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Augenzeugen berichten : „Er hatte Tausende Horrorvideos zu Hause“

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Trauer nach dem Amoklauf in Winnenden: Tim K. sei „ziemlich eigen” geworden Bild: ddp

Die Menschen in Winnenden suchen nach Gründen für dem Amoklauf. Tim K. sei „ziemlich eigen“ geworden, sagt ein 19-Jähriger aus der Nachbarschaft. Ein ganzes Arsenal von Luftdruckwaffen habe Tim in seinem Zimmer gelagert.

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          Die Menschen in Winnenden stehen unter Schock. In den meisten Häusern sind die Rollladen heruntergelassen. Am Nachmittag stehen nur noch wenige Schaulustige an den Polizeiabsperrungen vor dem Schulzentrum der schwäbischen Kleinstadt. Niemand findet Worte für die schreckliche Tat, die sich hier ereignet hat. Eine Ankündigung der Tat entdeckte die Polizei bislang nicht. (siehe: Amoklauf in Winnenden: „Der Tod hat Einzug gehalten“).

          Die 15-jährige Betty kämpft mit den Tränen und ringt mit den Worten: „Ich habe zwei Schüsse und Geschrei gehört“, berichtet sie. „Erst dachte ich, es sei ein Scherz. Aber dann rief jemand: 'Rennt, rennt'. Dann hab ich gesehen, wie Mitschüler aus den Fenstern gesprungen sind und bin losgerannt.“ Auch andere Überlebende des Amoklaufs berichteten, dass alle erst einmal an einen Scherz gedacht hätten, als Tim im Tarnanzug ein Klassenzimmer betrat. Nun rätseln alle, was den 17-Jährigen zu der Tat getrieben haben könnte.

          Luftdruckpistolen hätten bei Tim einfach so herumgelegen

          Tim K. sei „ziemlich eigen“ geworden, sagt ein 19-Jähriger aus der Nachbarschaft von Tim K., der sich Thomas nennt, seinen richtigen Namen aber lieber nicht nennen will. Ein ganzes Arsenal von Luftdruckwaffen habe Tim in seinem Zimmer gelagert. Der 19-Jährige Michael V., der mit dem Amokläufer Tischtennis spielte, fügt hinzu: „Er hatte Tausende Horrorvideos zu Hause.“

          Angehörige vor der Schule: „Ich weiß nicht, was passiert ist”
          Angehörige vor der Schule: „Ich weiß nicht, was passiert ist” : Bild: AFP

          Softairwaffen und Luftdruckpistolen hätten bei Tim einfach so herumgelegen. Die habe er wohl aus dem Keller seines Vaters gehabt, sagt Thomas. Der Vater, der nach der Schilderung von Nachbarn ein „typischer Patriarch“ sei, habe eine ganze Sammlung besessen. Auch die Tatwaffe stammte nach Angaben der Polizei vom Vater, der einen Waffenschein hat.

          Tim K. wurde zwei Mal als guter Sportler geehrt

          Frank Sailer ist Vorsitzender des Fördervereins der Albertville-Realschule. Sein 15-Jähriger Sohn war zum Zeit des Amoklaufs in der Schule. „Er steht völlig unter Schock“, sagt Sailer sichtlich bewegt. „Wie wir alle“, fügt er hinzu. Warum Tim K. zum Amokläufer wurde, kann er sich nicht erklären. Nur einen rechtsradikalen Hintergrund, über den in den Medien spekuliert worden sei, schließe er aus, sagt er.

          Jürgen Kiesl, Bürgermeister von Weiler am Stein, hat Tim K. zwei Mal als Sportler geehrt. Auch die Eltern des Jungen kennt er gut, der Vater ist ein angesehener Unternehmer. „Ich kann mir nicht vorstellen, was diesen Jungen zu der Tat gebracht haben sollte“, sagt auch Kieser. Er will nun sicherstellen, dass die Winnender Schüler von Psychologen betreut werden. „Wir müssen auch dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert“, sagt er. „Nach diesem Tag wird bei uns über Monate nichts mehr so sein, wie es war.“

          Für das Internet habe er sich auch nicht begeistert

          Vor der Albertville-Realschule stehen kleine Grüppchen von Schülern. Jungen und Mädchen, etwa 14 bis 18 Jahre alt. Gesprochen wird wenig. Die Schüler ziehen an ihren Zigaretten, manchmal nehmen sie sich gegenseitig in den Arm. Viele kannten Tim K. Als unauffällig und höflich beschreiben sie ihn. Er sei ruhig, kein Macho, aber auch kein Außenseiter gewesen. „Jemand, mit dem man gerne ausgeht“, sagt die 15-Jährige Jasmin. Sie befürchtet, das die Schwester einer ihrer Freundinnen unter den Opfern ist. „Deshalb bin ich hier, um mehr zu erfahren.

          Andere Schüler bezeichnen Tim als still, „kein Wort“ habe der sonst von sich gegeben. „Er war halt schlecht in der Schule“, versucht der 19-jährige Thomas eine Erklärung. Zumindest sei er in den vergangenen Jahren „mehr ein Einzelgänger geworden“. Sein wichtigstes Hobby jedoch habe er nie aufgegeben: „Tischtennis war seine Leidenschaft“, sagt Tomas. Mit Computern hatte er dagegen nicht viel am Hut. Für das Internet habe er sich auch nicht begeistert.“

          Hotline-Nummern mit Schulpsychologen geschaltet

          Wie die Menschen in Winnenden, ist auch die Polizei ratlos. Hauptziel der Ermittlungen sei es aktuell, die Vergangenheit des Täters aufzuarbeiten und ein mögliches Motiv zu finden, sagt ein Sprecher. „Bislang tappen wir vollkommen im Dunkeln.

          Mehrere Notfallseelsorger und Psychologen sind nach Winnenden gekommen und kümmern sich um Schüler und Eltern, die die schreckliche Tat verarbeiten müssen. “Für Angehörige der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte der Albertville-Realschule ist eine Hotline-Nummer beim Regierungspräsidium Stuttgart geschaltet, die mit Schulpsychologen besetzt ist: 0711/904 - 40149, seelsorgerlichen Beistand bietet auch die Telefonseelsorge unter 0800/1110111.

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