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Vermisste Schülerin Rebecca : Treibjagd im Live-Ticker-Modus

Kriminaltechniker und Beamte der Kriminalpolizei während einer Suche nach Rebecca am 12. März im Landkreis Oder-Spree. (Archivbild) Bild: dpa

Seit gut drei Wochen ist Rebecca verschwunden. Die Suche läuft unter permanenter Beobachtung: Die Medien berichten pausenlos, auch die Familie öffnet Reportern die Tür, und Anwälte kritisieren die Polizei.

          Das Bild eines jungen Mädchens prangt seit Wochen auf den Seiten der deutschen Boulevardblätter. Es ist ein bearbeitetes Bild, bei dem die Augen größer, die Lippen voller und Unreinheiten der Haut getilgt sind. Das lässt sich heute leicht mit den Werkzeugen aus dem Internet machen.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Es ist das Fahndungsfoto von Rebecca R., dem Mädchen aus Berlin, das seit mehr als drei Wochen verschwunden ist. Warum sucht die Polizei ausgerechnet mit einem Lolita-Bild nach ihr? Das Foto, das die 15 Jahre alte Schülerin selbst auf Instagram veröffentlichte, habe die Familie ausgesucht, sagt die Polizei. Weil es ihr ähnlich sehe. Man richte sich in solchen Fällen nach den Angaben der Angehörigen.

          Die Kontroverse um das Foto zeigt exemplarisch die Probleme dieses Kriminalfalls. Ein Mädchen verschwindet spurlos, ein tragischer Fall. Die Boulevardmedien stürzen sich auf jeden Aspekt des Geschehens, das führt zu Aufsehen in ganz Deutschland. Berichtet wird täglich, auch wenn nichts Neues passiert. Das setzt Polizei und Justiz zusätzlich unter Druck. Die Ermittler müssen aber auch selbst an die Öffentlichkeit gehen, um einen Erfolg zu erzielen. Zudem äußern sich die Angehörigen. Doch werden in diesem Zusammenspiel von Ermittlern, Medien und Familie rechtsstaatliche Grenzen missachtet?

          Bekannt ist bisher: Rebecca übernachtete vom 17. auf den 18. Februar im Haus ihrer älteren Schwester Jessica und ihres Schwagers Florian R. im Berliner Ortsteil Britz. Am Morgen des 18. Februar ist sie verschwunden. Ihre Mutter, die um 7.15 Uhr auf Rebeccas Mobiltelefon anrief, erreichte sie nicht. Der Schwager, mit dem die Mutter gut eine Stunde später telefonierte, sagte, sie sei nicht mehr da. Die Schwester hatte schon um sieben Uhr mit der kleinen Tochter das Haus verlassen, aber vorher nicht nach Rebecca geschaut. In der Schule kam das Mädchen an diesem Morgen nicht an.

          Alle Spuren führen zum Schwager

          Die Polizei geht davon aus, dass Rebecca tot ist. Sie hält den Schwager für den Täter. Er sitzt in Untersuchungshaft. Die Ermittler haben Indizien gegen ihn in der Hand. Sie führten bei einer ersten Festnahme aber nicht dazu, dass ein Haftbefehl gegen Florian R. erging. Erst eine Beschwerde der Staatsanwaltschaft bewirkte vier Tage später, dass ein anderer Ermittlungsrichter den Haftbefehl ausstellte. Die dritte Mordkommission der Berliner Kripo ist überzeugt davon, dass Rebecca das Haus nicht lebend verlassen hat.

          Der Schwager, Koch in einem Hotel, war um 5.45 Uhr nach einer Firmenfeier nach Hause gekommen. Rebeccas Handy buchte sich zwischen sechs und acht Uhr morgens im W-Lan-Router des Hauses ein. Florian R. sagte, er habe zu dieser Zeit geschlafen. Die Polizei aber ermittelte, dass er zu dieser Zeit Nachrichten auf seinem Handy schrieb und empfing. Mit Rebecca verschwand auch ihre lilafarbene Fleece-Decke. Die Polizei fand Spuren der Decke und Haare von Rebecca im Auto des Schwagers. Aber stammen sie vom Tag des Verschwindens oder von einem früheren Zeitpunkt? Florian R. schweigt zu allen Vorhaltungen.

          Die Polizei veröffentlichte ein Foto des Verdächtigen. Das ist ungewöhnlich, wenn ein Verdächtiger nicht gesucht wird, sondern schon in Untersuchungshaft sitzt. Strafverteidiger kritisieren das. Die Berichterstattung trete die „Unschuldsvermutung des Verdächtigen mit Füßen“, teilte die Vereinigung der Berliner Strafverteidiger mit. Der Schwager werde die Veröffentlichung der Fotos nie wieder los.

          Details aus den Ermittlungen

          Die Polizei rechtfertigte sie damit, dass es wichtig sei, ob jemand Florian R. am Tag des Verschwindens gesehen hat. Sie machte auch ein Foto seines Wagens publik, eines himbeerfarbenen Renault Twingo. Und sie gab bekannt, dass der Wagen am Tag des Verschwindens von Rebecca auf der Autobahn 12 in Richtung Frankfurt (Oder) um 10.47 Uhr von einer Überwachungsanlage erfasst wurde sowie ein zweites Mal am folgenden Tag um 22.39 Uhr. Die Brandenburger Polizei zeigte sich „stinksauer“ über ihre Berliner Kollegen. Denn die Überwachungskameras sind für Fahndungszwecke da. Durch die Angaben der Polizei kann nun jeder gesuchte Autodieb oder andere Straftäter wissen, dass er besser nicht den entsprechenden Autobahnabschnitt benutzt.

          Medien wollen etwas Neues berichten, immer mehr Details aus den Ermittlungen tauchen auf. Anwälte kritisieren diese „Durchstechereien“ und die „Treibjagd im Live-Ticker-Modus“. Die Polizei weist darauf hin, dass Ermittler Kenntnisse berechtigten Personen mitteilen – und jene die Informationen weitergeben könnten.

          Das zielt auf die Familie von Rebecca. Sie äußert sich dauernd gegenüber den Medien, gibt Interviews, öffnet ihre Haustür für Reporter. Selbst die Häkeldecke im Wohnzimmer der Eltern ist bekannt. Die Familie organisierte selbst Suchaktionen mit den Nachbarn, eine andere Schwester Rebeccas rief zu einer Fahrradsuchaktion auf. Alle Mitglieder der Familie versichern, dass sie an die Unschuld von Florian R. glauben und daran, dass Rebecca noch lebt. Der Vater sagte etwa einem Fernsehsender, er wisse, warum sein Schwiegersohn die Fahrten mit dem Auto gemacht habe, könne den Grund aber nicht verraten. Kurze Zeit später berichtete eine Boulevardzeitung mit Bezug auf „Ermittlerkreise“, dass Florian R. seinem Schwiegervater erzählt habe, dass er wegen Drogengeschäften nach Polen gefahren sei. Die Mutter erzählte jetzt einer Zeitschrift von einer Internetbekanntschaft Rebeccas, von der zuvor nie die Rede war.

          1300 Hinweise bekam die Polizei. Einige davon führten zu einer groß angelegten Suchaktion in einem Waldstück bei Storkow. Doch drei Tage Suche, bei der Spürhunde und Hubschrauber eingesetzt wurden, führten nicht dazu, dass Rebeccas Leiche gefunden wurde. Eine Boulevardzeitung aber kannte den Namen des „Bluthunds“, der eigens aus Bayern für die Suche zum Einsatz gebracht wurde. Am Dienstag und Mittwoch suchten Kriminaltechniker in einem Waldstück wieder nach der Leiche des Mädchens.

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