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Angriff auf Weizsäcker : Polizist schildert Tatablauf

Dilek Kalayci, Senatorin für Gesundheit, Pflege und Gleichstellung, trägt sich in das Kondolenzbuch für den ermordeten Fritz von Weizsäcker ein. Bild: dpa

Eigentlich wollte der Polizist in zivil einen Vortrag über Gesundheit anhören. Dann wurde Fritz von Weizsäcker angegriffen. Nun berichtet der Beamte, der selbst schwer verletzt wurde, wie er die Geschehnisse erlebte.

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          Er stoppte den Angreifer, wurde selbst dabei schwer verletzt, konnte aber den Tod des Mediziners Fritz von Weizsäcker nicht verhindern. Ferrid B. heißt der 33 Jahre alte Berliner Polizist, der am Dienstagabend den Täter in der Schlosspark-Klinik in Berlin überwältigte. Der offenbar geistig verwirrte Gregor Sch. hatte den Chefarzt und Sohn des früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker bei einer Vortragsveranstaltung durch einen Messerstich in den Hals tödlich verletzt.

          Markus Wehner

          Politischer Korrespondent in Berlin.

          Der Angriff ereignete sich, als Weizsäcker seinen medizinischen Vortrag für interessierte Laien schon beendet hatte. Er habe gerade neben dem Arzt gestanden und sich mit ihm unterhalten, sagte Ferrid B. nun der Zeitung „B.Z.“, als der Täter plötzlich aufgetaucht sei und Weizsäcker „mit gezielter Tötungsabsicht“ attackiert habe. „Mir war klar, dass ich handeln musste – auch, um die älteren Damen und Herren in der Reihe hinter mir zu beschützen“, wird der Polizist zitiert. Er habe sich vor den Angreifer gestellt, ihn an den Armen gepackt und in die Messerklinge gegriffen, um zu verhindern, dass er weiter auf Weizsäcker einsteche. Doch Gregor Sch. konnte sich losreißen, stach auf den Polizisten ein, traf ihn am Hals und am Brustkorb. „Ich gab alles, um das Messer aus seiner Hand zu bekommen“, so der Polizist.

          Ein Foto zeigt ihn mit bandagierten Armen und Händen und einem großen weißen Pflaster am Hals. Trotz der Verwundungen gelang es Ferrid B., das Messer an sich zu reißen. Der Angreifer konnte überwältigt und herbeigerufenen Polizisten übergeben werden. In einem anderen Krankenhaus wurden die Wunden von B. genäht, er wurde mehrmals operiert.

          Hass gegen Anstellung bei Chemieunternehmen

          Zu dem Vortrag von Weizsäcker über die Fettleber war der Polizist als privater Zuhörer gegangen. Seine Frau habe ihn dazu überredet. Er habe gesünder leben und abnehmen wollen, sagte er. Bei dem 59 Jahre alten Weizsäcker, der seit 2005 als Chefarzt auf der inneren Abteilung des privaten Krankenhauses tätig war, habe er bereits einen Termin gehabt.

          Der 57 Jahre alte Gregor Sch. habe nach seiner Tat „wirres Zeug“ erzählt, berichtete der Polizist. Nach seinem Geständnis wurde der Mann, der aus Rheinland-Pfalz stammt und als Lagerist arbeitete, in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Er soll unter Wahnvorstellungen leiden, habe aus „einer wahnbedingten allgemeinen Abneigung gegen die Familie des Getöteten“ gehandelt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Die Ermittlungen gegen ihn wegen Mordes an Weizsäcker und versuchten Mordes an Ferrid B. gehen nach Aussagen der Staatsanwaltschaft aber weiter.

          Bei seinem Geständnis hatte Gregor Sch. ausgesagt, er habe seine Tat aus Hass gegen Richard von Weizsäcker begangen, den er schon lange habe töten wollen. Da der ehemalige Bundespräsident 2015 verstorben war, habe er sich für seine Tat den Sohn ausgesucht. Vom Vortrag Weizsäckers habe er aus dem Internet erfahren. Bevor er mit der Bahn nach Berlin fuhr, kaufte er sich ein Messer. Als Grund für seinen Hass gab er die Tätigkeit Richard von Weizsäckers als Geschäftsführer für das Chemieunternehmen Boehringer Ingelheim in den sechziger Jahren an.

          Bezug zu vorherigen Attentat

          Die Firma hatte dem amerikanischen Konzern Dow Chemical Stoffe geliefert, die zur Herstellung des Entlaubungsmittels „Agent Orange“ verwendet wurden. Das Mittel wurde im Vietnam-Krieg von den Amerikanern großflächig eingesetzt, um den Dschungel zu entlauben und Reisfelder zu zerstören. Es führte zu schweren Krankheiten, Todesfällen, Fehlgeburten und Missbildungen in den betroffenen Gebieten. Richard von Weizsäcker hatte gesagt, dass er erst nach seiner Tätigkeit bei Boehringer davon erfahren habe.

          Gregor Sch. soll ein Einzelgänger gewesen sein. Er sei regelmäßig in asiatische Länder gereist, mit denen er sich verbunden fühlte. Vorbestraft war er offenbar nicht. Ob Menschen mit Wahnvorstellungen gefährlich sind, ist nach Einschätzung von Psychiatern oft schwer zu erkennen, weshalb ein Schutz vor ihnen schwierig ist. So war es auch im Fall der Arzthelferin Adelheid S. Sie hatte im April 1990 bei einer Wahlkampfveranstaltung auf den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine mit einem Messer eingestochen und ihn lebensgefährlich am Hals verletzt. Gregor Sch. soll sich nach Informationen dieser Zeitung bei seiner Vernehmung auf Adelheid S. bezogen haben.

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