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Befangenheit eines Schöffen : Alles von vorn im Prozess um Jonny K.

  • -Aktualisiert am

Vor der Verhandlung: Tina K., die Schwester des Opfers Bild: dpa

Ein Schöffe spricht mit einer Boulevardzeitung, und plötzlich sind vier vollgepackte Verhandlungstage am Berliner Landgericht Makulatur.

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          Seit drei Wochen führt Helmut Schweckendieck, Vorsitzender Richter der 9. Großen Strafkammer am Berliner Landgericht, den Prozess rund um den Tod von Jonny K. mit straffer Hand und persönlicher Note. Gleich nach dem ersten Sitzungstag, an dem die sechs Angeklagten in Sicherheitsglaskästen sitzen mussten, hat er die jungen Männer neben ihren Verteidigern Platz nehmen lassen, auf dass er sie besser sehe. Das Publikum bekam strikte Anweisungen, wann es sich erheben solle und wann nicht, und dass absolute Ruhe zu herrschen habe. Für den Fall, dass doch irgendwo ein Handy piepe, drohte Schweckendieck mit Rauswurf. Außerdem schickte der Vorsitzende gleich zu Beginn eine ungewöhnliche Mahnung vorweg, die sich vor allem an das Umfeld der Angeklagten und die zahlreich erschienenen Journalisten zu richten schien: „Dieses Verfahren findet ausschließlich hier im Saal und nicht in den Medien statt.“

          Julia Schaaf
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Über die Schlägerei auf dem Alexanderplatz, bei der ein Zwanzigjähriger zu Tode kam, ist seit dem 14. Oktober 2012 so viel berichtet worden, dass lange vor der juristischen Aufarbeitung das Bild von einem hemmungslosen Gewaltexzess entstanden war. Ein mutmaßlicher Täter, der in die Türkei geflohen war, äußerte sich von dort aus in einer deutschen Boulevardzeitung. Medien ergründeten die Lebensgeschichte des angeblichen „Hauptverdächtigen“ und warteten mit Ermittlungsbefunden auf.

          Jetzt ist der Prozess wegen eines Interviews geplatzt, das ausgerechnet ein Laienrichter gegeben hat. „Berlins mutigster Schöffe spricht“, titelte das örtliche Boulevardblatt „B.Z.“ am Montag und zitierte den Jugendschöffen, der kurz zuvor von der Verteidigung wegen Befangenheit abgelehnt worden war. Jetzt muss das Verfahren, das schon zur Hälfte abgeschlossen schien, neu aufgerollt werden, vier voll gepackte Verhandlungstage müssen wiederholt werden - von der Verlesung der Anklage über die Einlassungen der Angeklagten, die Gutachten der medizinischen Sachverständigen bis hin zur Vernehmung von Zeugen. Von den fünf Angeklagten, die bisher in Untersuchungshaft saßen, kommen drei frei. Immerhin: Weil sich in diesem wenig rühmlichen Fall das Gericht, Staatsanwaltschaft, Nebenklage wie auch Verteidigung einig waren über die Notwendigkeit eines Neubeginns mit einem anderen Schöffen, kann die neue Hauptverhandlung schon diesen Donnerstag starten.

          Der Jugendschöffe, der in der „B.Z.“ als 58 Jahre alter Leiter einer Jugendeinrichtung vorgestellt wird, hatte schon am vergangenen Donnerstag einen kleinen Eklat produziert. Gehört wurde ein wichtiger Zeuge, der das Geschehen am Alexanderplatz nach einem Diskobesuch vergleichsweise genau beobachtet hatte. Die Angaben des jungen Mannes bei der Polizei stützten die Anklage der Staatsanwaltschaft, die davon ausgeht, dass der 19 Jahre alte Deutsch-Türke Onur U. die tödliche Auseinandersetzung begonnen habe, indem er Jonny K. „völlig grundlos“ mit der Faust ins Gesicht geschlagen habe. Weil dieser Ablauf zwar von einem Freund des Opfers stammt, der ebenfalls zusammengeschlagen wurde, aber keiner der Angeklagten diese Schilderung bestätigt, wäre die Beobachtung des Zeugen möglicherweise entscheidend gewesen.

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