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Armbrust-Fall von Passau : Waren doch Drogen im Spiel?

Werbeplakat im Schaufenster eines Mittelalterladens in Hachenburg: Diesen Laden betrieb Torsten W. Bild: dpa

Die Polizei zeichnet den Armbrust-Fall nach. Fachleute überprüfen, ob es tatsächlich möglich ist, sich mit so einer Waffe zu erschießen. Torsten W. soll ein unkonventionelles Verhältnis zu den Frauen gehabt haben.

          Wenn es keinen Spaß macht, passt es nicht zu uns. So könnte man das Motto übersetzen, dass sich die „International Jousting League“ auf ihrer Homepage gibt: „If it ain’t fun, it ain’t us!“. Der internationale Ritterverein, der nach eigenen Angaben 369 Unterorganisationen in 23 Ländern unterhält, versteht sich als Plattform für alle, deren Herz für das „jousting“ schlägt – für historisch anmutende Ritterkämpfe zu Pferde („tjosten“), mit Lanzen oder Pfeil und Bogen. Auf Bildern von Turnieren in Texas sieht man Männer und Frauen in glänzenden Rüstungen und Burgfräulein-Kleidern, die auf Schlachtrössern mit Lanzen aufeinander zu stürmen. Auf der Startseite der „League“ werden ganz oben neue Mitglieder namentlich begrüßt – so auch vier der fünf Personen, die am Samstag in Passau und am Montag in Wittingen tot aufgefunden worden waren.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Dass die Toten, vier Frauen im Alter zwischen 19 und 35 Jahren und ein 53 Jahre alter Mann, eine Verbindung zur Mittelalter-Szene haben könnten, gehörte – nicht zuletzt wegen des Tatmittels Armbrust – von Beginn an zu den Spekulationen in dem mysteriösen Fall. Vermutet wird, dass in Passau die 30 Jahre alte Farina C. mit einer Armbrust zuerst den 53 Jahre alten Torsten W. und die 33 Jahre Kerstin E. erschoss. Danach könnte Farina C., die als Verkaufsleiterin einer Bäckerei in Wittingen gearbeitet hatte, die Armbrust gegen sich gerichtet haben. Ob die drei zuvor ein Ritterfest in Österreich besucht hatten, steht noch nicht fest.

          Die Polizei versucht, anhand von Quittungen, die man bei den Toten in Passau fand, deren Wege nach und innerhalb Österreichs nachzuzeichnen. Offenbar haben sie eine der insgesamt drei in dem Pensionszimmer sichergestellten Armbrüste in Österreich gekauft. Die Fachleute vom Bayerischen Landeskriminalamt erstellen zudem nach Angaben der Staatsanwaltschaft Passau ein Gutachten zu der Frage, ob es tatsächlich möglich ist, sich mit einer Armbrust zu erschießen. Fragt man Armbrustschützen, so wird dies als „theoretisch möglich“ eingeschätzt.

          Dominanz-Gebaren

          Zudem untersuchen Rechtsmediziner, ob die drei Personen nicht doch bestimmte Substanzen zu sich genommen haben. Zwar gibt es bislang keinen Hinweis auf Alkohol- oder Drogenkonsum. Doch „feingewebliche Untersuchungen“ sollen Aufschluss darüber geben, ob Substanzen wie NpS (neue psychoaktive Stoffe) im Spiel waren. Denn stellt man sich die vermuteten Abläufe in dem Dreibett-Zimmer vor, erscheint es ungewöhnlich, dass alle Beteiligten die Nerven bewahren konnten: Schließlich musste der Schütze oder die Schützin die Armbrust nachladen und aus nächster Nähe auf eine Person zielen, während alle drei Personen den Tod vor Augen hatten.

          Die Todesursache der beiden Frauen, die man im niedersächsischen Wittingen fand, ist bislang noch ungeklärt. Der Sprecher der Passauer Staatsanwaltschaft verweist auch hier auf weitere Untersuchungen, die möglicherweise Hinweise auf den Konsum bestimmter Stoffe geben könnten. Die 35 Jahre alte Gertrud C., eine Grundschullehrerin, war die Lebensgefährtin von Farina C. Sie wurde zusammen mit der 19 Jahre alten Carina U. tot aufgefunden. Laut „Bild“-Zeitung soll Torsten W. ein unkonventionelles Verhältnis zu den Frauen gehabt haben, über Dominanz-Gebaren wird gemutmaßt. Angeblich hatte schon ein Privatdetektiv nach der Neunzehnjährigen gesucht.

          Zusammen mit Kerstin E. lebte der Mann in Borod, einem Ort mit rund 250 Einwohnern unweit von Hachenburg im Westerwald. Lokalzeitungen veröffentlichten Fotos des Wohnhauses: ein weißes, dreistöckiges Gebäude, davor zwei Autos, drumherum viel Grün. Zusammen mit einer Frau sei W. mit einem Stand auf Mittelaltermärkten unterwegs gewesen sein, bevor die beiden bis Ende 2017 für etwa zwei Jahre ein Mittelalter-Geschäft im Zentrum Hachenburgs betrieben, wie die „Westerwälder Zeitung“ schreibt.

          Seit mehreren Jahren soll W. Stammkunde im Geschäft „Westwood Archery“ in Hof in der Nähe von Hachenburg gewesen sein. Armbrüste kosten dort zwischen 240 und 1500 Euro. Man benötigt dafür keinen Waffenschein. „Torsten W. war ein sehr netter, höflicher und korrekter Mann. Er war einer unserer Lieblingskunden“, zitiert die „Westerwälder Zeitung“ die Inhaberin. Zuletzt sei W. vor eineinhalb Wochen im Geschäft gewesen. „Er war ein leidenschaftlicher Bogenschütze, hat sich erst neue Bögen gekauft.“ Eine Armbrust habe er dort nie erworben.

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