https://www.faz.net/-gum-8meuq

Sicherheitsexperte erklärt : Woran erkenne ich einen Terroristen?

„Diese Bilder werden Sie im schlimmsten Falle nie wieder los“: Ruinen des World Trade Centers Bild: dpa

Wie wir Attentäter erkennen und uns vor ihnen schützen können, erklärt der Sicherheitsexperte Florian Peil im Gespräch. Auch für den Umgang mit der eigenen Angst gibt es Strategien.

          Herr Peil, wenn Sie der Nachbar des mutmaßlichen Terroristen Jaber Albakr gewesen wären, der sich in der Haft getötet hat – hätten Sie dann gemerkt, dass er eine Bombe baut?

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vermutlich nicht. Bei der Herstellung einer Bombe und der Verarbeitung der Chemikalien können zwar starke und ungewöhnliche Gerüche entstehen. Der Sprengstoff Semtex zum Beispiel riecht beißend nach Marzipan oder Mandel. Das in Chemnitz verwendete TATP ist aber in Sachen Geruch unauffällig. Da brauchten Sie schon einen Hund, der auf die Erkennung von Sprengstoffen trainiert ist. Es gibt allerdings eine Reihe von anderen Hinweisen, die auf den Bau eines Sprengsatzes hindeuten können: Wenn jemand sich ungewöhnlich verhält. Ist der neue Nachbar sehr scheu, meidet er den Kontakt, empfängt er keine Post und öffnet er nicht, wenn es klingelt? Das wird zwar in 99 Prozent der Fälle keine Bedeutung haben, kann aber andererseits auch ein Hinweis darauf sein, dass er etwas zu verbergen versucht. Oder wenn Sie Ihren Nachbarn dabei beobachten, wie er größere Mengen an Chemikalien in seine Stadtwohnung schleppt, etwa Düngemittel. Dann kann das ein Alarmzeichen sein, und Sie sollten die Polizei informieren. Grundsätzlich gilt: Wer weiß, worauf er achten muss, nimmt Anschlagsvorbereitungen eher wahr als jemand, der das nicht weiß.

          Aber manchmal können Beobachtungen ja auch schwer zu interpretieren sein. Kürzlich saß ein Bekannter von mir in einem Café, und da kam ein arabisch aussehender Mann mit Bart herein. Er sah sich suchend um, dann deponierte er eine gefüllte Plastiktüte unter einem Barhocker und ging wieder hinaus. Mein Bekannter hat sich leicht unwohl gefühlt. Finden Sie das übertrieben?

          Nein, ich finde das absolut nachvollziehbar. Durch die ständige Berichterstattung der Medien über das Thema Terrorismus sind die Menschen natürlich sensibilisiert. Und das Verhalten des Mannes war ja wirklich ungewöhnlich. Die große Gefahr besteht allerdings darin, dass irgendwann jeder arabisch aussehende Mensch als potentieller Terrorist wahrgenommen werden könnte. Zu einer solchen Entwicklung darf es nicht kommen. Denn die überwältigende Mehrheit dieser Menschen sind ja keine Terroristen, sondern genauso gegen den Terrorismus wie alle anderen auch. Ich finde aber die Frage spannend, was man tun sollte, wenn man als Betroffener in so eine Situation hineingerät.

          Florian Peil

          Was denn?

          Wenn Ihnen etwas auffällt, was eine potentielle Bedrohung darstellen könnte, konzentrieren Sie Ihre Aufmerksamkeit auf diese Sache. Bezogen auf die Situation mit der Plastiktüte, bedeutet das: Beobachten Sie, ob der Mann wiederkommt und eventuell weitere Tüten bringt. Wenn er das nicht bald tut, zögern Sie nicht lange, sondern nähern Sie sich vorsichtig der Tüte, ohne sie anzufassen. Versuchen Sie zu erkennen, was drin ist. Sehen Sie lediglich ein paar Stangen Lauch, prima. Dann ist die Sache erledigt. Können Sie nichts erkennen, dann fragen Sie beim Personal nach, ob es den Mann kennt. Vielleicht ist er ein Mitarbeiter aus der Küche? Ist der Mann unbekannt, dann informieren Sie so schnell wie möglich die anderen Gäste und verlassen Sie das Lokal. Während Sie Abstand zwischen sich und die mögliche Bombe bringen, rufen Sie die Polizei.

          Mein Bekannter hat tatsächlich gefragt, ob jemand den Mann kennt, und er war ein Mitarbeiter aus der Küche.

          Sehr gut, dann hat er richtig gehandelt. Viele Leute denken ja, sie müssten Terroristen mit den eigenen Händen unschädlich machen, so wie in Hollywood-Filmen. Aber das ist Unsinn. In Wirklichkeit genügen wenige einfache Sachen: aufmerksam sein, die Situation zu erfassen versuchen, entscheiden, was zu tun ist – also in die Tüte reingucken – und handeln – also weglaufen, falls man keine Entwarnung geben kann, und die Polizei informieren.

          Wie wahrscheinlich ist es denn in Ihren Augen, dass in Deutschland wirklich ein großer Terroranschlag wie in Paris oder Brüssel passiert?

          Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch. Auch wenn die Sicherheitsbehörden sauber arbeiten, gehört Glück immer dazu, so wie im Falle des Syrers aus Chemnitz. Von entscheidender Bedeutung ist der Informationsaustausch der Sicherheitsbehörden untereinander, auf nationaler und internationaler Ebene. Aber auch ein aufmerksames Umfeld, das den Behörden die entscheidenden Hinweise auf Terroristen oder mögliche Anschlagsvorbereitungen geben kann. So war es ja im Falle des Syrers, den seine eigenen Landsleute als Terroristen erkannten, worauf sie die Polizei riefen.

          Szenen des Terros nahe des Bataclan-Clubs in Paris (November 2015)

          Unsere Angst vor Terroranschlägen ist also nicht übertrieben?

          Die Bedrohung ist schon real. Aber man muss verstehen, dass Terrorismus auf zwei Ebenen wirkt: auf der physischen, also wenn man Opfer eines Anschlags wird, und auf der psychischen. Das Risiko, bei einem Terroranschlag verletzt oder getötet zu werden, ist in Europa heute immer noch sehr, sehr gering. Unterschätzt wird dagegen der psychische Effekt des Terrorismus. Weil wir im Vergleich mit anderen Ländern in dieser Hinsicht einfach sehr verwöhnt waren, ist es ein Schock für viele Menschen, dass wir jetzt hier plötzlich wieder mit terroristischen Anschlägen rechnen müssen. Hinzu kommen die Bilder der Gewalt. Die setzen sich in unseren Köpfen fest, und genau das ist es, was die Terroristen wollen. Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten, um unser Denken zu besetzen. Und dadurch entsteht die Angst. Wenn man dieser Angst begegnen will, sollte man Hysterie vermeiden und sich über Terrorismus informieren. Faktenwissen hilft, die Angst zu verringern.

          In Ihrem Buch erklären Sie zum Beispiel, wie Terroristen ihre Ziele auswählen.

          Ja, Terroristen haben ein politisches Anliegen, jeder Anschlag ist eine Botschaft. Nehmen Sie das Beispiel 9/11. Der Anschlag war hochsymbolisch, die Botschaft für die Weltöffentlichkeit somit sehr klar: Es ging Al Qaida darum, Ziele zu finden und zu vernichten, die für all das standen, was die Terroristen hassten.

          Und wofür standen die Türme des World Trade Center genau?

          In den Augen der Terroristen für die Anmaßung und die Arroganz der Vereinigten Staaten und auch für die von vielen Menschen im Nahen Osten als imperialistisch wahrgenommene Außenpolitik der USA in der Region. Al Qaida und dem „Islamischen Staat“ geht es letztlich um nichts weniger als die Weltherrschaft. Vor allem der IS greift Zivilisten an, weil die als Bürger westlicher Demokratien mit Werten wie Toleranz, Gleichberechtigung und Menschenrechten leben. Die RAF hingegen hatte eine andere Symbolik, sie hat den Staat und Repräsentanten des kapitalistischen Systems angegriffen wie Alfred Herrhausen und Hanns Martin Schleyer.

          Was kann man selbst tun, wenn man Opfer eines Bombenanschlags wird, aber dennoch unverletzt bleibt?

          Sie sollten zunächst in Deckung gehen, also sich flach auf den Boden legen, möglichst noch unter einen Tisch, damit nichts auf Sie drauf fallen kann. Denn Sie wissen ja nicht, ob sich nicht noch eine weitere Explosion ereignen wird. Dann sollten Sie sich zur Ruhe zwingen, die Situation zu erfassen versuchen und Ihre nächsten Schritte planen: Versuchen Sie, das Zentrum der Explosion zu lokalisieren und sich so zügig wie möglich davon weg zu bewegen. Dabei sollten Sie Fensterscheiben oder Glasscheiben meiden und Treppen und Fußböden auf Einsturzgefahr prüfen. Bei Rauch sollten Sie gebückt gehen. Falls Sie nicht fliehen können, versuchen Sie, die Rettungskräfte auf sich aufmerksam zu machen. Klopfen Sie oder benutzen Sie die Taschenlampe Ihres Handys, oder pfeifen Sie. Atmen Sie ruhig, und vermeiden Sie jede Bewegung, die Staub aufwirbeln könnte.

          Ist nicht so richtig angenehm, sich das alles so direkt vorzustellen.

          Natürlich nicht. Aber eine mentale Vorbereitung hilft, im Ernstfall das Richtige zu tun. Wenn Sie solche Situationen im Kopf durchspielen, programmieren Sie sich für den Ernstfall. Ganz wichtig ist noch: Wenn Sie Stimmen oder Bewegung in Ihrer Nähe bemerken, verhalten Sie sich zunächst ruhig. Sie müssen erst sicher sein, dass es sich nicht um Terroristen handelt, die nach Überlebenden suchen, um sie zu exekutieren.

          Woran kann man Selbstmordattentäter erkennen, bevor sie ihre Bombe zünden?

          Es gibt einige Faktoren, auf die man achten sollte. Das sind Alter, Aussehen, Kleidung, Körpersprache und Verhalten. Dabei ist ein Faktor kein ausreichender Hinweis, es müssen immer mehrere zusammenkommen. Wenn Sie also jemanden in der U-Bahn sehen, der dünne Beine hat und einen tonnenförmigen Oberkörper, der unter einem weiten Mantel verborgen ist, dann kann das auf einen Sprengstoffgürtel hinweisen. Vielleicht aber ist es auch nur die besondere Anatomie dieses Menschen. Legt diese Person jedoch zudem ein auffälliges Verhalten an den Tag, dann wäre das ein weiterer Hinweis. Dazu zählen Nervosität und Schwitzen, es können aber auch hektische Flecken im Gesicht sein. Besonders aussagekräftig, was den inneren Zustand eines Menschen angeht, sind seine Augen und seine Hände. Manche Selbstmordattentäter, das zeigen Videoauswertungen, haben einen flackernden und unsteten Blick, oder sie können anderen nicht in die Augen sehen. Einige tragen auch eine Mütze, um ihren Blick zu verstecken, oder sie verstecken ihre Hände. Viele Attentäter stehen bei der Tat unter dem Einfluss von Beruhigungsmitteln, was ihr Verhalten ebenfalls beeinflusst. Es ist aber in jedem Fall wichtig, dass mehrere Merkmale zusammenkommen müssen, denn einzelne dieser Sachen sieht man wirklich bei jeder U-Bahn-Fahrt dutzendfach.

          Der Brüsseler Flughafen nach dem Terroranschlag im März 2016

          Haben Sie auch noch einen Ratschlag, wie man es anstellen soll, nicht so viel Angst vor Terroranschlägen zu haben?

          Es ist eine Kopfsache. Die Angst steckt allein in Ihrem Kopf, daher müssen Sie lernen, Ihre Gedanken zu kontrollieren. Sie dürfen den Terroristen nicht die Macht über Ihre Gedanken geben. Halten Sie sich vor Augen, dass Terroristen bei der Planung eines Anschlags die anschließende Medienberichterstattung bereits einplanen. Der Erfolg eines Anschlags bemisst sich heute vor allem an seiner medialen Verbreitung. Sendezeit ist wichtiger als die Zahl der Opfer. Es hilft daher, sich bewusst zu entscheiden, welche Bilder man in den eigenen Kopf lässt, wie grob oder fein der individuelle Filter ist. Seien Sie bewusst abstinent, insbesondere was Medien betrifft, die eine hohe Frequenz an ungeprüften Nachrichten und Gerüchten aufweisen. Social Media wären dann zum Beispiel tabu. Eine gesunde Ignoranz hilft. Informieren Sie sich bei seriösen Medien über die Hintergründe, aber meiden Sie die Bilder. Die werden Sie im schlimmsten Falle nie wieder los.

          Was wäre denn eine angemessene Reaktion einer Gesellschaft auf einen Terroranschlag?

          Gelassenheit. Erst wenn klar ist, wer den Anschlag aus welchen Gründen begangen hat, kann eine angemessene Reaktion darauf erfolgen. Wir dürfen uns nicht in den Hass treiben lassen, denn genau das will der IS: unsere Gesellschaft polarisieren und spalten. Die Terroristen wollen, dass wir aus Angst unsere Werte aufgeben, die ihnen so verhasst sind. Die tatsächlich zu leben ist daher unsere Aufgabe.

          Florian Peil ist Islamwissenschaftler und war leitender Mitarbeiter einer Sicherheitsbehörde im Bereich der Terrorismusbekämpfung. Heute berät er Unternehmen, die im Nahen Osten und Nordafrika aktiv sind, in Sachen Sicherheit. Sein Buch „Terrorismus – wie wir uns schützen können“ erscheint am Dienstag im Murmann Verlag. 128 Seiten, 12 Euro.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Contra Tempolimit : Ein generelles Tempolimit bringt nichts

          Die Argumente für ein starres Tempolimit sind so schwach wie eh und je. Wahlweise heißt es, man müsse langsam fahren, um das Klima zu schützen oder Unfälle zu vermeiden. Bisweilen helfen Fakten. Ein Kommentar.

          Debatte über Fahrverbote : „Die Grenzwerte sind sogar noch zu hoch“

          In einer Stellungnahme halten mehr als hundert Lungenärzte die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid für zu niedrig. Sie argumentieren, dass dann ja alle Raucher tot umfallen müssten. Der Physiologe Holger Schulz hält dagegen: Das sei naiv.

          Davos : Im Privatjet zur Klimarettung

          Der Klimaschutz soll im Zentrum des Weltwirtschaftsforums stehen. Doch die Teilnehmer reisen mit so vielen Privatjets an wie noch nie. Eine junge Klimaaktivistin macht es anders – und braucht für ihre Reise mehrere Tage.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.