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Rockerfall vor Gericht : Versuchter Mord aus Rache

Seit Jahren bekämpfen sich die beiden Rockergruppen „Hells Angels“ und Mongols in Hamburg. Bild: dpa

Zwei Rockergruppen streiten sich seit Jahren um ein Revier in Hamburg. Am Ende fallen Schüsse auf den Boss der Hells Angels. Nun stehen zwei Auftraggeber vor Gericht.

          Seinen Namen hat sie sich in den Hals tätowieren lassen. Arasch steht da zu lesen, als sie in einem glitzernden Pullover in den Gerichtssaal kommt und sich setzt, die blonden Haare hochgesteckt. Kurz nach der 24 Jahre alten Lisa S. wird der 28 Jahre alte Arasch R. in den Saal geführt, in dunklem Pullover und hellblauer Jeans. Er wird ein paar Meter von ihr entfernt plaziert. Sein Blick ist starr, Hände und Hals mit Tätowierungen verziert. R. war einst ein wichtiger Mann in der Hamburger Rockerszene, S. seine Freundin. Gemeinsam sollen sie einen Mord in Auftrag gegeben haben, eine brutale Tat mitten in St. Pauli. Rache soll ihr Motiv gewesen sein. Am Mittwoch begann vor dem Hamburger Oberlandesgericht der Prozess gegen die beiden.

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Es ist der 26. August 2018, als kurz vor Mitternacht Dariusch F. in seinem weißen Bentley an einer Ampel am Ende der Reeperbahn hält. Er ist ein stadtbekannter Mann, kräftig und kahl, gilt als Boss der Hells Angels. Neben ihm hält ein Mercedes Coupé. Vom Beifahrersitz aus eröffnet ein Schütze das Feuer, aus einer Pistole, Kaliber 0.765. F. wird fünf Mal getroffen, überlebt schwer verletzt. Die Staatsanwaltschaft schreibt in der Anklage, F. habe infolge der Schussverletzungen ein „Querschnittssyndrom“ erlitten. Es dauert nur wenige Tage, bis die Polizei erste Ermittlungserfolge verkünden kann. Lisa S. wird festgenommen, Arasch R. sitzt wegen einer anderen Tat schon im Gefängnis. Der Schütze ist bis heute unbekannt. Die Staatsanwältin wirft Lisa S. „mittäterschaftlich“ versuchten Mord vor, sie spricht von einer heimtückischen Tat aus niedrigen Beweggründen. S. soll den Mercedes gefahren haben, R. soll sie dazu angestiftet haben.

          Die Geschichte des Mordversuchs erinnert an die Zeit, als sich in Hamburg zwei rivalisierende Rockergruppen öffentlich anfeindeten. Um das Jahr 2015 herum tauchten auf dem Kiez die Mongols auf, und machten den etablierten Hells Angels das Revier streitig. Die Mongols waren so etwas wie ein Rockerclub ohne Motorräder. Ihr stellvertretender Anführer war Arasch R.

          Die Angeklagten schweigen

          Es folgten Beleidigungen im Internet, Prügeleien und eine Schießerei auf St. Pauli, bei der mehrere Mongols verletzt wurden. Schon im Frühjahr 2016 lösten sich die Mongols wieder auf. Wenig später, im Juni, wurde Arasch R. in seinem Haus von einem Unbekannten überfallen und angeschossen, auch Lisa S. trafen mehrere Kugeln. Wer für die Tat verantwortlich war, konnte nicht geklärt werden. Ein Polizist erzählt am Mittwoch im Gericht, damals habe auch Dariusch F. zu den Verdächtigen gezählt. Die Staatsanwaltschaft sieht hier das Motiv: Arasch R. und Lisa S. hätten mit dem Mord an Dariusch F. die durch den Überfall im Juni 2016 beeinträchtigte Ehre von Arasch R. wiederherstellen wollen. Und Lisa S. habe es auch getan, um Arasch R. zu gefallen.

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          Die Angeklagten schweigen am Mittwoch, R. lässt über seinen Anwalt nur den Vorwurf zur Anstiftung zurückweisen. Dafür berichtet ein Beamter des Landeskriminalamtes von den Ermittlungen. Er gehört zu der auf Rockerkriminalität spezialisierten Abteilung. Auf Videoaufnahmen sei ein Mercedes Coupé zu sehen, das in der Nacht der Tat auf Dariusch F. gewartet habe, als dieser noch in einer Bar gewesen sei. Der Beamte erzählt auch, dass der Autohersteller Mercedes der Polizei die Standortdaten des Autos zur Verfügung gestellt habe. So konnte die Polizei nachweisen, dass der Wagen in der Tatnacht bis nach Limburg fuhr, kurz darauf nach Berlin und Wittenberge. Dort konnten Fahnder ein Foto der Fahrerin machen: Es war Lisa S.

          „Ich habe das schönste Kleid gefunden.“

          Ihr Verteidiger weist am Mittwoch darauf hin, dass damit nicht bewiesen sei, ob sie den Mercedes auch in den Tagen zuvor gefahren habe. Der Beamte erzählt auch vom Videotext von RTL, über den, so vermuten die Ermittler, Lisa S. Nachrichten an Arasch R. ins Gefängnis geschickt habe. Sie soll von ihrem Handy zu bestimmten Zeiten SMS an einen Anbieter geschickt haben, der die Kurznachrichten auf seiner Videotextseite veröffentlichte. Kaum eine Stunde vor der Tat, der Mercedes war gerade in Sichtweite des Bentleys von Dariusch F. abgestellt worden, erschien im Videotext die Nachricht: „Ich habe das schönste Kleid gefunden.“

          Bevor sie einige Tage nach der Tat Arasch R. im Gefängnis besuchte, erschien die Nachricht, sie habe sich die Haare gefärbt – tatsächlich kam sie nicht mehr mit blonden, sondern mit roten Haaren zu Besuch. Längst hatte die Polizei die beiden im Visier. Ihr im Gefängnis aufgezeichnetes Gespräch habe den Tatverdacht „erhärtet“, sagt der Beamte am Mittwoch, ohne weitere Details zu nennen. Die dürften bei den nächsten Verhandlungstagen wichtig werden. Der Prozess ist bis Ende Mai angesetzt.

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