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Anschlag auf Mannschaftsbus : Den Tod billigend in Kauf genommen

Sergej W.: zunächst alle Vorwürfe beharrlich abgestritten Bild: dpa

Der BVB-Attentäter muss 14 Jahre in Haft. Seine Verteidigung fand bis zuletzt keine Linie. Die Anklage hielt die vorgebrachten Argumente für „hanebüchenen Unsinn“. Auch das Gericht sieht einen großen Teil der Einlassungen als widerlegt an.

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          Noch einmal ist das Gedränge von Medienleuten und Zuschauern groß vor Saal 130 des Landgerichts Dortmund. Nach elf Monaten Hauptverhandlung soll am Dienstagnachmittag das Urteil in einer spektakulären Causa gesprochen werden, die es in Deutschland so noch nie gab.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Der Elektrotechniker Sergej W. hatte am Abend des 11. April 2017 am Dortmunder Hotel „L’Arrivée“ per Funkfernsteuerung drei selbstgebaute Sprengsätze just zu dem Zeitpunkt gezündet, als das Team des Fußball-Bundesliga-Klubs Borussia Dortmund im Vereinsbus zum Champions-League-Spiel gegen den AS-Monaco aufgebrochen war. W. wollte einen Kurssturz der BVB-Aktie hervorrufen, um mit Put-Optionen, die er kurz zuvor gekauft hatte, eine sechsstellige Summe zu verdienen.

          Im Ermittlungsverfahren hatte W., der 1989 in Tscheljabinsk, einer Großstadt im Südural, geboren wurde und seit seinem 13. Lebensjahr mit seinen Eltern in Süddeutschland lebte, zunächst alle Vorwürfe beharrlich abgestritten. Das war seltsam. Denn der Fall war von den Top-Kriminalisten der Republik bis ins kleinste Detail durchleuchtet worden. Zunächst hatte die Bundesanwaltschaft geglaubt, es handle sich um einen islamistisch-dschihadistischen Anschlag. Rasch waren die Ermittler dann aber Sergej W. auf die Spur gekommen. Die Beweislast war erdrückend.

          Als W. am Dienstag in den Saal geführt wird, beginnen die Verschlüsse der Fotoapparate hektisch zu klackern. Statt sich zu setzen und sein Gesicht zu verbergen, bleibt der 29 Jahre alte W. stehen. Bereitwillig lässt sich der dünne Mann ablichten, der seine Haar in der Untersuchungshaft bis auf die Schultern hat wachsen lassen.

          Der zerstörte BVB-Bus nach dem Anschlag.

          Als der Vorsitzende Richter Peter Windgätter sicher ist, dass auch wirklich alle das Filmen eingestellt haben, hebt er mit seinem Urteil an: Sergej W. muss wegen Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion, wegen versuchten Mordes in 29 Fällen und wegen gefährlicher Körperverletzung 14 Jahre in Haft. W. habe den Tod von 18 BVB-Spielern und neun Betreuern sowie des Motorradpolizisten, der dem Bus vorausfuhr, billigend in Kauf genommen, sagt der Richter. Sergej W. nimmt das Urteil ohne sichtbare Regung hin.

          Jede Tötungsabsicht beharrlich bestritten

          Erst am zweiten Hauptverhandlungstag Anfang Januar rang sich W. dazu durch, die Tat zu gestehen. Jede Tötungsabsicht aber bestritt er beharrlich. Es sei ihm nur darum gegangen, Angst und Schrecken zu verbreiten. Kurz vor der Tat habe sich seine Freundin von ihm getrennt, deshalb habe er aus dem Leben scheiden und seiner Familie Geld hinterlassen wollen. Er bedaure sein Verhalten zutiefst, das er sich heute auch nicht mehr erklären könne. Die Einlassung war ein merkwürdiges Hin und Her. Auch die Verteidigung von Sergej W. fand in dem Verfahren bis zuletzt keine Linie. In seinem Plädoyer forderte der Strafverteidiger von Sergej W. vergangene Woche eine Haftstrafe von unter zehn Jahren für seinen Mandaten.

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