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Ansbach : Versuchter Mord in zehn Fällen

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Insgesamt erlitten fünf Menschen Brand-, Schnitt- und Schürfwunden, drei bekamen einen Schock Bild: dpa

Die beim Amoklauf schwer verletzten Schülerinnen sind außer Lebensgefahr. Der Täter liegt weiter im künstlichen Koma. Seine Tat war lange geplant, sein Motiv ist noch unklar. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord vor. Es wurde Haftbefehl erlassen.

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          Er besorgte sich ein Beil und vier Messer mit langen Klingen, baute fünf Brandbomben und schrieb sein Testament: Der 18 Jahre alte Amokläufer aus Ansbach hatte die Tat an seiner Schule von langer Hand geplant. Sein handgeschriebenes Testament sei mit dem Datum „9/11“ - also dem Jahrestag der Anschläge von New York am 11. September 2001 - versehen gewesen, sagte Oberstaatsanwältin Gudrun Lehnberger am Freitag. Experten kritisierten derweil, dass aus früheren Vorfällen bislang keine Konsequenzen gezogen wurden. „Es gibt aber Warnsignale auf Amokläufe“, betonte der Kriminalpsychologe Jens Hoffmann im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. Die Zahl der Verletzten war nach dem Anschlag vom Donnerstag auf zehn gestiegen.

          Zwei 15-jährige Mädchen waren am Freitag außer Lebensgefahr. Einer von ihnen hatte der Abiturient mit einem Beil eine schwere Kopfverletzung zugefügt, sie wurde sieben Stunden lang operiert. Die andere Schülerin erlitt Brandwunden zweiten Grades, als der Täter Molotow-Cocktails in zwei Klassenräume warf. „Die behandelnden Ärzte sind mit dem Gesundheitszustand ihrer jungen Patientinnen sehr zufrieden“, teilte das Klinikum Nürnberg mit.

          Versuchter Mord in zehn Fällen

          Der Abiturient hatte neun Schüler und einen Lehrer seiner eigenen Schule verletzt. Zwei Polizisten stoppten ihn schließlich auf der Toilette mit fünf Schüssen. Wann der inzwischen operierte Jugendliche aus dem künstlichen Koma aufwachen wird und vernommen werden kann, war zunächst unklar. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord in zehn Fällen vor. Inzwischen wurde Haftbefehl erlassen.

          Viele fangen erst jetzt an zu verstehen, was passiert ist
          Viele fangen erst jetzt an zu verstehen, was passiert ist : Bild: ddp

          Im Zimmer des Täters hatten die Ermittler neben dem Testament ein Kalenderblatt gefunden, auf dem unter dem Datum vom 17. September der Eintrag „apocalypse today“ (Apokalypse heute) zu lesen ist. „Aus den sichergestellten Schriftstücken ergaben sich keine konkreten Drohungen gegen konkrete Personen“, betonte Staatsanwältin Lehnberger. Die Ermittler konzentrieren sich nun auf das Motiv des Täters, der sich in psychotherapeutischer Behandlung befand. „Wir wissen noch nicht viel“, sagte Jürgen Krach von der Staatsanwaltschaft Ansbach.

          Der 18-Jährige habe als introvertiert gegolten

          Die Schüler der beiden betroffenen Klassen sollen am Wochenende ebenso befragt werden wie die Lehrer des Täters. Dessen Eltern machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Hinweise erhofft sich die 25-köpfige Ermittlungskommission auch von der Auswertung der Computer-Festplatte des jungen Mannes. Der Schüler des Abschlussjahrgangs, der eigentlich am Donnerstag zu einer Klassenfahrt aufbrechen wollte, sei in keiner Weise aktenkundig gewesen, berichtete Direktor Franz Stark. Der 18-Jährige habe als introvertiert gegolten. Unter Mitschülern war zu hören, dass der Jugendliche unbeliebt gewesen sei; niemand habe auf der Abschlussfahrt das Zimmer mit ihm teilen wollen.

          Bei Amokläufen gelte die „Jugendgewalt-Regel“, erläuterte der Gewaltforscher Dietrich Oberwittler. In erster Linie würden bei den Ausbrüchen vor allem junger Männer andere Jugendliche zum Opfer. Aber auch Lehrer gerieten ins Visier, weil die Täter sie als demütigende Bezugspersonen wahrnehmen und sich rächen wollen. Allein in Bayern drohen Schüler rund 20 Mal im Jahr anderen mit dem Tod. Dies seien keine schlechten Späße, sondern es handle sich um „wirkliche, ernst gemeinte, substanzielle Morddrohungen“, sagte der Vorsitzende des Landesverbands bayerischer Schulpsychologen, Hans-Jonas Röthlein. Die Täter litten oftmals in der Schule unter Mobbing oder seien „sozialen Aggressionen“ ausgesetzt.

          „Es gibt einen Nachahmungseffekt“

          In der jüngeren Vergangenheit hatten in Deutschland mehrere Schüler Amokläufe geplant und verübt. „Es gibt einen Nachahmungseffekt“, sagte Kriminalpsychologe Jens Hoffmann von der Technischen Universität Darmstadt. „Wenn man das einmal im Land hat, ist die Büchse der Pandora geöffnet.“ Frustriert zeigte sich Hoffmann über die Konsequenzen aus den bisherigen Anschlägen. „Wir haben alle Bundesländer angeschrieben und Krisenkonzepte angeboten - und wenig Resonanz bekommen. Es gibt aber Warnsignale auf Amokläufe.“

          Trotz aller politischen Versprechen nach den Amokläufen von Erfurt und Winnenden fehle es nach wie vor massiv an Schulpsychologen und Sozialarbeitern, kritisierte der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. „Wir brauchen endlich ein flächendeckendes Frühwarnsystem für Schulen.“ Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisierte: „Alles, was Geld kosten würde, ist nicht gemacht worden.“ Der Philologenverband forderte regelmäßige Sicherheitsübungen. Ein Training, bei dem sich die Schüler in ihren Klassenzimmern verbarrikadieren müssten statt nach draußen zu laufen, sei bislang die Ausnahme.

          Rund 150 der 700 Schüler des Carolinum-Gymnasiums waren am Freitag freiwillig in ihre Schule gekommen, um gemeinsam das Geschehene zu verarbeiten. Schulleiter Stark berichtete: „Das Spektrum der Äußerungen reichte von tiefer Betroffenheit, von Tränen bis hin zu dem Wunsch, möglichst schnell in die Normalität zurückzukehren.“ Viele Schüler zündeten vor dem Gebäude Kerzen an und legten Rosen nieder. Für Sonntag ist ein ökumenischer Gottesdienst geplant. Auch am Montag findet noch kein regulärer Unterricht statt.

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