https://www.faz.net/-gum-8mkci

Angriff auf Polizist : Wie wurde aus Safia S. eine Islamistin?

Polizisten stehen vor Auftakt des Prozesses im Jahr 2016 vor dem Oberlandesgericht in Celle (Niedersachsen). Bild: dpa

In Hannover soll die 16 Jahre alte Safia S. einem Polizisten mit einem Messer in den Hals gestochen haben. Es war die erste vom IS in Deutschland in Auftrag gegebene Terrortat. Was ist das für ein Mädchen, das seit Donnerstag vor Gericht steht?

          Wer verstehen will, wie Safia S. aus Hannover zum radikalen Islam fand, kann sich auf Youtube ein Video von 2009 anschauen. „Pierre Vogel - Neuigkeiten von Safia aus Hannover“ ist der Titel des Films. Der Salafist Pierre Vogel unterhält sich darin mit der neun Jahre alten Safia. „Ziehst du jetzt schon die Hidschab an?“, fragt Vogel das Mädchen, das im Kopftuch vor ihm sitzt. „Ja“, antwortet das Mädchen schüchtern.“ „Cool“, sagt Vogel. „Du hast ja gesagt, wenn du neun bist, ziehst du es an.“ Dann zitiert Safia S. Suren aus dem Koran, Vogel sagt danach: „Ich würde sagen, du machst heute den Vortrag, ich fahre wieder nach Hause.“

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Es gibt mehrere solcher Videos auf Youtube, die den Salafisten und das kleine Mädchen zeigen. In einem anderen Film ist Safia S. erst sieben Jahre alt und wird von Vogel gefragt, warum sie in der Schule noch kein Kopftuch trage. „Liegt das daran, dass deine Lehrerin immer Theater macht? Meistens ist es so, die Lehrerinnen sagen immer, das arme Mädchen, die wird bestimmt gezwungen“, ergänzt Vogel in spöttischer Stimme. „Aber vielleicht kannst du das ja heute ändern? Dann bist du die erste bei dir in der Klasse, die mit Kopftuch in die Schule geht.“  Safia antwortet stolz: „Ich habe schon ein paarmal Kopftuch in der Schule angezogen.“

          Vogel schwärmt dann davon, dass es ja schon zwei Jahre alte Mädchen gebe, die sich vor dem Spiegel etwas über den Kopf werfen und dann stolz durch die Wohnung liefen. Er finde das toll, das Problem sei oft, sagt er, dass sich viele Mädchen bis zu ihrem 14. Lebensjahr westlich kleiden würden und stolz darauf wären, wenn sie mit offenen Haaren „tanzen wie Madonna“. „Aber hier haben wir das Gegenbeispiel“, sagt Vogel und zeigt auf Safia. „Und das ist die neue muslimische Generation.“ 

          Der Polizist trug eine stichsichere Schutzweste, Safia S. ein Kopftuch

          Knapp zehn Jahre später steht das kleine Mädchen von damals an diesem Donnerstag vor dem Oberlandesgericht Celle. Die mittlerweile 16 Jahre alte Deutsch-Marokkanerin ist angeklagt wegen versuchten Mordes, gefährlicher Körperverletzung und Unterstützung der ausländischen Terror-Vereinigung „Islamischer Staat" (IS). Am 26. Februar hat sie nach Ansicht des Generalbundesanwalts im Hauptbahnhof Hannover einen Bundespolizisten provoziert, der mit einem Kollegen auf Streife war.  Der Mann trug eine Schuss- und stichsichere Schutzweste, Safia S. ein Kopftuch. In ihrer Umhängetasche hatte sie laut einem Bericht von „Spiegel Online“ ein Gemüsemesser mit einer sechs Zentimeter langen Klinge und ein Steakmesser mit einer fünfzehn Zentimeter langen Klinge.

          Als der Polizist den Ausweis von Safia S. sehen wollte, reichte sie ihm ein Bahnticket – und stach ihm dann mit dem Gemüsemesser in den Hals. Der Generalbundesanwalt geht davon aus, dass Safia S. den Mann töten, ihm seine Dienstwaffe entwenden und anschließend um sich schießen wollte. Von ihrem „Märtyrertod“ ging sie laut Anklageschrift aus. Der 34 Jahre alte Polizist erlitt bei dem Angriff eine lebensbedrohliche Stichwunde am Hals. Ermittler werten den Angriff als die erste vom IS in Deutschland in Auftrag gegebene Terrortat. Der Verteidiger von Safia S. sagt dagegen, dass es keinen terroristischen Hintergrund gebe.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.