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Berliner Staatsanwaltschaft : Amokfahrer wird in die Psychiatrie eingewiesen

Sebastian Büchner, Sprecher der Berliner Staatsanwaltschaft, äußert sich zum Ermittlungsstand der Untersuchungen im Zusammenhang mit der Amokfahrt vom Breitscheidplatz. Bild: dpa

Der Mann soll unter „paranoider Schizophrenie“ leiden. Das teilte der Berliner Oberstaatsanwalt am Donnerstag mit. Derweil schwebt ein Lehrer weiter in Lebensgefahr.

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          Nach der Amokfahrt eines Mannes in Berlin mit einem Todesopfer und zahlreichen Verletzten gehen Staatsanwaltschaft und Polizei davon aus, dass es sich um eine vorsätzliche Tat eines mutmaßlich psy­chisch erkrankten Mannes handelt. Der Täter leide offenbar unter einer „pa­ranoiden Schizophrenie“, teilte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Berlin, Oberstaatsanwalt Sebastian Büchner, am Donnerstagnachmittag mit. Es gebe Anhaltspunkte, dass die psychische Be­einträchtigung des Mannes „Anlass für die Tat“ gewesen sei. Er soll bis zur Hauptverhandlung in einer Psychiatrischen Klinik untergebracht werden. Ein entsprechender Unterbringungsbefehl wurde am Donnerstagabend vom Landgericht Tiergarten erlassen.

          Markus Wehner
          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Es gebe keine Indizien für einen terroristischen Hintergrund der Tat, ebenso wenig handele es sich um einen Unfall, sagte Büchner. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Täters seien Medikamente gefunden worden, die auf eine psychische Erkrankung hinwiesen. Dem Mann werden ein vollendeter Mord und 17 Fälle versuchten Mordes vorgeworfen, zudem ein gefährlicher Eingriff in den Straßen­verkehr. Man müsse aber „wahrscheinlich“ davon ausgehen, dass er in schuld­unfähigem Zustand gehandelt habe, sagte der Oberstaatsanwalt. Gleichwohl würden die Ermittlungen fortgesetzt.

          Gesamtzahl der Verletzten steigt auf 32

          Am Mittwoch war der 29 Jahre alte Mann, der die deutsche und die arme­nische Staatsangehörigkeit besitzt, im ­Westen Berlins nahe der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in eine Schülergruppe aus Bad Arolsen gerast. Eine 51 Jahre alte Lehrerin, die die Gruppe von 24 Zehntklässlern begleitete, wurde dabei getötet. Sieben Schüler wurden schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Sie befänden sich aber nicht mehr in Lebensgefahr, sagte Büchner. Lebensbedrohlich verletzt sei nur noch der begleitende Lehrer. Sieben weitere Schüler seien leicht verletzt worden. Zudem seien weitere 17 Passanten verletzt worden, sodass die Ge­samtzahl der Verletzten auf 32 Menschen stieg. Rund 50 Personen seien psychologisch betreut worden.

          Der Mann war nach Angaben der Staatsanwaltschaft an zwei verschiedenen Punkten bewusst in zwei Menschengruppen gefahren. Zunächst war er auf Höhe der Ecke Tauentzienstraße/Rankestraße auf den Gehweg gefahren und hatte dabei Passanten angefahren, die zum größten Teil leicht verletzt wurden. Nachdem er wieder ein Stück auf der Tauentzienstraße gefahren war, fuhr er abermals auf den Gehweg und raste in die Schülergruppe. Erst weitere knapp 200 Meter weiter kam er zum Stehen, als er in die Schaufensterscheibe einer Parfümeriekette krachte.

          Der Täter, der am Mittwoch zunächst wegen leichteren Verletzungen, die er beim Aufprall erlitten hatte, in ein Krankenhaus gebracht worden war, befindet sich nach einer Behandlung wieder in Po­lizeigewahrsam.

          Weiterhin keine Hinweise auf politisches Motiv

          Einen politisch-extremistischen Hintergrund der Tat sieht die Staatsanwaltschaft nicht, auch ein Bekennerschreiben habe es, anders als zwischenzeitlich von mehreren Medien berichtet, nicht gegeben. Im Auto des Täters seien zwei handgemalte Plakate gefunden worden. Auf ihnen sei der Konflikt um die zwischen Armenien und Aserbaidschan umstrittenen Enklave Berg-Karabach thematisiert worden. Die Plakate stünden aber „in keinerlei Zusammenhang“ mit der Tat, sagte Büchner. Nach Polizeiangaben ist es un­klar, wem die Plakate gehören. Der Kleinwagen, ein Renault Clio, mit dem der Mann in die Menschengruppen gerast war, ist auf seine Schwester zugelassen.

          Der Mann sei wegen verschiedener „Bagatelldelikte“ der Polizei schon be­kannt gewesen, die allerdings viele Jahre zurücklägen, sagte Büchner. So habe er 2014 nach Jugendstrafrecht eine richterliche Verwarnung wegen Diebstahls er­halten. Die ihn behandelnden Ärzte seien vom Täter über dessen Anwälte mittlerweile von ihrer Schweigepflicht entbunden worden.

          Nach Angaben des RBB war der Mann schon im Jahr 2014 in psychologischer Behandlung. Die Diebstähle hätten of­fenbar einen psychischen Hintergrund gehabt. Damals habe die Polizei den so­zialpsychiatrischen Dienst des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf informiert, in dem der Mann lebt. Der Mann sei dann relativ kurz in klinischer Be­handlung gewesen.

          Giffey: „Dunkler Tag in der Stadtgeschichte“

          Auch Berlins Regierende Bürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) hatte am Donnerstagmorgen im RBB von einer „Amoktat“ eines psychisch schwer beeinträchtigten Mannes gesprochen. Mit Hilfe eines Dolmetschers werde versucht, mehr aus „den teilweise wirren Äußerungen, die er tätigt“, herauszubekommen. Giffey sprach von einem „dunklen Tag in der Berliner Stadtgeschichte“.

          Die Pläne zum koordinierten Einsatz aller Rettungskräfte und zur psychosozialen Betreuung der Betroffenen hätten am Mittwoch „vorbildlich gegriffen“. Sie wa­ren nach dem Anschlag eines islamistisch motivierten Attentäters auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtnis­kirche im Dezember 2016 entwickelt worden, durch den 13 Personen ums Leben ka­men. Zum möglichen Schutz vor solchen Amokfahrten durch Poller an den Straßenrändern sagte Giffey, es gehöre zur Wahrheit, „dass wir nicht die ganze Stadt abpollern können und auch nicht den ganzen Ku’damm“.

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