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Anwälte von Abou-Chaker : „Diese Verfahrenssituation ist nicht reparabel“

  • -Aktualisiert am

Zeuge und Nebenkläger: Bushido Mitte August im Gericht Bild: EPA

Ausgerechnet die Razzia gegen Arafat Abou-Chaker bedroht das große Strafverfahren gegen den Clanchef. Laut der Staatsanwaltschaft wird behördenintern sogar wegen des Verrats von Dienstgeheimnissen ermittelt.

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          Am neunten Prozesstag sieht es plötzlich so aus, als könnte das große Strafverfahren gegen Arafat Abou-Chaker und drei seiner Brüder platzen. Plangemäß sind gut zwei Wochen seit dem letzten Verhandlungstermin verstrichen, weil der Vorsitzende Richter im Urlaub war. In dieser Zeit jedoch ist eine Menge passiert. Erst mussten die Brüder Abou-Chaker ihre Mutter beerdigen. Dann, am Dienstag vergangener Woche, kam es zu einer umfangreichen Razzia, bei der Arafat Abou-Chaker auf seinem Grundstück in Kleinmachnow am frühen Morgen von Steuerfahndung, Polizei und Sondereinsatzkommando aus dem Bett geholt wurde. Rund 300 Beamte waren im Einsatz, 18 Objekte wurden durchsucht, es sollen Millionenbeträge beschlagnahmt worden sein.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ausgerechnet dieser Einsatz, der nach einem wohl vorbereiteten Schlag der Ermittlungsbehörden gegen den arabischstämmigen Hauptangeklagten aussah und ihn finanziell empfindlich treffen könnte, bedroht nun das Strafverfahren. Jedenfalls fordern Arafat Abou-Chakers Anwälte die Einstellung des Prozesses. Der Grund: Während der Hausdurchsuchung sollen sogenannte Verteidigungsunterlagen Abou-Chakers beschlagnahmt beziehungsweise abfotografiert worden sein – ein Ordner mit extra für den Strafprozess zusammengestellten Schriftstücken sowie handschriftliche Notizen aus dem Verfahren.

          Schon fünf Tage lang hat Bushido als Zeuge vor dem Landgericht ausgesagt und dabei ausführlich sowohl über die private Verbindung der beiden Männer als auch über ihre Geschäftsbeziehung Auskunft gegeben. Abou-Chaker hat im Auftrag seiner Anwälte offenbar seitenweise mitgeschrieben, über welche Punkte aus seiner Sicht noch zu sprechen und zu streiten sein wird.

          Wollten mal Nachbarn sein: Klingelschilder von Abou-Chaker und Bushido in Kleinmachnow
          Wollten mal Nachbarn sein: Klingelschilder von Abou-Chaker und Bushido in Kleinmachnow : Bild: EPA

          Nun ist die Rechtslage eindeutig, und auch alle Verfahrensbeteiligten sind sich einig, dass Ermittler auf solche Unterlagen nicht zugreifen dürfen. Was das in diesem Fall allerdings bedeutet, bleibt am Mittwoch zunächst offen. Die Verteidiger von Arafat Abou-Chaker sehen den „Grundsatz des Fair Trial“ verletzt und finden: „Diese Verfahrenssituation ist nicht reparabel.“ Die Staatsanwaltschaft hingegen argumentiert, Versehen kämen vor, die Unterlagen würden zurückgegeben: „Das kann ja nicht dieses Verfahren zu Fall bringen.“ Der Richter, der durchaus von „so ein paar Bauchschmerzen“ spricht, entscheidet schließlich, am nächsten Prozesstag zunächst eine Beamtin der Steuerfahndung als Zeugin zu laden.

          „Mit Sicherheit sehr unglücklich“

          Für weiteren Wirbel sorgt derweil der Umstand, dass über die Razzia in großem Umfang öffentlich berichtet worden ist – und zwar von den frühen Morgenstunden an. Medienvertreter sollen schon die Ankunft der Polizei in Kleinmachnow gefilmt haben. In Saal 500 des Kriminalgerichts steht deshalb die Frage im Raum: Wer hat die Journalisten über den Großeinsatz informiert? Und was hat möglicherweise Bushido damit zu tun, der nach eigenen Angaben zehn Tage vorher von der Steuerfahndung um den Schlüssel zu seiner Villa auf dem Grundstück gebeten worden ist? Bushido bestreitet, Ziel und Datum der Aktion gekannt zu haben. Behördenintern wird nach Auskunft der Staatsanwaltschaft mittlerweile wegen des Verrats von Dienstgeheimnissen ermittelt.

          Die Verteidigung von Arafat Abou-Chaker allerdings unterstellt strategisches Interesse. Die Anwälte sprechen von einer „unglaublichen Inszenierung“ mit dem Ziel, Arafat Abou-Chaker „medial als gewaltbereiten Clankriminellen darzustellen“. Oberstaatsanwältin Petra Leister kontert: „Einen Versuch der Rufschädigung sehe ich darin nicht.“ Wobei sie es „mit Sicherheit sehr unglücklich“ nennt, dass es zu den „von langer Hand geplanten“ Durchsuchungen mitten während des laufenden Strafverfahrens gekommen sei. Aber „aus organisatorischen Gründen“ sei das nicht anders möglich gewesen.

          Die geplante Fortsetzung der Zeugenaussage Bushidos alias Anis Ferchichi dreht sich deshalb an diesem Tag nicht mehr um die spektakulärste Männerfreund- und feindschaft im Deutschrap der vergangenen zwanzig Jahre, geschweige denn um die angeklagten Taten rund um die Auflösung dieser Geschäftsbeziehung, sondern allein um den Nebenschauplatz der aktuellen Durchsuchungen. Während Arafat Abou-Chaker sich vor und nach dem Prozess Journalisten gegenüber sichtlich übellaunig zeigt, gibt Bushido im Zeugenstand wie gewohnt den jovialen Gesprächspartner mit Bühnenerfahrung und Entertainer-Qualitäten.

          T-Shirt, Trainingshose und Turnschuhe, deren Sohle an ein Schlauchboot erinnert, auf dem linken Unterarm steht in Großbuchstaben „Ghetto“, um den rechten Ellenbogen herum sind rote Blümchen tätowiert. Ganz beiläufig erfährt man, dass Bushido jeden Morgen als erstes seinen Namen googelt. Auf die erstaunte Frage des Gerichts, ob er einfach so seinen Hausschlüssel herausgebe, antwortet er launig: „Wenn die Steuerfahndung fragt, auf jeden Fall. Ich hab den Luxus, ich hab nichts zu verbergen. Wenn man nicht nett fragt, dann antworte ich auch nett.“ Der Prozess wird am Montag fortgesetzt.

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