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„Mediale Vorverurteilung“ : Polizei weist Kritik im Fall Rebecca zurück

  • -Aktualisiert am

Berliner Polizisten brechen am 07. März nach Einbruch der Dunkelheit ihre Suche nach Rebecca ab. Bild: dpa

Rebecca aus Berlin ist seit drei Wochen verschwunden. Der Fall wirft viele Fragen auf. Hat die Polizei zu viele Informationen an die Öffentlichkeit gegeben?

          Die Polizei erntet für ihre Öffentlichkeitsarbeit im Fall Rebecca scharfe Kritik. So kritisierte die Vereinigung Berliner Strafverteidiger e.V. in einer Erklärung an die Polizei „die Bereitschaft von Ermittlern, die Presse mit aus ihrer Sicht belastenden Details zu füttern.“ Die Vereinigung forderte die Presse auf, „die mediale Vorverurteilung des Tatverdächtigen im Fall des verschwundenen Mädchens (…) einzustellen.“ Informationen aus Ermittlerkreisen seien bewusst an die Öffentlichkeit weitergegeben worden.

          Ein Sprecher der Polizei Berlin sagte FAZ.NET dazu: „Die Meinung, die Informationsweitergabe sei durch Ermittler der Polizei Berlin erfolgt, basiert auf Spekulationen und Annahmen.“ Auch die Veröffentlichung der Bilder des dringend tatverdächtigen Schwagers beruhe auf einer richterlichen Anordnung. „Es geht darum, alle Beweise, ob be- oder entlastend, zu ermitteln.“ 

          Das Wichtigste sei, das Mädchen zu finden. Dafür greift die Polizei auch auf die Hilfe der Bevölkerung zurück. „Das Problem für die Ermittelnden ist, dass sie Widersprüche auflösen und zum Beispiel eine Fahrt mit dem Auto plausibel machen müssen. Und auch hierbei kann die Öffentlichkeit helfen“, wie der Sprecher der Polizei sagte.

          Zahlreiche Äußerungen gegenüber der Presse

          Problematisch wurde auch die Rolle von Rebeccas Angehörigen wahrgenommen. Tatsächlich hatte sich ihre Familie mehrfach gegenüber der Presse geäußert. Da Angehörige in der Regel über die Ermittlungsarbeiten informiert werden, gerieten durch die Vielzahl der Interviews möglicherweise Ermittlungsdetails an die Öffentlichkeit.

          Vielfach kritisiert wurde auch das Foto, mit dem nach Rebecca gesucht wurde. Es sei zu stark bearbeitet, um das Mädchen überhaupt identifizieren zu können. Hierzu sagte der Sprecher: „Grundsätzlich werden möglichst mehrere Fotos verwendet, um ein Wiedererkennen zu erleichtern.“

          Rebeccas Schwager könnte in den kommenden Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen werden. Das bedeutet laut Polizei jedoch nicht das Ende der Untersuchungen gegen ihn. „Wir ermitteln sämtliche be- und entlastende Beweise. Die Bewertung dieser obliegt der Justiz.“

          Seit drei Wochen verschwunden

          Die 15 Jahre alte Rebecca Reusch aus dem Berliner Stadtteil Britz verschwand am 18. Februar. Eigentlich hätte sie am Montagmorgen in der Schule erscheinen sollen. Sie hatte die Nacht im Haus ihrer Schwester und ihres Schwagers verbracht. Die Polizei geht inzwischen davon aus, dass das Mädchen das Haus nicht verlassen hat und dort getötet wurde. Ebenfalls mit ihr verschwunden ist eine lilafarbene Fleecedecke.

          Dringend tatverdächtig ist der Schwager des verschwundenen Mädchens. Er soll zum Zeitpunkt ihres Verschwindens alleine mit ihr im Haus gewesen sein. Darüber hinaus soll er mit seinem Auto im Anschluss an ihr Verschwinden zwei verdächtige Fahrten auf derselben Landstraße unternommen haben, wie Hautpkommissar Michael Hoffmann vom LKA Berlin in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY… ungelöst“ berichtete. Laut „Bild“ wurden Fasern der Fleecedecke im Kofferraum des Autos gefunden. Der Schwager schweigt nach Angaben der Polizei seit seiner Festnahme zu den Vorwürfen. Bei seinen anfänglich getroffenen Aussagen hatte er sich in Widersprüche verstrickt.

          Der Polizei liegen derzeit mehr als 1200 Hinweise zum Fall vor. Einer dieser Hinweise führte zu einem Waldstück bei Storkow, das die Beamten drei Tage lang mit einer Hundertschaft, Spürhunden und einem Hubschrauber absuchte. Die Suche wurde am vergangenen Samstagabend erfolglos abgebrochen.

          Am Dienstag wurde die Suche offenbar wieder aufgenommen, mehrere Medien berichteten von der Suche nach Rebecca in einem Brandenburger See. Die Pressestelle der Berliner Polizei hatte diese Information zunächst noch nicht bestätigt.

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