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Couragierter Anwalt : Ein Opfer von vielen

Nicht immer sind Beobachter so mutig wie der beschriebene Anwalt: Kampagnen in U-Bahnhöfen sollen das ändern. Bild: Kaufhold, Marcus

Ein Rechtsanwalt, der helfen will, wird mit Fußtritten traktiert und schwer verletzt – aber sein Fall erregt kaum Mitleid. Die Chancen, die Täter zu finden, sind eher gering. Wahrscheinlich wird das Verfahren eingestellt.

          Der Rechtsanwalt kommt von einer Party, hat getrunken, ist aber nicht betrunken. Auf einem Platz mitten in einer westdeutschen Großstadt morgens um drei ist noch einiges los. Er sieht vier bis fünf Männer, vermutlich arabischer oder nordafrikanischer Herkunft, die zwei Mädchen belästigen.

          Reinhard Müller

          Verantwortlicher Redakteur für „Zeitgeschehen“ und F.A.Z. Einspruch, zuständig für „Staat und Recht“.

          Der stattliche Anwalt, womöglich wegen des Alkohols noch selbstsicherer als sonst, fordert die jungen Männer auf, von den Mädchen abzulassen. Sofort erhält er Schläge ins Gesicht, geht zu Boden. Nun treten sie ihm gegen den Körper und weiter gegen den Kopf. Dann rauben sie ihr Opfer aus, finden auch schnell das Handy, das in einer Innentasche steckt. Der Jurist hat das Bewusstsein nicht verloren, nimmt die Hände vom Gesicht. Da kommt einer der Schläger noch einmal schnell zurück und tritt ihm abermals gegen das Gesicht. Erst nach langen Minuten ruft ein Passant Hilfe herbei.

          Der Rettungssanitäter sagt, so etwas sei gang und gäbe. In der Notaufnahme merkt der Anwalt, wie er später erzählt, zum ersten Mal richtig, was es heißt, Opfer zu sein. Der Arzt stellt sich nicht vor und behandelt ihn wie einen Betrunkenen, der selbst schuld ist.

          Keine Hinweise – kein Verfahren

          Dann eine Woche Universitätsklinik. Jochbein zertrümmert, Nasenbein gebrochen, die Nase wird wohl krumm bleiben, Schäden an Kiefer und Zähnen. Bemerkenswerterweise aber keine schwere Gehirnerschütterung und kein Augenschaden. Im Schädel hat er jetzt Titanplatten, womöglich bleiben Taubheitsgefühle im Gesicht. Im Krankenhaus erfährt er, dass er als Opfer einer Gewalttat mit Fußtritten kein Einzelfall ist.

          Einen Tag nach der Entlassung aus der Klinik sitzt er wieder am Schreibtisch seiner Kanzlei. Von der Polizei hört er, kurze Zeit später habe es einen ganz ähnlichen Fall ein paar Straßen weiter gegeben. Vielleicht finde man ja die Täter. Ob die Schläger im Fall der Fälle dann ins Gefängnis müssen, sei aber zweifelhaft. Vielleicht wegen des Raubes. Noch wird versucht, die Täter über das geraubte Telefon zu ermitteln, doch noch zwei Wochen nach der Tat lag dafür keine richterliche Genehmigung vor.

          Aber offenbar wurde gleich die Sim-Karte weggeworfen und das Handy nicht mehr benutzt. Auf einem Phantombild kann das Opfer niemanden erkennen. Die Polizisten sind freundlich und kooperativ. Sie lassen aber auch durchblicken: Wenn sich nicht etwa überraschend ein Zeuge melden sollte, wird das Verfahren wohl bald eingestellt werden.

          Das Opfer schweigt zu seinen Verletzungen

          Das Opfer ist entstellt, es erzählt nur ganz wenigen, was wirklich geschah. Natürlich wird er aber öfter darauf angesprochen. Nicht selten erfährt er durch die Blume: Wer sich prügelt, ist doch selbst schuld. Mancher deutet an, so etwas könne ihm nicht passieren, man müsse eben aufpassen. Und das Opfer wird natürlich später auf den Fall der Türkin Tugce Albayrak angesprochen, nach der jetzt im hessischen Offenbach eine Brücke benannt werden soll.

          Wie in seinem Fall ist noch nicht gerichtlich geklärt, was geschah und wie das rechtlich zu werten ist. So wie bisher bekannt, gehen die Ermittler im Fall Albayrak, die ebenfalls helfen wollte, von einer Körperverletzung mit Todesfolge aus. Nach einem Schlag an den Kopf soll sie so gestürzt sein, dass sie starb.

          Gewalttaten mit Tritten härter verfolgen

          Dominik Brunner, der sich in München schützend vor Jugendliche gestellt hatte, starb nach Tritten gegen den Kopf seinerzeit an seinem vergrößerten Herz. Der Haupttäter wurde wegen Mordes und versuchter räuberischer Erpressung zu mehr als neun Jahren Jugendstrafe verurteilt. In Nürnberg wurde im vergangenen Jahr ein Pilotprojekt gestartet: Solche Gewalttaten mit Fußtritten werden dort künftig direkt von der Mordkommission untersucht.

          Der überfallene Anwalt wirkt nicht traumatisiert. Aber er will sich künftig genauer überlegen, wohin er geht und wie er sich in solchen Fällen verhält. Sein Gefühl: Er ist nur ein Opfer von vielen.

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