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Ausbruch in Aachen : Schwerverbrecher weiter auf der Flucht

Michael Heckhoff (li.) und Paul Michalski sind wegen Mordes, versuchten Mordes und Geiselnahme zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt Bild: ddp

Nach den beiden bewaffneten Schwerverbrecher aus der Justizvollzugsanstalt Aachen wird weiter gefahndet. In Köln nahmen sie offenbar eine Geisel, die sie in Essen wieder freiließen. Die Polizei warnt vor „Heldentaten“. Ein Gefängnisbediensteter soll den Kriminellen geholfen haben.

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          Die Fahndung nach den beiden ausgebrochenen Schwerverbrechern dauert an. Es werde bundesweit nach den Flüchtigen gesucht, sagte eine Sprecherin der Polizei Köln am Samstag. Auch die Bundespolizei sei einbezogen. Es gebe mittlerweile viele Hinweise aus der Bevölkerung, fügte die Sprecherin hinzu. Schwerpunkt der Suche seien weiterhin die südlichen Stadtteile von Essen, vor allem Werden und Kettwig, sagte ein Polizeisprecher in der Ruhrgebietsstadt. Die ganze Nacht hindurch habe ein Hubschrauber mit Wärmebildkamera gesucht. Auch Spürhunde waren im Einsatz. Ohne Erfolg.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Die Schwerverbrecher Michael Heckhoff und Paul Michalski, die am Donnerstag aus dem Gefängnis in Aachen ausgebrochen sind, gelten als besonders skrupellos und gewalttätig. Eindringlich warnt deshalb der Aachener Polizeipräsident Klaus Oelze in einer eilends im Düsseldorfer Justizministerium anberaumten Pressekonferenz vor den Männern. „Die beiden sind hochgefährlich, sie sind gewaltbereit und gewalttätig.“ Das sei kein Fall für Heldentaten, sagt Oelze. Die Polizei fahnde mit Hochdruck.

          Die Täter flüchteten zu Fuß

          Am Freitag Abend wurde bekannt, dass die beiden eine Frau als Geisel nahmen und mit ihr von Köln nach Essen gefahren sind. Dort ließen sie ihr Opfer frei. „Die Frau sitzt hier bei uns im Präsidium und ist unverletzt“, sagte ein Polizeisprecher in Essen am Freitag. Wie der Polizeisprecher sagte, hatten die beiden Männer die Frau in Köln angesprochen und sie gezwungen, mit ihnen nach Essen zu fahren. „Dort sind sie wegen Spritmangels stehen geblieben.“ Die Täter flüchteten zu Fuß und ließen die Frau in ihrem Auto sitzen.

          Hatten die Ausbrecher einen Komplizen in der Haftanstalt?

          Nach „Bild“-Informationen zogen sie sich in dem Wagen um und rasierten sich. Hubschrauber und zahlreiche Streifenwagen waren am Freitag bei der Suche nach den Ausbrechern im Einsatz. Hinweise, dass die beiden auch für einen Überfall auf einen Drogeriemarkt im Essener Westen verantwortlich sind, gab es nicht. Nach anfänglicher Unsicherheit ging die Polizei am Freitag Abend davon aus, dass es sich bei den beiden Männern in Essen um die Ausbrecher handelt. Heckhoff hat nach Angaben der Polizei mittlerweile seinen Schnäuzer entfernt. Ein erster „sehr konkreter Hinweis“ - Zeugen wollten die Männer vor einem Baumarkt in Dierdorf in Rheinland-Pfalz gesehen haben - bestätigte sich nach Angaben der Polizei Koblenz nicht.

          Intensiv bemühen sich die Ermittler zugleich, die Hintergründe der Tat aufzuklären. Am Freitag Nachmittag scheint aber klar: Die Flucht der beiden Häftlinge aus der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen am Donnerstagabend wäre offenbar ohne die Hilfe eines Justizbediensten nicht möglich gewesen. Das jedenfalls legt die nicht weiter mit Details unterfütterte Mitteilung der nordrhein-westfälische Justizministerin Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU) nahe, wonach ein JVA-Mitarbeiter wegen des Verdachts auf Gefangenenbefreiung festgenommen wurde. Ein Richter erließ nun Haftbefehl gegen den 40 Jahre alten Bediensteten der
          Justizvollzugsanstalt. Er soll die Gefangenen „vorsätzlich aus der JVA herausgeschleust und mit schussbereiten Dienstwaffen nebst Munition ausgestattet haben“. Dies teilte die Düsseldorfer
          Staatskanzlei am Samstag mit. Zur Sache habe der Beschuldigte nichts ausgesagt. Ihm werden unter anderem Gefangenenbefreiung im Amt und Verstoß gegen das Waffengesetz vorgeworfen. Die Ermittler waren dem Mann nach einer Auswertung von Videoaufzeichnungen auf die Schliche gekommen. Er werde in eine Justizvollzugsanstalt außerhalb Nordrhein-Westfalens gebracht, so die Staatskanzlei weiter.

          Zwei Dienstwaffen und acht Schuss Munition

          Nach bisherigen Erkenntnissen konnten Heckhoff und sein Mittäter Michalski in der JVA Aachen am Donnerstagabend gegen 20 Uhr fünf eigentlich verschlossene Türen im Inneren der Haftanstalt passieren. Nach Angaben von Anstaltsleiterin Reina Bilkslager wurde dabei der dafür vorgesehene Schüssel verwendet, der sich auch nach der Flucht der beiden Schwerverbrecher noch im Bestand der Anstalt befindet. In einer Fahrzeugschleuse überwältigten die offenbar zu diesem Zeitpunkt unbewaffneten Männer dann einen Beamten, der gerade von einer Kontrollfahrt im inneren Sicherungsgürtel der Anstalt zurückkam. Sie fesselten den Mann mit anstaltseigenen Handschellen. Unklar ist bisher nicht nur, wie sich die beiden dann in den Besitz von zwei Dienstwaffen und acht Schuss Munition bringen konnten, die in der Pforte in zwei getrennten Schränken verwahrt waren, sondern auch, wie sie schließlich vor die JVA gelangten.

          Der JVA-Bedienstete wurde nicht gefesselt. Er wurde etwa 20 Minuten nach der Flucht der beiden Häftlinge von eintreffenden Polizisten in verwirrtem Zustand angetroffen und in eine Klinik gebracht. Ebenso unbekannt ist zu diesem Zeitpunkt, ob es tatsächlich nur ein Zufall war, dass Heckhoff und Michalski in der angrenzenden Krefelder Straße auf ein Taxi trafen, in dem sie sich nach Kerpen-Buir bringen ließen. Nach Angaben von Polizeipräsident Oelze bedrohten sie den Fahrer zunächst nicht. In Kerpen-Buir bestellten sie aus einer Kneipe heraus ein anderes Taxi, das sie mit dem ersten Fahrer bestiegen. Warum die Täter das Taxi wechselten, ist bisher unbekannt. Der zweite Fahrer soll zunächst nichts Außergewöhnliches bemerkt haben. Erst als Michalski und Heckhoff gegen 22.30 Uhr die Fahrt mit Geld bislang ungeklärter Herkunft bezahlten und das Taxi unterhalb der Domplatte in Köln in unbekannter Richtung verließen, habe sich der erste Taxifahrer seinem Kollegen offenbart, der dann die Polizei verständigte.

          Heckhoff an Geiselnahme in Werl beteiligt

          Der 50 Jahre alte Heckhoff hat eine lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung zu verbüßen, weil er 1992 in der sauerländischen Justizvollzugsanstalt Werl an einer Geiselnahme beteiligt gewesen war. Gemeinsam mit einem Mithäftling hatte er während eines Zahnarzttermins drei Beamte und drei Zahnarzthelferinnen in seine Gewalt gebracht. Als ein Sondereinsatzkommando zugriff, zündeten er und der andere Häftling zwei zuvor mit brennbarer Flüssigkeit übergossene Geiseln an. Die Frau und der Mann erlitten schwere Verletzungen. Der 46 Jahre alte Michalski hat wegen Mordes und schwerer räuberischer Erpressung ebenfalls eine lebenslange Freiheitsstrafe abzusitzen.

          Die zwischen 1990 und 1994 gebaute und 2001 erweiterte JVA im Aachener Stadtteil Soers ist eines der modernsten Gefängnisse in Nordrhein-Westfalen. Dort sind mehr als 700 männliche Straf- und Untersuchungsgefangene untergebracht. Hinzu kommen 50 Insassen, für die ein Gericht wie im Fall von Heckhoff und Michalski Sicherungsverwahrung angeordnet hat, und eine Abteilung für Insassen in der Sozialtherapie. Es ist das erste Mal, dass aus der JVA auf diese Weise Insassen entweichen konnten.

          Die Justizvollzugsanstalt Aachen

          In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen gelten besonders hohe Sicherheitsstandards. Dort verbüßen vor allem zu längerer Haft von zwei und mehr Jahren verurteilte Täter ihre Strafe. Die Anstalt des geschlossenen Vollzugs wurde 1994 in Betrieb genommen, 2004 erweitert und galt damals als eines der modernsten Gefängnisse Europas.

          Die JVA bietet Platz für etwa 684 männliche Straf- und Untersuchungsgefangene. Auch etwa 50 zu Sicherungsverwahrung verurteilte Schwerverbrecher sitzen dort ein. Zudem gibt es eine Abteilung der Sozialtherapie mit etwa 35 Bewohnern. Die Strafgefangenen sind in den vier Hafthäusern in der Regel in Einzelzellen untergebracht. In besonderen Fällen gibt es nach Angaben der JVA auch eine Gemeinschaftsunterbringung.

          Die jährlichen Kosten der JVA werden mit etwa 25 Millionen Euro angegeben. In dem Gefängnis sind rund 380 Bedienstete beschäftigt. Unter ihnen sind etwa 300 Justizvollzugsbeamte. Die JVA Aachen wird seit November 2008 von der Juristin Reina Blikslager geleitet. (dpa)

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