggestiv-Fragen zu dieser Aussage brachten, während sie später stets ihre Unschuld beteuerte. Gegen die Verhörmethoden hat die Amerikanerin inzwischen Klage eingereicht.

          Schon kurz nach der Tat wurde Amanda Knox zur Ikone. Nach dem in Amerika als skandalös bewerteten Mordurteil musste sich Außenministerin Hillary Clinton rechtfertigen: Wegen Afghanistan sei sie so eingespannt gewesen, dass sie sich noch nicht mit dem Fall Amanda Knox befasst habe, sie werde das aber sofort tun. Das amerikanische Fernsehen verfilmte die Geschichte, der italienische PdL-Politiker Rocco Girlanda gab ein Buch mit Gesprächen mit Knox im Gefängnis heraus.

          Cappuccino aus einer Gefängnis-Kaffeemaschine

          In der italienischen Presse hatte Amanda, die in der Tatnacht bekifft auf der Polizeiwache gekichert, mit ihrem Freund geknutscht und Yoga gemacht haben soll, schnell ihre Spitznamen weg: Die junge Frau mit dem durchdringenden Blick wurde zum „Engel mit den Eisaugen“ und zu „Foxy Knoxy“. Zeitungen berichteten über ihr angeblich ausschweifendes Sexualleben in der umbrischen Uni-Stadt, das der Britin Kercher zu bunt geworden sei. Immer mehr Details über den Mord wurden bekannt: Das Opfer soll Gruppensex verweigert und dafür mit dem Leben bezahlt haben.

          Als dritter Täter wurde – noch vor Knox und Sollecito – Rudy Guede verurteilt, ein in der Elfenbeinküste geborener, in Italien aufgewachsener junger Mann. Seine DNA war in der Vagina des Opfers gefunden worden, sein blutiger Handabdruck in ihrem Zimmer. Ursprünglich zu 30 Jahren Haft verurteilt, wurde die Strafe in Guedes Berufungsprozess auf 16 Jahre verkürzt.

          Amanda Knox ist zu 26, Raffaele Sollecito zu 25 Jahren Gefängnis verurteilt worden. Beide beteuern, sie seien in der Tatnacht bei Sollecito gewesen. An ihrem 24. Geburtstag am 9. Juli trank Knox mit ihrem Anwalt Luciano Ghirga Cappuccino an einer Gefängnis-Kaffeemaschine. Ghirga sagte zu seiner Mandantin: „Ich hoffe, dass du deinen nächsten Geburtstag zu Hause in den Vereinigten Staaten feiern kannst.“

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