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Kommentar : Die Täter sind unter uns

Hamid H. lieferte sich mit seinem Mitangeklagten ein illegales Autorennen auf dem Berliner Kudamm. Beide wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Bild: dpa

Lebenslang für Raser – sind wir jetzt alle potentielle Mörder? Das Urteil betrifft einen Extremfall. Es hat aber eine Breitenwirkung.

          Mord und Totschlag im Straßenverkehr – kein Zweifel, das gibt es: Gerade ist in Heidelberg ein Mann in eine Fußgängermenge gerast. In Berlin lag der Fall anders – aber auch dort wurde ein Mensch getötet. Zum ersten Mal sind Raser wegen Mordes und damit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Doch sollte dieses noch nicht rechtskräftige Urteil des Berliner Landgerichts nicht vorschnell zu einer Wende erklärt werden. Zweifellos fällt die Entscheidung auch deshalb auf, weil kürzlich erst in Bremen ein ebenfalls notorisch rasender, todbringender Motorradfahrer zu noch nicht einmal drei Jahren Haft verurteilt wurde. Fahrlässige Tötung lautete, wie auch sonst oft, der Vorwurf.

          Doch in Berlin war nach Ansicht der Richter Vorsatz im Spiel: Die schon vorher auffällig gewordenen Täter fuhren ein Rennen mit durchgedrücktem Gaspedal über rote Ampeln mitten in der Stadt; 160 Stundenkilometer betrug die Aufprallgeschwindigkeit. Hier kann man verstehen, warum die hochmotorisierten Fahrzeuge als „gemeingefährliche Mittel“ gewertet wurden. Tötungsvorsatz? Die Raser hätten es, so das Gericht, nur dem Zufall überlassen, ob jemand umkam.

          Mit der Straßenverkehrsordnung ist alles gesagt

          Ein Einzelfall, aber auch ein Urteil mit Breitenwirkung. Sind wir jetzt alle potentielle Mörder? Mitunter erscheint es wie ein Wunder, dass auf deutschen Straßen nicht mehr Menschen sterben. Der alte ADAC-Slogan „freie Fahrt für freie Bürger“ ist immer noch eine Art Grundgesetz des Deutschen. Und zügiges Fahren hat ja auch seinen Reiz. In Verbindung mit Aggressivität, Frustabbau und einer durchschnittlichen PS-Zahl, die noch vor wenigen Jahren nur von Sportwagen erreicht wurde, kann das schnell kriminell werden. Doch auch in der Ahndung von Verkehrsdelikten zeigt sich, dass das Auto zum nationalen Kulturgut gehört, und zwar parteiübergreifend.

          Auch die, die über Raser dezent den Kopf schütteln, haben kein Problem damit, mit einem verschnittenen Geländewagen, aus dem sie kaum herausgucken können, vor Kindergärten und Bioläden unbeholfen hin und her zu rangieren. Das Raser-Urteil betrifft einen Extremfall. Aber in einem „gemeingefährlichen Mittel“ sitzt jeder. Die Täter sind unter uns. Aber die Mittel gegen sie gibt es auch längst. Nicht nur im Strafrecht. Die gute alte Straßenverkehrsordnung sagt gleich am Anfang alles: Die Teilnahme am Straßenverkehr erfordert ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksicht.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

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