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Notwehr-Urteil : Verhängnisvolle Selbstverteidigung

Tiefe Augenringe zeichnen Fredy Pacinis Gesicht, als er der Nachrichtenseite Tgcom24 ein Interview gibt. Er kämpft noch immer den Erinnerungen an die Nacht, in der er aus Notwehr einen Einbrecher erschoss. Bild: Tgcom24/Screenshot F.A.Z.

Der Prozess gegen Fredy Pacini, der einen Einbrecher erschoss, bewegt Italien seit Monaten. Nun hat die Staatsanwaltschaft die Klage fallen lassen – dem Werkstattbesitzer hilft das aber nur wenig.

          Am Ende dürfte der Prozess für Fredy Pacini gut ausgehen. Jedenfalls hat die Staatsanwaltschaft von Arezzo die Anklage wegen fahrlässiger Tötung und Überschreitung des Notwehrrechts zurückgezogen und beim Gericht die Einstellung des Verfahrens beantragt. Vieles spricht dafür, dass die Richter dem Antrag entsprechen. Ein glückliches Ende wird es für Pacini aber dennoch nicht sein.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Fredy Pacini ist Handwerker und Familienvater. Im Ort Monte San Savino, im Osten der Toskana in der Provinz Arezzo gelegen, betreibt er einen Reifenhandel und Fahrradladen samt Werkstatt. Den Betrieb hat 1963 sein Vater Giovannino Pacini gegründet, der 1948 auf der Suche nach Arbeit und Zukunft ins damalige Hoffnungsland Venezuela ausgewandert war, dort als Fuhrunternehmer reüssierte, 15 Jahre später mit einigem Kapital in seine Heimatstadt zurückkehrte und dort den Reifenhandel Pacini aufbaute.

          Das war eine gute Entscheidung. Denn so etwas gab es in der Gemeinde mit damals knapp 8000 Einwohnern noch nicht. Weil sich aber immer mehr Leute ein Auto leisten konnten, kam der Reifenhandel sehr gelegen. 1974 trat Fredy Pacini, nach Abschluss der Schule, ins Geschäft des Vaters ein. Er übernahm es 1989 vollständig, als sich der Vater zur Ruhe setzte. Da war Fredy Pacini schon verheiratet und Vater zweier kleiner Töchter.

          Nach sechs erfolglosen Diebstahlanzeigen ging er nicht mehr zur Polizei

          Der Familienbetrieb wuchs, ein neues Grundstück vor den Toren der Stadt wurde erworben, eine neue Werkstatt errichtet, die heute auch Lastwagen, Busse und landwirtschaftliche Fahrzeuge mit Reifen versorgt. Vertrieb und Service von Fahrrädern kamen hinzu. Auch Pacinis Frau und, seit 2011, die ältere Tochter Maika arbeiten im Betrieb mit. Die jüngere Tochter Ilenia ist Grundschullehrerin.

          2014 wäre es fast zu Ende gewesen mit der bescheidenen Erfolgsgeschichte von „Fredy Pacini Gommista“. Bei einem Einbruch entstand ein Schaden von 110.000 Euro, der Versicherungsschutz war bei weitem nicht ausreichend. Es war nicht der erste und nicht der letzte Einbruch in der Werkstatt, aber der bis dahin schlimmste. Nach Zählung Fredy Pacinis gab es über die Jahre 38 Einbruchsdiebstähle beziehungsweise -versuche in seiner Werkstatt. Nach sechs Diebstahlanzeigen bei den Carabinieri, die alle außer ein paar Blatt Papier nichts erbrachten, ging Pacini gar nicht mehr zur Polizei.

          Nach dem Desaster von 2014, das den Familienbetrieb in seiner Existenz bedrohte, richtete sich Pacini ein behelfsmäßiges Schlafzimmer im Obergeschoss der Werkstatt ein. Dort verbrachte er fast jede Nacht. In den Urlaub fuhr er nicht mehr, weil immer die Angst vor einem weiteren Einbruch mitgefahren wäre. Und er beschaffte sich einen Waffenschein und eine halbautomatische Glock-Pistole, die er ordnungsgemäß anmeldete.

          Auf der Welle der Solidarität durch den Prozess

          In der Nacht zum 28. November 2018, morgens gegen vier Uhr, geschah es wieder. Pacini erwachte von lautem Klirren. Unten in der Werkstatt sah er zwei Gestalten, eine hielt noch den Pickel in der Hand, mit dem die Scheibe eingeschlagen worden war. Und in der anderen Hand etwas dunkel Glänzendes – eine Taschenlampe, wie sich später herausstellte, und keine Pistole, wie Pacini nach eigener Aussage befürchtet hatte.

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