https://www.faz.net/-gum-y7bc

Ausbruch in Aachen : Schwerverbrecher weiter auf der Flucht

Zwei Dienstwaffen und acht Schuss Munition

Nach bisherigen Erkenntnissen konnten Heckhoff und sein Mittäter Michalski in der JVA Aachen am Donnerstagabend gegen 20 Uhr fünf eigentlich verschlossene Türen im Inneren der Haftanstalt passieren. Nach Angaben von Anstaltsleiterin Reina Bilkslager wurde dabei der dafür vorgesehene Schüssel verwendet, der sich auch nach der Flucht der beiden Schwerverbrecher noch im Bestand der Anstalt befindet. In einer Fahrzeugschleuse überwältigten die offenbar zu diesem Zeitpunkt unbewaffneten Männer dann einen Beamten, der gerade von einer Kontrollfahrt im inneren Sicherungsgürtel der Anstalt zurückkam. Sie fesselten den Mann mit anstaltseigenen Handschellen. Unklar ist bisher nicht nur, wie sich die beiden dann in den Besitz von zwei Dienstwaffen und acht Schuss Munition bringen konnten, die in der Pforte in zwei getrennten Schränken verwahrt waren, sondern auch, wie sie schließlich vor die JVA gelangten.

Der JVA-Bedienstete wurde nicht gefesselt. Er wurde etwa 20 Minuten nach der Flucht der beiden Häftlinge von eintreffenden Polizisten in verwirrtem Zustand angetroffen und in eine Klinik gebracht. Ebenso unbekannt ist zu diesem Zeitpunkt, ob es tatsächlich nur ein Zufall war, dass Heckhoff und Michalski in der angrenzenden Krefelder Straße auf ein Taxi trafen, in dem sie sich nach Kerpen-Buir bringen ließen. Nach Angaben von Polizeipräsident Oelze bedrohten sie den Fahrer zunächst nicht. In Kerpen-Buir bestellten sie aus einer Kneipe heraus ein anderes Taxi, das sie mit dem ersten Fahrer bestiegen. Warum die Täter das Taxi wechselten, ist bisher unbekannt. Der zweite Fahrer soll zunächst nichts Außergewöhnliches bemerkt haben. Erst als Michalski und Heckhoff gegen 22.30 Uhr die Fahrt mit Geld bislang ungeklärter Herkunft bezahlten und das Taxi unterhalb der Domplatte in Köln in unbekannter Richtung verließen, habe sich der erste Taxifahrer seinem Kollegen offenbart, der dann die Polizei verständigte.

Heckhoff an Geiselnahme in Werl beteiligt

Der 50 Jahre alte Heckhoff hat eine lebenslange Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung zu verbüßen, weil er 1992 in der sauerländischen Justizvollzugsanstalt Werl an einer Geiselnahme beteiligt gewesen war. Gemeinsam mit einem Mithäftling hatte er während eines Zahnarzttermins drei Beamte und drei Zahnarzthelferinnen in seine Gewalt gebracht. Als ein Sondereinsatzkommando zugriff, zündeten er und der andere Häftling zwei zuvor mit brennbarer Flüssigkeit übergossene Geiseln an. Die Frau und der Mann erlitten schwere Verletzungen. Der 46 Jahre alte Michalski hat wegen Mordes und schwerer räuberischer Erpressung ebenfalls eine lebenslange Freiheitsstrafe abzusitzen.

Die zwischen 1990 und 1994 gebaute und 2001 erweiterte JVA im Aachener Stadtteil Soers ist eines der modernsten Gefängnisse in Nordrhein-Westfalen. Dort sind mehr als 700 männliche Straf- und Untersuchungsgefangene untergebracht. Hinzu kommen 50 Insassen, für die ein Gericht wie im Fall von Heckhoff und Michalski Sicherungsverwahrung angeordnet hat, und eine Abteilung für Insassen in der Sozialtherapie. Es ist das erste Mal, dass aus der JVA auf diese Weise Insassen entweichen konnten.

Die Justizvollzugsanstalt Aachen

In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen gelten besonders hohe Sicherheitsstandards. Dort verbüßen vor allem zu längerer Haft von zwei und mehr Jahren verurteilte Täter ihre Strafe. Die Anstalt des geschlossenen Vollzugs wurde 1994 in Betrieb genommen, 2004 erweitert und galt damals als eines der modernsten Gefängnisse Europas.

Die JVA bietet Platz für etwa 684 männliche Straf- und Untersuchungsgefangene. Auch etwa 50 zu Sicherungsverwahrung verurteilte Schwerverbrecher sitzen dort ein. Zudem gibt es eine Abteilung der Sozialtherapie mit etwa 35 Bewohnern. Die Strafgefangenen sind in den vier Hafthäusern in der Regel in Einzelzellen untergebracht. In besonderen Fällen gibt es nach Angaben der JVA auch eine Gemeinschaftsunterbringung.

Die jährlichen Kosten der JVA werden mit etwa 25 Millionen Euro angegeben. In dem Gefängnis sind rund 380 Bedienstete beschäftigt. Unter ihnen sind etwa 300 Justizvollzugsbeamte. Die JVA Aachen wird seit November 2008 von der Juristin Reina Blikslager geleitet. (dpa)

Weitere Themen

Eine Offenbarung des Hasses

FAZ Plus Artikel: Anschlag in Halle : Eine Offenbarung des Hasses

Stephan B. zeigt in dem Video, das er von seiner Tat aufgenommen hat, Menschenverachtung und einen tiefsitzenden Antisemitismus. Am Tag danach fragen viele nach dem gesellschaftlichen Nährboden für den Hass – und wie man den Rechtsextremismus bekämpfen kann.

Topmeldungen

Gestärkt: Der türkische Staatspräsident Erdogan spricht am Sonntag mit türkischen Journalisten

Türkische Offensive : Erdogans Gewinn

Wieder einmal stärkt eine Krise, die der türkische Staatspräsident ausgelöst hat, seine innenpolitische Stellung. Die ausbleibende internationale Unterstützung aber dürfte einen hohen Preis haben.
Zweimal Gündogan: Kimmich schreit seine Erleichterung über die Treffer des Kollegen heraus.

3:0 für Deutschland : Geduldsspiel in Tallinn

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft muss einen frühen Platzverweis von Emre Can verkraften, gewinnt aber nach zähem Beginn 3:0 in Estland. Gündogan trifft zweimal, Werner setzt noch einen drauf.
Was denkt die Queen über den Brexit? Die britische Königin Elisabeth II. im Mai 2019.

Brexit-Streit : Die Queen liest Johnson

Elisabeth II. trägt an diesem Montag im Unterhaus das Regierungsprogramm des Premierministers Boris Johnson vor. Im Zentrum steht der Brexit-Prozess, der gerade in einer entscheidenden Phase ist.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.