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Raser wegen Mordes verurteilt : „Selbstverliebt und rücksichtslos“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Mehr als drei Jahre nachdem ein Autorennen einem unbeteiligten Arzt das Leben kostete, ergeht am Dienstag das Urteil gegen die Raser. Das Gericht macht gleich drei Mordmerkmale aus. Einer der Verurteilten findet das zum Lachen.

          Hamdi H. lacht demonstrativ. Der Angeklagte grinst nicht nur, als der Vorsitzende Richter ihn und Marvin N. zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Mit offenem Mund und entblößten Zähnen schweift sein Blick durch den bis auf den letzten Platz gefüllten Saal des Berliner Landgerichts. Höhnisch sieht das aus und hilflos zugleich. Dann setzt sich der schmächtige blonde Mann wieder hin, während alle anderen Prozessbeteiligten und das Publikum im Stehen der Urteilsverkündung folgen. Danach deutet H. ein ironisches Klatschen an. Offenbar hält er es noch immer für absurd, dass ein Raser ein Mörder sein kann.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Selbstverliebt und rücksichtslos“ nennt der Vorsitzende Richter Matthias Schertz die beiden Angeklagten. Er spricht von einer „harten“ Strafe in einem „Wahnsinnsfall“. Mehr als drei Jahre nachdem ein nächtliches Autorennen auf dem Kurfürstendamm, mitten im Herzen West-Berlins, einen unbeteiligten 69 Jahre alten Arzt das Leben kostete, ergeht am Dienstag das mit Spannung erwartete Urteil.

          Der Bundesgerichtshof hatte eine erste Verurteilung aus dem Jahr 2017 – seinerzeit das erste Mordurteil in einem illegalen Autorennen – zur Neuverhandlung an das Landgericht zurückgegeben. Die bedingte Tötungsabsicht der Angeklagten sei nicht ausreichend begründet worden. Seitdem sind auch andere Raser wegen Mordes verurteilt worden, und das Strafrecht wurde verschärft.

          Die Unfallstelle nach dem tödlichen Autorennen im Februar 2016 auf dem Berliner Kudamm.

          Jetzt zeigt sich auch die neue Kammer überzeugt: „Die Angeklagten wussten, was sie taten, haben die Gefahr erkannt und dann gleichwohl so gehandelt, wie sie gehandelt haben.“ Gleich drei Mordmerkmale macht das Gericht aus: Die Sportwagen der beiden Männer seien bei Geschwindigkeiten von bis zu 170 Kilometern in der Stunde gemeingefährliche Tatmittel gewesen. Die Angeklagten hätten die Arg- und Wehrlosigkeit ihres Opfers ausgenutzt. Außerdem hätten sie aus niederen Beweggründen gehandelt. Denn was, fragt Richter Schertz rhetorisch, sei der Anlass für diese Tat gewesen? „Eine ganz kurzfristige Befriedigung des Raser-Egos.“

          Der Richter beschreibt den damals 26 Jahre alten Hamdi H. und den zwei Jahre jüngeren Marvin N. als Autonarren, die ihre teuren Sportwagen „förmlich vergöttert“ und wenig auf Verkehrsregeln gegeben hätten. In der Nacht auf den 1. Februar 2016 dann habe man sich bei einer zufälligen Begegnung bei heruntergekurbelter Scheibe zunächst auf ein „Stechen“ verständigt. Hamdi H. wollte nach Angaben des Gerichts die Leistungsfähigkeit seines Audis beweisen – aber „natürlich gewinnt N., er hat über 100 Kilowatt mehr unter der Haube“.

          „Ein Katz-und-Maus-Spiel“

          Was dann folgt, schildert Richter Schertz wie ein Formel-1-Moderator, in der Sache aber bleibt er klar und scharf. Die zweite Niederlage habe H. nicht ertragen, er sei weiter gerast, jetzt auch über rote Ampeln. N. „ärgert sich zunächst“ und gibt dann „voll Stoff“. Der Vorsitzende sagt Sätze wie: „Es entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel.“ Und: „N. liegt weiter vorne, aber der Abstand wird kleiner.“ Nachdem H. die Kurve an der Gedächtniskirche mit 127 Stundenkilometern genommen habe, seien beide Wagen auf die rote Ampel an der nächsten Kreuzung zugerast – wohl wissend, dass der Querverkehr Grün gehabt habe. Aber ein Unfall, überhaupt das Leben anderer Menschen, seien ihnen egal gewesen – „Hauptsache, die Motorhaube vorn“. 90 Meter vor der Kreuzung habe Marvin N. kurz den Fuß vom Gas genommen. In diesem Moment, so der Richter, hätte er sich umentscheiden und bremsen können.

          Stattdessen bretterten beide auf die Kreuzung zu, wo H.s Audi den pinkfarbenen Jeep des Arztes von der Seite traf. „Die Fahrzeuge wurden förmlich zu Projektilen mit unglaublicher Zerstörungskraft.“ 70 Meter weit sei der Jeep geschleudert worden mit einer Geschwindigkeit von 65 Stundenkilometern. „Wie nach einem Terroranschlag“ habe der Unfallort ausgesehen. Der Arzt habe keine Chance gehabt. Und nur dem Zufall sei es zu verdanken gewesen, dass das tödliche Rennen nicht weitere Opfer forderte.

          Ausdrücklich entkräftet das Gericht die Argumente der Verteidigung, dass die Angeklagten nur fahrlässig gehandelt hätten, weil sie ihre Fahrkünste überschätzt und auf einen guten Ausgang ihres Duells gesetzt hätten. Die „objektive Gefährlichkeit“ ihres Tuns stehe dieser Sicht entgegen, sagt Schertz: „Auf fahrerisches Können kam es hier überhaupt nicht an. Kein Rennfahrer der Welt hätte diese Situation im Griff behalten.“

          Der Sohn des Getöteten wird sich vor dem Saal später „voll zufrieden“ über das Urteil äußern. Hamdi H. unterdessen nickt, als der Vorsitzende Richter von möglichen Rechtsmitteln spricht – und lacht.

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