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Armbrust-Fall von Passau : Die Pfeile gingen mitten ins Herz

Vor einem Tatort: Ein Polizist und ein Mitarbeiter der Spurensicherung (in der Spiegelung) untersuchen das Haus in Wittingen. Bild: dpa

Nach dem Fund von fünf Leichnamen in Passau und Wittingen gibt es Hinweise auf erweiterten Suizid. Dass die Toten einen Bezug zu Rittertum und Mittelalter-Folklore gehabt haben müssen, legt die Tätigkeit des Mannes nahe.

          Die Entdeckung von insgesamt fünf Toten im bayerischen Passau und niedersächsischen Wittingen wirft viele Fragen auf. Eine immerhin scheint am Dienstag beantwortet zu sein: Ein Gewaltverbrechen, an dem fremde Personen beteiligt waren, scheidet nach aktuellem Kenntnisstand offenbar aus.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Julian Staib

          Politischer Korrespondent für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland mit Sitz in Wiesbaden.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Denn zumindest bei den drei Leichnamen, die am Samstag in einer Pension im Passauer Stadtteil Unteröd an der Ilz gefunden worden waren, hat die Obduktion nach Angaben der Staatsanwaltschaft Passau keine Hinweise auf Kampf- oder Abwehrhandlungen ergeben. Zudem stellte die Polizei bei zwei von ihnen Dokumente sicher, die als Testamente gewertet werden können: bei dem 53 Jahre alten Mann und der 33 Jahre alten Frau. Die beiden waren in Hachenburg gemeldet, einem pittoresken 6000-Einwohner-Städtchen im Westerwald. Als man sie fand, lagen sie auf dem Bett des Pensionszimmers und hielten sich an den Händen. Vor ihnen auf dem Boden lag eine 30 Jahre alte Frau. Bei ihr fand die Polizei kein Testament.

          Zur Zeit deutet also einiges darauf hin, dass die beiden Frauen sowie der Mann sich zusammen entschlossen hatten, aus dem Leben zu scheiden. Es könnte also ein „erweiterter Suizid“ vorliegen. Als Waffe diente dazu mindestens eine der insgesamt drei Armbrüste, die in dem Zimmer am Samstag gefunden worden waren. Wie tödlich eine Armbrust sein kann, die im waffenrechtlichen Sinn den Schusswaffen gleichgestellt ist, allerdings ab 18 Jahren erlaubnisfrei erworben werden kann, zeigen die Details der Obduktion: So war nach den Angaben der Staatsanwaltschaft ein Pfeil, der den Mann ins Herz traf, tödlich. Bei ihm wurden zudem zwei Einschüsse im Kopf und zwei Einschüsse im Brustbereich festgestellt. Die Einschüsse in den Kopf waren demzufolge „nicht zwingend“ todesursächlich: Sie könnten auch nachträglich gesetzt worden sein. Insgesamt trafen den Mann fünf Pfeile.

          Die neben ihm liegende Frau wurde von zwei Pfeilen getroffen: Getötet hatte sie ein Pfeil ins Herz. Ein weiterer Pfeil, der auch nicht zwingend todesursächlich war, hatte ihre Schläfe getroffen. Auch dieser Pfeil könnte nach Sichtweise der Staatsanwaltschaft erst nach ihrem Tod abgefeuert worden sein.

          Bei der anderen Frau hingegen wurde nur Pfeil sichergestellt. Es war der tödliche Schuss: Der Pfeil hatte ihren Hals getroffen und das Rückenmark durchtrennt. Ein mögliches Szenario könnte also nach Sichtweise der Staatsanwaltschaft sein, dass diese Frau zunächst die beiden anderen Personen tötete und dann die Waffe gegen sich selbst richtete.

          Die 30 Jahre alte Frau, deren weißer Pickup-Truck inzwischen in Passau sichergestellt wurde, scheint eine Schlüsselrolle in dem mysteriösen Fall einzunehmen. Denn am Montag hatte die Polizei in ihrer Wohnung im niedersächsischen Wittingen zwei weitere tote Frauen gefunden – eine davon war ihre Lebensgefährtin. Die Fünfunddreißigjährige arbeitete als Grundschullehrerin an einer Gesamtschule. Sie wurde zusammen mit dem Leichnam einer 19 Jahre alten Frau aufgefunden, die ebenfalls in dem Haus gemeldet war. Von Armbrüsten oder Pfeilen war in der Wohnung im Unterschied zum Tatort in Passau nichts zu sehen. Auch die Obduktion der Leichname in der Medizinischen Hochschule Hannover hatte keinerlei Hinweise auf äußere Gewalteinwirkungen ergeben, wie die Staatsanwaltschaft Hildesheim am Dienstagnachmittag mitteilte. Der Todeszeitpunkt liegt laut der Untersuchung bereits einige Tage zurück. Nach der genauen Todesursache suchten die Rechtsmediziner am Dienstag noch.

          Die Lehrerin soll erst vor einigen Monaten in die Gegend gezogen sein, die recht abgelegen nahe der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt liegt. Ihre 30 Jahre alte Partnerin, die den gleichen Nachnamen trug, soll in Wittingen bei einem Bäcker gearbeitet haben. Nachbarn der toten Frauen aus Wittingen berichten, dass ihnen deren dunkle Kleidung aufgefallen sei, die womöglich auf Bezüge zur Gothic-Szene deute.

          Warum die Lebensgefährtin der Lehrerin am Freitag zusammen mit der anderen Frau und dem Mann gerade die Pension in Passau ausgewählt hatte, ist noch genauso ungewiss wie die Gründe für die Tötung. Die drei waren offenbar auf der Rückreise aus Österreich, wo sie nach Medienberichten ein Ritterturnier aufgesucht haben sollen. In Österreich wurde auch eine der Armbrüste gekauft.

          Das Zimmer in Passau hatten sie kurzfristig, erst Stunden vor ihrer Ankunft, reserviert. Hinweise darauf, dass sie sich im Alkoholrausch oder nach dem Konsum von Drogen zu der Tat entschlossen hatten, gibt es nach ersten Untersuchungen von Blut- und Urinproben bislang nicht. Die drei Gäste, die von anderen Reisenden als „auffällig“ beschrieben wurden, sollen sich nach ihrer Ankunft am Freitagabend mit Wasser und Cola auf ihr Zimmer zurückgezogen haben, wie die „Bild“-Zeitung schreibt. Die Frauen waren ganz in schwarz gekleidet, der Mann trug nach Angaben der Staatsanwaltschaft einen Anzug.

          Der Mann betrieb ein Mittelalter-Geschäft

          Dass die drei einen mehr oder weniger stark ausgeprägten Bezug zu Rittertum und Mittelalter-Folklore haben müssen, legt die Tätigkeit des Mannes nahe: Im rheinland-pfälzischen Hachenburg hat er am Ortsrand im Gewerbegebiet ein Mittelalter-Geschäft namens „Milites Conductius“ betrieben. Der gleichnamigen Facebook-Seite zufolge verkaufte er dort Met, Weine, Messer und Schwerter. Abends kam dort eine Nähgruppe zusammen, um mittelalterliche Kleidung („Gewande“) zu erstellen. Die Lokalzeitung „Westerwald-Post“ beschrieb „Milites Conductius“ im Juli vergangenen Jahres als einen Verein, der alles biete, „was das mittelalterliche Herz begehrt“. Auf der zum Geschäft gehörenden Facebook-Seite wurden seit Juli 2018 regelmäßig Beiträge veröffentlicht: Sie geben Einblick in die Welt von Menschen, die vom Mittelalter fasziniert sind. Die jüngste Veröffentlichung stammt vom Mittwoch vergangener Woche – zwei Tage, bevor der Mann und seine Begleiterinnen in der Pension in Passau eintrafen: „Einige Eindrücke vom Mittelalterflohmarkt in Büdingen am Wochenende. In einer sehr schönen, historischen Stadt mit aktivem Mittelalterverein, klasse!!!“

          Das Geschäft in Hachenburg bot auch „historische Kampfkünste, Brauchtumspflege, Spirituosen, Gewandung, Waffenkammer und Rüstungen“ an. Als Profilbild dient ein Ritter in voller Montur, als „Banner“, wie es auf der Seite heißt, ein Totenkopf, auf dem ein Raubvogel sitzt. Bei den Bewertungen heißt es, im Geschäft gebe es „eine wohlschmeckende Auswahl an Met und eine gute, freundliche Beratung“. Verkauft wurde ein „Odin-Trunk“, bei dem es sich offenbar um Honig-Bier handelt, außerdem „Kirsch-Met“ sowie „Beeren-Weine“.

          Angepriesen werden die Messer und Säbel, die in „Handarbeit“ und unter Verwendung ausschließlich „traditioneller Techniken“ hergestellt würden. Möglich sei auch eine „persönliche und individuelle Herstellung von Messern und Schwertern speziell nach ihren Wünschen“. Dienstags um 16 Uhr fand sich, im vergangenen Jahr mehrmals, in dem Geschäft eine Frauengruppe für einen „Mittelalter Nähtreff“ zusammen. Um 18 Uhr gab es das „Schwertkampftraining“.

          Geteilt wurde auf der Seite auch ein Video eines Wettkampfs in Neuseeland, bei dem sich Männer mit Schwertern und in voller Rittermontur bekämpfen. Fünf Prozent der Teilnehmer müssten am Ende ins Krankenhaus, heißt es darin. Von der Facebook-Seite wurde mehrmals auch auf verschiedene Veranstaltungen mit Bezug zum Mittelalter verwiesen. Etwa auf einen „Wikinger-Mittelaltermarkt“ im Hunsrück oder auf das „Mittelalterspectaculum“, eine Veranstaltung an wechselnden Orten, bei der die Teilnehmer sich mittelalterlich verkleiden und „Ritterturniere“ mit Wettkämpfen abhalten, Tänze aufführen, „Dudelsack-Workshops“ abhalten und vieles mehr.

          Die Begeisterung für das Mittelalter ist seit Jahren ungebrochen. Vor allem das „live action role playing“ (Larp) findet immer mehr Anhänger. Im Netz kann man nicht nur die passenden Requisiten wie Schnallenstiefel, Gewänder aus Sackleinen oder Pfeil und Bogen bestellen. Es werden zudem viele Orte für Rollenspiele angeboten, bei denen sich Männer und Frauen aller Altersgruppen treffen können, um Phantasy-Geschichten mit mittelalterlicher Anmutung nachzuspielen.

          Aber nirgends ist davon die Rede, dass man sich mit mittelalterlichen Waffen zum gemeinsamen Suizid verabredet.


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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