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Belästigung beim Oktoberfest : Männer, seid „Wiesngentleman“!

I mog di: Trotzdem sollte sich der „Wiesn-Gentleman“ unter Kontrolle haben. Bild: dpa

Für Frauen und Mädchen gibt es eine extra Anlaufstelle, auf der sich fast 50 Sozialarbeiterinnen um sie kümmern. Nicht nur, wenn sie belästigt werden. Die Hilfsorganisation wendet sich auch mit einer klaren Ansage an Männer.

          Es sind Minimalanforderungen, die 2016 einen „Wiesngentleman“ auszeichnen. Ein „echter Wiesngentleman“, so raten es Flyer, die vor einem Eingang zum Oktoberfest von der Hilfsorganisation Condrobs an Männer verteilt werden, sollte demnach vor allem drei Dinge beherzigen: Respektlosen Sprüchen „eine Absage erteilen“, auch bei Freunden! Situationen nicht ausnutzen, auch wenn „sie“ betrunken ist! Abstand nehmen, wenn „sie“ nein sagt!

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Und damit niemand diese stark abgespeckte Version dessen, was zu Lancelots Zeiten Ritterlichkeit und Nobilität ausmachte, vergisst, auch wenn das Bier die Impulskontrolle schwächt, sollen Armbänder und Wäscheklammern mit der Aufschrift „Wiesngentleman“ auch noch im Zelt ans Wohlverhalten erinnern.

          Denn das geloben am Eingang noch die meisten Männer, wie Birgit Treml sagt, die stellvertretende Geschäftsführerin bei Condrobs für den Bereich Jugend. „Alle würden sich immer als Gentlemen bezeichnen.“ Dass manche das dann doch sehr dehnbar auslegen, war Grund für die im Jahr 2012 ins Leben gerufene Initiative, als Körperverletzungen und sexuelle Übergriffe im Vergleich zum Vorjahr stark zugenommen hatten. An der Notwendigkeit, an Anstand und Charakter zu appellieren, hat sich seitdem nichts geändert.

          Viele Frauen verlieren im Gedränge ihren Begleiter

          Zur Wiesn-Halbzeit verzeichnete die Münchner Polizei dieses Jahr rund 16 angezeigte Sexualstraftaten, doppelt so viele wie im Vorjahr zu dieser Zeit. Dazu zählten auch neun Beleidigungen auf sexueller Grundlage („Grapschen“). Die Dunkelziffer an Delikten, die aus Scham und Alkoholisierung nicht zur Anzeige gebracht werden, dürfte weit höher ausfallen.

          Dass Frauen ihre Begleitpersonen im Gewühl der Wiesn verlieren und dann suchend umherirren, erhöht das Risiko, Opfer zu werden.

          So wurde am vergangenen Dienstag gegen 23.30 Uhr eine 24 Jahre alte Frau vor dem Wiesn-Gelände zwischen parkenden Autos von vier englischsprechenden jungen Männern umringt. Einer von ihnen öffnete den Gürtel der Frau, zog ihre Jeans hinunter und berührte sie im Intimbereich. Nach Fußtritten gelang es der Frau zu fliehen. Jetzt ermittelt die Polizei gegen die unbekannten Männer wegen des Verdachts der sexuellen Nötigung.

          Die Frau hatte zuvor ihren Ehemann im Gedränge verloren und sich außerhalb der Theresienwiese auf den Bürgersteig gesetzt, um ihn anzurufen. Dass Frauen ihre Begleitpersonen im Gewühl der Wiesn verlieren und dann suchend umherirren, erhöht das Risiko, Opfer zu werden. Damit es erst gar nicht dazu kommt, gibt es mit der Aktion „Sichere Wiesn“ speziell für Frauen und Mädchen eine zentrale Anlaufstelle auf dem Gelände: 49 Beraterinnen helfen in einem Schutzraum am Service Point hinter dem Schottenhamel-Zelt in allen Lebenslagen, ob es um verlorene Handys, Geldbeutel oder Freunde, leere Akkus, regennasse Kleidung oder Gewalterfahrung geht.

          „Nein heißt nein, auch auf dem Oktoberfest“

          Rund 120 Frauen und Mädchen haben sich bislang hilfesuchend an die Beraterinnen gewandt, Geld für die U-Bahn oder eine Jacke aus dem Kleiderfundus bekommen, wenn die eigene im Zelt gestohlen oder im Riesenrad vergessen wurde. In zehn Fällen ging es bislang um Gewaltdelikte, sexuell konnotiert waren sechs dieser Taten. Die meisten Frauen jedoch, etwa 60 Prozent, fast überwiegend ausländische Touristinnen, suchen die Hilfe auf, weil sie plötzlich ihre Begleitung verloren haben, ohne Geld und Handy dastehen und nicht mehr wissen, wie sie ins Hotel oder zum Campingplatz kommen sollen.

          Farbenfroh: Gefeiert wird auf dem Oktoberfest noch bis Montag.

          „Wir beruhigen dann erst einmal, versuchen, über die Polizei herauszufinden, ob sich der Mann oder Freund dort vielleicht schon gemeldet hat“, sagt Magdalena Schierl vom Frauennotruf, die am Service Point die Beratung koordiniert. Mit fortschreitender Nacht organisieren die Helferinnen, die von 18 Uhr an oft bis in die frühen Morgenstunden im Einsatz sind, für viele Frauen auch einen sicheren Heimweg: Sie begleiten zur U-Bahn oder zum Treffpunkt mit der Clique oder kümmern sich oft auch um Taxifahrten, die ein Münchner Taxi-Unternehmen für diese Fälle unentgeltlich anbietet.

          Mit Flyern, die in der Stadt verteilt werden, und Plakaten auf der Wiesn informiert die Aktion über die Hilfsangebote und ermutigt Frauen, Übergriffe nicht hinzunehmen. „Nein heißt nein, auch auf dem Oktoberfest.“ Die Sensibilität für das Thema „sexuelle Übergriffe“ sei dieses Jahr groß, sagt Schierl: „Die Frauen nehmen die Aktion sehr positiv wahr, wir arbeiten auch gut mit Polizei und Security-Personal in den Zelten zusammen.“

          Die Schuld liegt immer beim Täter

          Das hängt ihrer Meinung nach auch mit den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht zusammen. Schließlich hätte es danach geheißen: „Wie wird das auf dem Oktoberfest?“ Das könne man aber nicht miteinander vergleichen, findet sie, auch wenn es solche Übergriffe auch auf dem Oktoberfest immer schon gegeben habe.

          Ein Patentrezept, wie man reagieren soll, gibt es nicht. „Jede Frau findet da ihren eigenen Weg“, sagt Schierl. In Gefahr bringen sollte sich keine Frau. Wichtig sei es auf jeden Fall, Öffentlichkeit zu schaffen: „Man sollte andere Besucher oder Security-Personal darauf aufmerksam machen. Lautstark am besten.“

          Jede Art von „Aktion“ sei gut, da es dem Ohnmachtsgefühl, dem Gefühl, nichts tun zu können, etwas entgegensetzt. „Keine Frau sollte glauben: Das gehört wohl dazu.“ Da kann das Dirndl noch so tief dekolletiert, der Rausch noch so groß sein – die Schuld liegt immer beim Täter, jedem Versuch eines „victim blaming“ zum Trotz. „Wir sagen immer: Eine Frau muss nackt und betrunken über die Wiesn gehen können, ohne dass ihr etwas passiert.“

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