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Attentäter von Paris : „Ich habe eine große Dummheit begangen“

Vielleicht noch im Prozess hilfreich: Auch mit diesem Bild aus einem Überwachungsvideo suchte die Pariser Polizei nach dem Schützen Bild: Reuters

Der Attentäter von Paris wollte sich das Leben nehmen - wurde aber in einer Tiefgarage entdeckt. Über die Motive des Schützen tappt Frankreich weiter im Dunkeln.

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          Der Attentäter von Paris wollte nicht mehr leben. Nachdem er 48 Stunden die französische Hauptstadt in Atem gehalten hatte, schluckte er Tabletten und legte sich in einer Tiefgarage des Vororts Bois-Colombes in ein Auto. Dort fand die Polizei den mysteriösen Schützen am Mittwochabend, „im Koma oder halb bewusstlos“, wie ein Ermittler sagte. Ein Rettungswagen brachte den 48 Jahre alten Mann in die Notaufnahme des Krankenhauses Hôtel-Dieu, das zum Pariser Justizpalast gehört.

          Michaela Wiegel
          Politische Korrespondentin mit Sitz in Paris.

          Schnell brachte ein DNA-Test Gewissheit: Der Kranke ist der Mann, der bewaffnet mit einer Flinte den Empfangsraum des Fernsehsenders BFM-TV stürmte und zwei Patronen hinterließ, und der in der Lobby der Zeitung „Libération“ wild um sich schoss, einen Fotoassistenten schwer verletzte, und der schließlich vor der Großbank Société Générale Schüsse abfeuerte. Die DNA-Analyse ergab auch, dass er es war, der einen Twingo-Fahrer im Geschäftsviertel La Défense überwältigte und unter Androhung von Waffengewalt zwang, ihn an die Pariser Prachtavenue Champs-Elysées zu bringen.

          Im Abschiedsbrief was mit „Faschismus“

          Präsident Hollande lobte am Donnerstag „die hervorragende Arbeit“ der Ermittler, die den Verdächtigen innerhalb kürzester Zeit gefasst hätten. Über die Motive des Schützen, der Abdelhakim Dekhar heißt, tappt Frankreich aber noch im Dunkeln. Innenminister Manuel Valls bestätigte, dass der Mann mehrere Abschiedsbriefe hinterlassen hat. „Wirr“ seien sie, eine vollkommen zusammenhanglose geopolitische „Abrechnung“, bei der es um die Lage in Libyen, Syrien und überhaupt in der arabischen Welt gehe, wusste der Nachrichtensender BFM-TV. Auch von einem „faschistischen Komplott“ und Missetaten des Kapitalismus soll in den Abschiedsschreiben die Rede sein. Das deutet darauf hin, dass Dekhar mit dem linksextremen Wahn seiner Jugendjahre nie gebrochen hat.

          Der 48 Jahre alte Franzose algerischer Herkunft war schon in den neunziger Jahren zu Berühmtheit als Krimineller gelangt, als Kumpan eines französischen Bonnie-und-Clyde-Paars. „Ein Phantom kehrt zurück“, schreibt „Le Point“ am Donnerstag. Aus Dekhar war im Gerichtssaal niemand schlau geworden. Er wurde 1998 wegen „Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung“ zu vier Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

          Großangelegte Fahndung

          Seine wahre Rolle bei der Bluttat von Paris im Oktober 1994 wurde nie geklärt. Sicher ist, dass er der 19 Jahre alten Studentin Florence Rey und ihrem Freund die Waffe – eine Pumpgun – besorgt hatte. Die beiden benutzten die Pumpgun für einen Überfall und während der anschließenden Verfolgungsjagd mit der Polizei, bei der fünf Menschen ums Leben kamen – ein Taxifahrer, drei Polizisten und der Liebhaber der Haupttäterin. Das Paar war in der Anarchisten-Szene bekannt gewesen. Ob Dekhar eine Art ideologischer Wegbereiter der beiden war, wurde nie geklärt. Bei seinem Prozess hatte Dekhar sich damit herauszureden versucht, er habe für den algerischen Geheimdienst die französische Anarchisten-Szene unterwandert. Nach Verbüßung der Haft verschwand Dekhar, vermutlich nach Algerien. Das ist wohl auch der Grund, warum er in der französischen DNA-Kartei nicht erfasst war.

          Die französische Polizei hatte bei der Großfahndung nichts unversucht gelassen und mehrere Fahndungsfotos in allen Medien veröffentlicht. Die Bilder stammten von Überwachungskameras, die in den öffentlichen Verkehrsmitteln in Paris, aber auch in den Empfangsräumen von „Libération“ und BFM-TV aufgestellt sind. Mehr als 1000 Franzosen beteiligten sich mit Hinweisen auf den Täter an der Fahndung.

          Letztlich war es ein Freund des 48 Jahre alten Verdächtigen, der den entscheidenden Hinweis gab. Bei ihm hatte Dekhar seit ein paar Tagen gewohnt. Er erkannte seinen Gast auf einem der Fahndungsfotos und meldete sich sofort im Polizeikommissariat von Courbevoie bei Paris. Dekhar soll seinem Freund gesagt haben: „Ich habe eine große Dummheit begangen.“

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