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Arabische Kriminelle in Deutschland : Das regeln wir unter uns

Fünfter Prozesstag: Aussage des Ermittlungsrichters, der Nidal und dessen Brüder im Dezember vernommen hat. Mit einem Bombardement aus Anträgen hatte die Verteidigung versucht, diesen Auftritt zu verhindern. Was ein Zeuge vor dem Ermittlungsrichter gesagt hat, ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen, selbst wenn er in der Hauptverhandlung schweigt. Man könnte auch sagen: Der Staatsanwalt hat alles richtig gemacht und die Aussage gesichert. Und so referiert der Richter detailliert, wer laut Nidal und seinen Brüdern zu welchem Zeitpunkt ein Messer gezückt, zugeschlagen und zur Pistole gegriffen haben soll.

Aber nicht nur das. Ein Einblick in die Welt arabischer Großfamilien: Nidal will sich geärgert haben, dass sein Kumpel Abdallah K. als Starthilfe nach der Haftentlassung Geld für ihn gesammelt hat. Er will ihn zur Rede stellen, Abdallah K. verlegt die Begegnung in das Café Sindbad an der Emser Straße, das die Familie R. betreibt. Dort eskaliert die Sache. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Streit zwischen Nidal und den R.s gewaltsam ausgetragen wird.

„Wir arbeiten nicht mit den Behörden“

Noch auf dem Weg ins Krankenhaus versichert der angeschossene Nidal einem der Brüder R. telefonisch, man werde bei der Polizei keine Angaben machen. Erst als die Ermittler ihn mit der Tatsache konfrontieren, dass die Gegenseite ihn als Schützen beschuldigt, entschließt er sich zur Aussage: „Es kann doch nicht sein, wir sind immer unschuldig, und wir gehen immer in den Knast“, sagt er dem Richter. Damit sich auch seine beiden Brüder äußern, ist es nötig, dass Nidal, der Älteste, den anderen eine Erlaubnis erteilt.

Unterdessen wollen die Brüder R. Nidal offenbar mit allen Mitteln bewegen, seine Anzeige zu widerrufen. Ihm sei Geld geboten worden. Man sei an seinen kranken Vater herangetreten. Geistliche Autoritäten, sogenannte Friedensrichter, wurden eingeschaltet. Aber aufgrund seiner Vorgeschichte - „Die haben mich halb totgeschlagen, und ich habe vier Jahre im Gefängnis gesessen“ - widersetzt sich Nidal der gängigen Regel, die der Ermittlungsrichter so referiert: „Das machen wir mit den Familien unter uns. Wir arbeiten nicht mit den Behörden.“ Was also ist passiert, dass Nidal ein halbes Jahr später schweigt?

Triumph der Paralleljustiz?

„Was uns Probleme macht, ist, dass die die deutsche Strafjustiz nicht anerkennen, sondern aushebeln“, sagt Oberstaatsanwalt Kamstra. Ermittler wissen, dass Zeugen mit Geld oder Drohungen zum Schweigen bewogen werden. Anwälte behaupten, Falschaussagen würden zwischen arabischen Großfamilien inzwischen als Druckmittel eingesetzt: Wer Anzeige erstattet, kann im Schlichtungsverfahren zwischen den Familienältesten seinen Preis für die Rücknahme fordern. Fakt ist, dass am Anfang von Prozessen gegen Mitglieder arabischer Großfamilien oft schwere Anklagevorwürfe stehen. Am Ende kommen Bagatellstrafen heraus.

Im Schießereiprozess Emser Straße hat das Landgericht vergangenen Dienstag angeordnet, den mutmaßlichen Schützen R. aus der Untersuchungshaft zu entlassen. Es ist der elfte Verhandlungstag. Der Verteidigung ist es zwischenzeitlich nicht nur gelungen, der Polizei unsaubere Arbeit nachzuweisen. Offenbar hat sie es auch geschafft, Nidals Glaubwürdigkeit in Zweifel zu ziehen. Triumph der Paralleljustiz? Bedeutet ein Friedensschluss zwischen arabischen Großfamilien zwangsläufig, dass Straftäter nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden können? Für alle Ermittler ist die Entscheidung ein Schlag ins Gesicht. Im Publikum, bei den Freunden und Brüdern der Familie R., brandet Jubel auf.

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