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SUV-Fahrer vor Gericht : War die Tragödie vermeidbar?

Mahnwache: Passanten gedenken am 6. September 2020 der Opfer, die bei dem Unfall an der Berliner Invalidenstraße ums Leben kamen. Bild: dpa

Der SUV-Fahrer, der in Berlin durch einen epileptischen Anfall einen Unfall mit vier Toten verursacht hat, will keine Fehler gemacht haben. Doch die Anwälte der Angehörigen sind empört.

          3 Min.

          Michael M. spricht von einem Unglück, von einem „schrecklichen, ganz grauenhaften Unglück, bei dem vier Menschen zu Tode gekommen sind“. Er sagt: „Ich bin zutiefst verzweifelt über das unermessliche Leid, das mein Unfall verursacht hat.“ Und: „Das furchtbare Leid, was hierdurch entstanden ist, wird mich mein Leben lang begleiten.“ Lange Pausen zwischen seinen Sätzen wirken, als müsse er Anlauf nehmen vor der jeweils nächsten Hürde, und dann bleiben ihm die Worte doch fast im Hals stecken. Sichtlich mitgenommen spricht er den Angehörigen sein Beileid aus. Trotzdem werden die Anwälte der Angehörigen anschließend sagen, die Einlassung von Michael M. habe sie empört.

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Mittwoch vor dem Landgericht Berlin: Gut zwei Jahre, nachdem ein Gelände­wagen mitten in der Berliner Innenstadt vier Personen tötete, die an einem lauen Freitagabend wartend an einer Ampel standen, muss sich der Fahrer des Wagens wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Der Unfall mit dem 400 PS starken Porsche Macan Turbo erschütterte damals das ganze Land und entfachte eine Diskussion über Nutzen und Risiken von SUVs in Großstädten.

          Laut Anklage war Michael M. am 6. September 2019 auf der Invaliden­straße im Bezirk Mitte unterwegs und scherte auf die Gegenfahrbahn aus, weil sich vor ihm an der roten Ampel eine Schlange gebildet hatte. „Infolge eines epileptischen Anfalls verkrampfte er und trat das Gaspedal durch“, liest der Staatsanwalt vor. Michael M. habe beschleunigt, sei etwa 80 Meter auf der Gegenfahrbahn geradeaus gerast und habe auf der Kreuzung Ackerstraße drei Poller und einen Ampelmast umgerissen. Dadurch sei sein Wagen in die Luft geschleudert worden, wo er sich mehrfach überschlagen und zugleich um die eigene Achse gedreht habe. Vier Fußgänger kamen ums Leben: ein junger Brite und sein spanischer Lebensgefährte, gerade erst nach Berlin gezogen. Ein drei Jahre alter Junge und seine Großmutter. Die Kollisions­geschwindigkeit beim Aufprall, so sagt es der Staatsanwalt, habe zwischen 102 und 106 Stundenkilometern gelegen.

          „Seit mehr als 20 Jahren unfallfrei“

          Michael M. hat noch nie in seinem Leben vor Gericht gestanden. Der Mann mit Vollbart, dem ein weißer Hemdkragen aus dem V-Ausschnitt ragt und der die Haare so kurz geschoren trägt, dass die kahler werdende Schädeldecke weniger auffällt, beschreibt sich in seiner Einlassung als Inbegriff eines unbescholtenen, gelingenden Lebens: im westfä­lischen Herne aufgewachsen, Abitur, Zivildienst, Studium der Betriebswirtschaftslehre. Nichtraucher, kein Rauschgift: „Ich habe immer viel Sport gemacht und nur selten Alkohol getrunken.“

          Berlin: Der Angeklagte steht im Gerichtssaal zwischen seinen Anwälten. Die Anklage wirft dem Mann fahrlässige Tötung und fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs vor.
          Berlin: Der Angeklagte steht im Gerichtssaal zwischen seinen Anwälten. Die Anklage wirft dem Mann fahrlässige Tötung und fahrlässige Gefährdung des Straßenverkehrs vor. : Bild: dpa

          Mit seiner Frau sei er seit 2011 „glücklich verheiratet“. Mit seiner Tochter, Jahrgang 2013, und seiner Mutter sei er an jenem Abend unterwegs gewesen zu einem italienischen Restaurant. Sein zweites Kind, ein Sohn, sei wenige Wochen nach dem Unfall zur Welt gekommen. M. bezeichnet sich als „ruhigen und besonnenen Autofahrer“, seit mehr als 20 Jahren unfallfrei, ein Punkt in Flensburg wegen einer Geschwindigkeitsübertretung. 2018 habe er sich selbständig gemacht und einen „neuen Automobilclub einschließlich aller Dienstleistungen rund um das Auto sowie den Handel mit seltenen Fahrzeugen“ aufgebaut.

          Tatsächlich allerdings, gibt Michael M. zu, dass er im Mai 2019, also vier Monate vor dem Unfall, im Schlaf einen „nur wenige Sekunden“ dauernden ersten epileptischen Anfall erlitten habe. Anschließend habe er Medikamente genommen und beschlossen, sich einen „gutartigen, nicht behandlungsbedürftigen“ Tumor aus dem Kopf entfernen zu lassen, den man im Jahr zuvor diagnostiziert habe. Die Operation in einer Schweizer Klinik erfolgte am 7. August. Dank einem unkomplizierten Heilungsverlauf, be­ruhigender Nachkontrollen sowie ent­lastender Befunde sagt M.: „Es war wie ein Neustart.“ Mit der Operation und der Medikation habe er alles getan, um einen neuerlichen epileptischen Anfall auszuschließen. Nie wäre er sonst mit seiner Tochter und seiner Mutter ins Auto gestiegen. Im Übrigen habe allein in dem Arztbrief der Charité nach dem Anfall im Mai gestanden, dass er drei Monate nicht Auto fahren dürfe. „Dies war das einzige Mal, dass ich bei meinen vielen Arzt­besuchen einen solchen eindeutigen und schriftlichen Hinweis erhalten habe.“ Sein Schweizer Professor habe ihm lediglich mündlich geraten, vier Wochen nach der Operation nicht selbst zu fahren.

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          Die Staatsanwaltschaft sieht das anders: M. habe gewusst, dass er am ­Tattag kein Auto hätte fahren dürfen. Auch für die Anwälte der Nebenklage ergibt sich aus den Akten ein anderes Bild: Nicht nur, dass sein behandelnder ­Berliner Neurologe Michael M. nach der Operation darauf hingewiesen habe, dass er ein Jahr lang kein Fahrzeug steuern dürfe. Seine Ehefrau habe in ihrer Aussage bei der Polizei sogar geäußert, dass sie sich unmittelbar vor dem Unfall Sorgen gemacht habe, ihr Mann könnte stress­bedingt einen weiteren Anfall erleiden.

          Rechtsanwältin Christina Clemm, die die Eltern des getöteten Kindes vertritt, hält M. für einen „absoluten Autofan“, der „gegen ärztlichen Rat“ mit einem „übermotorisierten Fahrzeug“ unterwegs gewesen sei. Für die Hinterbliebenen wäre es leichter, wenn es sich tatsächlich „einfach nur um ein großes Unglück“ gehandelt hätte. Diese Tragödie jedoch, so Peer Stolle, Rechtsbeistand der Familie des Briten, wäre vermeidbar gewesen.

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