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Anklage gegen Kachelmann : Bis zu 15 Jahre Haft möglich

Kachelmanns Fernseh-Karriere begann mit dem Start des ARD-Frühstücksfernsehens im Jahr 1992 Bild: dpa

Im Fall Jörg Kachelmann hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den Fernsehmoderator wegen Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall erhoben. Mit vorgehaltenem Messer und Todesdrohungen soll er seine damalige Freundin zum Geschlechtsverkehr gezwungen haben.

          Jörg Kachelmann hat es viele Jahre geschafft, sein Privatleben im Verborgenen zu halten. Nur einmal sprach er über seine erste Ehe, ausgerechnet mit der Zeitschrift „Super-Illu“. Seit Wochen ist der 51 Jahre alte Schweizer Staatsbürger nun ein bevorzugtes Berichterstattungsobjekt vor allem der Boulevardpresse. Fast jedes biographische Detail des Mannes, der im Verdacht steht, eine ehemalige Lebensgefährtin vergewaltigt zu haben, ist ausgeleuchtet worden. Vor der Anklageerhebung haben sich angebliche ehemalige Lebensgefährtinnen geäußert, sogar der Lieblingsitaliener im badischen Schwetzingen, wo Kachelmanns Lebensgefährtin, eine 36 Jahre alte Radiojournalistin, lebt, hat es zu nationaler Bekanntheit gebracht.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          An eine Rückkehr des „Kachelfrosches“ in das Programm der ARD glauben wohl auch seine größten Anhänger nicht. „Vergewaltigung ist ein Delikt, bei dem man schneller verhaftet ist als enthaftet“, hat Kachelmanns Anwalt einmal gesagt. Das Vorurteil ist in solchen Fällen fast schlimmer als das Urteil. Das gilt besonders für einen Mann, der viele Jahre als origineller Fernsehmeteorologe die Deutschen über „Blumenkohlwolken“ informierte und die zuvor wissenschaftlich verquaste Fernsehwettervorhersage revolutionierte. Am Mittwoch hat nun die Staatsanwaltschaft Mannheim Anklage gegen Kachelmann erhoben.

          Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall

          Ihm wird „besonders schwere Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“ vorgeworfen. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft gibt es hinreichende Beweise für den Verdacht, dass Kachelmann in der Nacht des 9. Februar „seine 36 Jahre alte langjährige Freundin, die sich von ihm trennen wollte“, zum Geschlechtsverkehr gezwungen hat. Kachelmann soll seiner Lebensgefährtin ein Küchenmesser mit einer Klingenlänge von acht Zentimetern vor den Hals gehalten haben. Er soll, so die Staatsanwälte, die Frau während und nach dem Geschlechtsverkehr mit dem Tod bedroht haben. Die Journalistin und der Meteorologe sollen fast ein Jahrzehnt ein Paar gewesen sein. Nach der Tat sei Kachelmann, so die Staatsanwaltschaft, weiter nach Frankfurt gefahren, wo er zu einer Auslandsreise nach Kanada aufbrach. Er besuchte als Journalist die Olympischen Spiele. Als er nach Deutschland zurückkehrte, verhaftete die Polizei ihn im März in Frankfurt.

          Jörg Kachelmann wird Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall vorgeworfen

          Die Staatsanwaltschaft stützt ihre Anklage auf die Aussagen der Radiojournalistin und auf „kriminaltechnische und rechtsmedizinische Untersuchungen“. Die Wahrhaftigkeit der Aussagen der ehemaligen Freundin ließ die Staatsanwaltschaft mit einem psychologischen Gutachten prüfen. Das Ergebnis scheint den Verdacht zu bestätigen. An dem besagten Küchenmesser sollen nach Auskunft der Staatsanwaltschaft DNA-Spuren Kachelmanns und Blutspuren seines Opfers gefunden worden sein. Auch habe sich die Radiomoderatorin die Verletzungen nicht selbst zugefügt.

          Selbstgebastelte Wetterfrösche für den Publikumsliebling

          Über den Fortgang des Verfahrens muss nun die fünfte Große Strafkammer des Mannheimer Landgerichts entscheiden: Sie muss beurteilen, ob die von der Staatsanwaltschaft vorgetragenen Beweise ausreichen, um die Anklage zuzulassen. Die Richter müssen aber auch entscheiden, ob Kachelmann bis zum Prozessbeginn in einigen Monaten in Haft bleiben muss. „Es ist nicht zwingend, dass Herr Kachelmann weiterhin inhaftiert bleibt. Wir machen das davon abhängig, wie stichhaltig die Beweise für den Tatverdacht sind. Da Herr Kachelmann aber ein Angeklagter mit Wohnsitz in der Schweiz ist, nimmt man in der Regel eher an, dass Fluchtgefahr besteht“, sagte eine Sprecherin des Mannheimer Landgerichts der F.A.Z.

          Kachelmanns Verteidiger werden mit Beweisanträgen sicher versuchen, die Anklage der Staatsanwaltschaft zu erschüttern. Kachelmann und sein Kölner Strafverteidiger hatten die Vorwürfe immer bestritten und die Glaubwürdigkeit des Opfers, der ehemaligen Lebensgefährtin, in Frage gestellt.

          Die Karriere des Wettermoderators ist im deutschen Fernsehen ohne Beispiel: Der 1958 im badischen Lörrach geborene Kachelmann wuchs in Schaffhausen (Schweiz) auf. Vor zwanzig Jahren gründete er den Wetterdienst „Meteomedia“ in der Nähe von St. Gallen. Seit 2002 moderierte er die Wettervorschau in der ARD und wurde damit Publikumsliebling. Die Zuschauer überhäuften ihn mit selbstgebastelten Wetterfröschen, die er sammelte. Wie auch immer das Gericht entscheidet, diese glamouröse Phase seines Lebens dürfte Vergangenheit sein. Er wird nicht mehr viele Sammelobjekte zugeschickt bekommen.

          Nach der Anklage drohen Kachelmann bis zu 15 Jahre Haft

          Eine „besonders schwere Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung“ werfen die Mannheimer Staatsanwälte Jörg Kachelmann vor. Eine Vergewaltigung ist laut Paragraph 177 Absatz 2 Nummer 1 des Strafgesetzbuchs (StGB) gegeben, wenn „der Täter mit dem Opfer den Beischlaf vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Opfer vornimmt oder an sich von ihm vornehmen lässt, die dieses besonders erniedrigen, insbesondere, wenn sie mit einem Eindringen in den Körper verbunden sind“. Darauf stehen mindestens zwei Jahre Freiheitsstrafe. Verwendet der Vergewaltiger jedoch „bei der Tat eine Waffe oder ein anderes gefährliches Werkzeug“, hat das Gericht grundsätzlich einen Rahmen von fünf bis 15 Jahren Freiheitsstrafe auszuschöpfen (Paragraph 177 Absatz 4 Nummer 1 StGB). Kachelmann soll seine Freundin, so die Staatsanwaltschaft, „unter Vorhalt eines Küchenmessers - Klingenlänge 8 cm - zum Geschlechtsverkehr gezwungen“ haben; auch sei sie verletzt worden, als Kachelmann ihr das Messer „gegen den Hals gedrückt“ habe. Auf die gefährliche Körperverletzung, welche die Staatsanwälte Kachelmann ebenfalls vorwerfen, steht nach Paragraph 224 StGB grundsätzlich eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

          Beide Strafnormen wurden nach Überzeugung der Ankläger „in Tateinheit“ verletzt. In Paragraph 52 StGB heißt es, „verletzt dieselbe Handlung mehrere Strafgesetze oder dasselbe Strafgesetz mehrmals, so wird nur auf eine Strafe erkannt“. Maßgeblich ist dabei die Norm, welche die schwerste Strafe androht. Entscheidet die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Mannheim nun, das Hauptverfahren gegen Kachelmann zu eröffnen, und sollte das Gericht dann der Anklage folgen, droht Kachelmann damit eine Haftstrafe zwischen fünf und 15 Jahren; sollte das Gericht Kachelmann schuldig befinden, aber auf einen „minder schweren Fall“ des Paragraphen 177 Absatz 4 Nummer 1 StGB erkennen, hätte es auf eine Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren zu erkennen. (frs.)

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