https://www.faz.net/-gum-9o52l

Baby im Müll : Grausamer Tat folgt Hass im Netz

Das Foto der Polizei zeigt Handtücher, in die das Baby in Kierspe gewickelt war. Bild: dpa

Mit der Ruhe in Kierspe ist es vorbei, seit ein neugeborenes Mädchen im Müll gefunden wurde. Die Motive der tatverdächtigen Mutter liegen noch im Dunkeln. Da rufen schon die ersten Menschen dazu auf, ihr Gewalt anzutun.

          2 Min.

          Eigentlich ist Kierspe nicht der schlechteste Ort um aufzuwachsen. Rund 16.000 Menschen leben hier, im äußersten Südwesten des Sauerlands. Grüne Wälder und Talsperren umgeben die Kleinstadt. Einen Mord oder Totschlag verzeichnete die Kriminalitätsstatistik für den Ort in den vergangenen beiden Jahren nicht. Städter, die aus den Ballungsräumen hierhin ziehen, beschweren sich eher darüber, dass es für sie manchmal etwas zu ruhig ist. Abgesehen von den beiden Motoballteams, deren Bundesligapartien seit Jahrzehnten zu sehen (und zu hören) sind.

          Diese Woche ist das anders. Schon am frühen Montagmorgen brannte eine Industriehalle im Gewerbegebiet des Ortes ab. Keine 24 Stunden später griff ein Sondereinsatzkommando einen 27 Jahren alten Iraker in Kierspe auf, der beim Abschiebevollzug ein Messer gegen sich selbst zu richten versuchte. Doch wirklich erschüttert wurde die Gemeinde durch eine Tat, die nun deutschlandweit in den Schlagzeilen steht.

          Polizeibeamte hatten am Freitag ein neugeborenes Mädchen im Müll hinter einem Wohnhaus des Ortsteils Bahnhof gefunden. Wie die zuständige Staatsanwaltschaft Hagen am Montag mitteilte, soll das Baby in zwei Handtücher gewickelt und etwa drei Stunden lang gemeinsam mit Hausmüll in einem zugeknoteten Müllsack gelegen haben. Offenbar fanden die Polizisten das namenlose Mädchen gerade noch rechtzeitig. Die Luft, hieß es seitens der zuständigen Staatsanwaltschaft Hagen, sei „sehr knapp“ geworden.

          Die Mutter des Säuglings war am vergangenen Freitag mit einem Notarztwagen ins Klinikum der nahe gelegenen Kreisstadt Lüdenscheid gebracht worden. Bei der anschließenden Notoperation habe man starke innere Blutungen ebenso festgestellt wie den Umstand, dass die 31 Jahre alte Frau kurz zuvor ein Kind zur Welt gebracht haben musste. Die diensthabende Ärztin habe „hervorragend gehandelt“, sagte Staatsanwalt Michael Burggräf von der Staatsanwaltschaft Hagen auf einer Pressekonferenz am Montag. Sie habe die Polizei verständigt. Nur weil die Beamten sich direkt zum Wohnhaus der Tatverdächtigen begeben hätten, sei das Mädchen noch am Leben. Sie hätten vor Ort ein leises Weinen und Wimmern vernommen und seien daraufhin auf die Rückseite des Wohnhauses aufmerksam geworden. Dort habe man die Tüte vorsichtig aufgerissen, das Baby erstversorgt und anschließend an den Notarzt übergeben. Inzwischen befindet es sich außer Lebensgefahr.

          Die Hintergründe der Tat liegen bislang im Dunkeln. Die Mutter ist verlobt und hat bereits ein Kind. Bei der Einlieferung ins Krankenhaus habe sie über ihre Entbindung geschwiegen. Ersten Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden zufolge soll auch niemand in ihrer Familie etwas über ihre Schwangerschaft gewusst haben. Ihr Partner sei von Magen-Darm-Beschwerden ausgegangen und habe am Freitagmorgen gegen den Willen der Tatverdächtigen einen Krankenwagen gerufen. Die Entbindung habe die Frau in den frühen Morgenstunden allein vorgenommen.

          In den sozialen Medien ist seit Montag ein Sturm der Entrüstung losgebrochen. In Kommentaren auf Facebook wurde unter anderem dazu aufgerufen, die Mutter zu sterilisieren oder zu steinigen. Laut übereinstimmenden Aussagen von Stadtbewohnern auch in Kierspe-Foren. Die Beiträge wurden von den Administratoren später gelöscht. „Niemand kann die Beweggründe nachvollziehen. Niemand der auch nicht annähernd selbst in dieser Situation gewesen ist. Ruft lieber zur Aufmerksamkeit auf, damit so etwas niemanden mehr wiederfahren muss“, schrieb der Administrator von „Du magst Kierspe wenn…“ an die Gruppen-Mitglieder.

          Gegen die tatverdächtige Mutter wurde noch am Samstag ein Haftbefehl ausgestellt. Sie sitzt inzwischen in Untersuchungshaft in der Justizvollzugsanstalt in Köln. Die Mordkommission ermittelt wegen versuchten Totschlags.

          Schwangere in Not

          Soforthilfe bietet rund um die Uhr das kostenlose Hilfetelefon: 0800 40 40 200. Mehr Infos beim Familienministerium

          Weitere Themen

          Schlacht um „El Chapos“ Sohn

          Drogenkartell : Schlacht um „El Chapos“ Sohn

          Nach der Festnahme eines Kartellbosses spielen sich in der mexikanischen Stadt Culiacán Szenen wie im Krieg ab – und die Armee lässt den Verbrecher wieder frei.

          Topmeldungen

          Drogenkartell : Schlacht um „El Chapos“ Sohn

          Nach der Festnahme eines Kartellbosses spielen sich in der mexikanischen Stadt Culiacán Szenen wie im Krieg ab – und die Armee lässt den Verbrecher wieder frei.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.