https://www.faz.net/-gum-8je7p

Tote Babys in Wallenfels : Staatsanwalt fordert lebenslange Haft für Mutter

  • Aktualisiert am

Die angeklagte Mutter der toten Säuglinge beim Prozessauftakt. Bild: reuters

Acht Babyleichen sind im vergangenen November in einem Haus in Oberfranken gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft sieht in der Mutter eine Mörderin. Die Verteidigung hält das für zu einfach.

          2 Min.

          Die Mutter der acht toten Säuglinge von Wallenfels soll nach dem Willen des Staatsanwalts wegen Mordes in vier Fällen die Höchststrafe bekommen: lebenslange Haft und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. In diesem Fall müsste die Frau voraussichtlich mindestens etwa 20 Jahre im Gefängnis bleiben. „Es gab keine Drucksituation, keine Nötigungssituation“, sagte Oberstaatsanwalt Martin Dippold am Freitag vor dem Landgericht Coburg. Die 45 Jahre alte Angeklagte habe aus niederen Beweggründen gehandelt.

          Die Verteidigung geht dagegen von Totschlag aus; sie stellte keine konkrete Forderung in ihrem Plädoyer. „Finden Sie eine Strafe, die auch der Not meiner Mandantin gerecht wird“, sagte Anwalt Till Wagler. Die Mutter habe die erste Schwangerschaft nach der Geburt ihrer lebenden Kinder verdrängt. Deshalb sei sie bei der Geburt in Panik geraten und habe das Kind getötet.

          „Das mag für uns alle wirklichkeitsfremd erscheinen. Aber das ist ein Phänomen, das auch erforscht wurde“, sagte Wagler. Die Frau wiederholte das danach mehrfach. „Sie hat aus dem ersten Mal nicht gelernt.“ Wie das juristisch zu bewerten sei, wolle er bewusst offen lassen.

          Gutachter bescheinigt der Angeklagten volle Schuldfähigkeit

          Zum Prozessauftakt hatte die Mutter über ihren Anwalt eingeräumt, mehrere Säuglinge getötet zu haben. Ein psychiatrischer Gutachter erklärte die Angeklagte für voll schuldfähig. Sie habe weder eine psychische Krankheit noch sei sie alkoholsüchtig.

          Wagler beschrieb die Mutter als eine Frau, die in einer konfliktgeladenen Beziehung mit ihrem Mann lebte, sozial isoliert war und ihren eigenen Körper nicht gut wahrnahm. Ihr Mann sei kein liebevoller Partner gewesen, die Beziehung nicht von einem Miteinander geprägt. Er habe ihr sehr deutlich gemacht, keine Kinder mehr zu wollen. Sie dagegen hätte sich gefreut auf ein weiteres Kind, erklärte ihr Anwalt.

          Staatsanwalt Dippold forderte für den Vater vier Jahre Haft wegen Beihilfe zum Mord in vier Fällen: Er habe von allen acht Schwangerschaften gewusst und seiner Frau die Sicherheit gegeben, die Taten ausführen zu können. Beide hätten mit größter Gefühllosigkeit, Gleichgültigkeit und aus sexuellem Egoismus gehandelt. Die Angeklagte sei sich ihrer Schwangerschaften bewusst gewesen und habe planmäßig gehandelt.

          Der Anwalt des Vaters forderte einen Freispruch für seinen Mandanten: „Er hat es nicht gewusst, dass es hier Schwangerschaften gab, dass es hier Geburten gab.“ Der Vater habe demnach auch nichts von den toten Kindern im Haus gewusst. Der 55 Jahre alte Mann habe ihm gesagt: „Wenn ich es gewusst hätte, dann hätte die niemand gefunden.“ Acht Babyleichen waren im vergangenen November in Wallenfels (Landkreis Kronach) gefunden worden; bei vier konnte nicht geklärt werden, ob die Kinder nach der Geburt lebten und ohne medizinische Hilfe lebensfähig waren. Die acht Säuglinge waren in Plastiktüten und Handtücher gewickelt und versteckt worden. Die Eltern haben gemeinsam noch drei lebende Kinder und jeweils zwei Kinder aus erster Ehe. Das Paar hatte sich vor dem Fund der Leichen getrennt. Das Urteil soll am 20. Juli verkündet werden.

          Weitere Themen

          Vergiftete Glukose war wohl Versehen

          Nach Todesfällen : Vergiftete Glukose war wohl Versehen

          Im Fall des vergifteten Glukosetests gibt es Hinweise, wie es zu den zwei Todesfällen kommen konnte. Die Staatsanwaltschaft hat Ermittlungen gegen zwei Mitarbeiter der Kölner Apotheke aufgenommen – geht aber von fahrlässiger Tötung aus.

          Harte Strafen im Separatistenprozess

          Katalanische Unabhängigkeit : Harte Strafen im Separatistenprozess

          Der spanische Oberste Gerichtshof hat Haftstrafen von bis zu 13 Jahren für die Anführer der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung verhängt. Gegen den ehemaligen Regionalpräsidenten Puidgedemont wurde ein neuer Europäischen Haftbefehl verhängt.

          Topmeldungen

          DFB und Likes von Gündogan/Can : Nicht viel gelernt

          Die Nationalspieler Gündogan und Can können mit der Rücknahme ihrer Likes für den türkischen Soldatengruß eines Fußballkumpels die politische Diskussion nicht stoppen. Der DFB versucht abermals Schadenbegrenzung durch Schweigen und Beschwichtigen.

          Nobelpreis für Wirtschaft : Wie kann Armut gelindert werden?

          Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.
          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.