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Antimafia-Staatsanwalt : Mission für Kalabrien

Hat sich dem Kampf gegen die kalabrische Mafia verschrieben: Nicola Gratteri Bild: AFP

Staatsanwalt Nicola Gratteri verfolgt seit mehr als drei Jahrzehnten die kalabrische Mafia. Der Prozess gegen 355 Angeklagte, der am Mittwoch beginnt, ist sein bisher größter Schritt auf diesem langen Weg.

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          Vor gut einem halben Jahr hat Nicola Gratteri, der Chefstaatsanwalt in der kalabrischen Hauptstadt Catanzaro, bei einer Anhörung des Antimafia-Ausschusses des italienischen Parlaments über sich gesagt: „Ich liebe diese Arbeit, ich bin süchtig wie ein Junkie nach dieser Arbeit. Aber wenn ich nicht glauben würde, dass wir uns ändern können, dass wir Kalabrien verändern werden, schon in wenigen Jahren, dann würde ich einen anderen Job machen. Bauer vielleicht. Oder Entertainer.“

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Seine Selbsteinschätzung vor den Volksvertretern in Rom hat Gratteri, der am 22. Juli 1958 in Gerace bei Reggio Calabria geboren wurde, mit einer gehörigen Portion Understatement gewürzt. In Wahrheit ist die Sache, der er sich schon vor mehr als drei Jahrzehnten verschrieben hat, todernst. Nicht umsonst steht der Strafverfolger seit 1989 unter Polizeischutz. Im Juni 2005 hob die Antimafia-Einheit der Carabinieri in Gioia Tauro nahe Reggio ein Waffenarsenal mit Sprengstoff, Raketenwerfern, Handgranaten und Maschinenpistolen aus. Viel spricht dafür, dass die 'Ndrangheta mit diesen Waffen ein Attentat auf Gratteri verüben wollte.

          (Ein ausführliches Interview mit Staatsanwalt Nicola Gratteri über seinen gefährlichen Kampf gegen die `Ndrangheta können Sie mit F+ hier lesen.)

          Allen Grund dazu hätte die kalabrische Mafia. Gratteri ist der hartnäckigste und prominenteste Jäger der 'Ndrangheta. Nicht nur als unermüdlicher Strafverfolger, sondern auch als Buchautor und Kommentator. Bei einem halben Dutzend spektakulärer Razzien konnten Antimafia-Einheiten von Polizei und Carabinieri nach jahrelangen Ermittlungen Gratteris und seiner Kollegen Hunderte Mitglieder verschiedener 'Ndrangheta-Clans festnehmen. Die Zugriffe erfolgten nicht nur in den Stammgebieten der verschiedenen Clans in Kalabrien an der Spitze des italienischen Stiefels, sondern in ganz Italien, zumal in den wirtschaftsstarken Regionen im Norden des Landes. Außerdem in Deutschland, vor allem in Nordrhein-Westfalen, in Osteuropa und auf dem Balkan, schließlich in den Vereinigten Staaten und in Südamerika. Gratteri wird nicht müde davor zu warnen, dass die 'Ndrangheta längst zur gefährlichsten, brutalsten und international am besten vernetzten Mafiaorganisation geworden ist, aber im Ausland noch immer unterschätzt wird.

          Die letzte Großrazzia, kurz vor Weihnachten 2019, galt dem Clan der Mancuso sowie verbündeter Familien in der Provinz Vibo Valentia. Fast 350 Personen wurden verhaftet, Güter im Wert von 15 Millionen Euro sowie Dutzende Unternehmen beschlagnahmt. Der Prozess gegen die Mancusos und deren Helfer begann am Mittwochmorgen in einem eigens errichteten bunkerartigen Hochsicherheits-Gerichtsgebäude in Lamezia Terme. Es wird das größte Verfahren seit den „Maxi-Prozessen“ der Achtzigerjahre gegen Hunderte Angehörige der Cosa Nostra in Palermo unter den legendären „Mafia-Jägern“ Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, die im Mai und Juli 1992 durch Bombenattentate der sizilianischen Mafia ermordet wurden. Für Gratteri, der sich als Nachfolger Falcones und Borsellinos sieht, ist das Verfahren von Lamezia Terme gegen 355 Angeklagte – unter ihnen zahlreiche Politiker und Unternehmer – der vielleicht wichtigste Akt in seiner Mission für Kalabrien.

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