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Höxter-Prozess : „So will der Wilfried das“

Sonnenblumen vor dem Haus in Höxter-Bosseborn, in dem das Paar seine Opfer misshandelt haben soll. Bild: dpa

„Treppe herunterstoßen“, „würgen“, „Bauch ins Knie rammen“, „mit dem Gürtel peitschen“: Angelika W. hat eine Liste mit Strafen angefertigt, mit der sie selbst und Wilfried W. Frauen in dem Haus in Höxter gequält haben.

          Der Tag, an dem Angelika W. merkte, dass ihr Mann Wilfried W. sie betrog, ist ihr noch lebendig im Gedächtnis. Sie habe damals zusätzlich zum gemeinsamen Haus in Höxter-Bosseborn eine eigene Wohnung gehabt, 900 Meter entfernt, in die er sie immer geschickt habe, wenn andere Frauen zu Besuch kamen. Sie habe gedacht, Wilfried wolle einfach Zeit mit diesen Frauen verbringen. Als sie dann aus Neugier doch einmal zu dem Haus geschlichen sei, habe sie gehört, wie er mit einer Frau über Geschlechtsverkehr sprach.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Ich war nur am Heulen, für mich ist eine Welt zusammengebrochen, vor allem, weil ich so blöd war und das nicht schon viel früher gemerkt hatte.“ Warum sie sich nicht spätestens da – sieben Jahre nach dem Kennenlernen und nach vielen Misshandlungen – von W. getrennt habe, will Richter Bernd Emminghaus wissen. „Da hab ich gar nicht dran gedacht. Er war nicht Vaterersatz für mich, aber doch jemand, für den ich da sein wollte.“

          Zum ersten Mal seit Prozessbeginn vor sechs Wochen ist die 47 Jahre alte Mitangeklagte am Mittwoch ohne Kladde vor dem Gesicht in den Saal des Paderborner Landgerichts getreten. Dort muss sie sich gemeinsam mit Wilfried W. verantworten, grausam und aus niedrigen Beweggründen zwei Frauen getötet und mehrere andere misshandelt zu haben. Immer deutlicher tritt dabei zu Tage, wie naiv und verliebt Angelika W. gewesen sein muss – und dass sie wohl auch aus Liebe zu Wilfried W. andere Frauen gequält hat.

          „Er hatte mir versprochen, dass er mich nicht mehr quält“

          Nur einmal hatte Angelika W. ihren Schilderungen zufolge die Kraft, W. zu verlassen. 2006 floh sie für einige Tage zu ihrer Mutter, „weil die Brutalität mir gegenüber nicht nachließ“. Allerdings verriet sie Wilfried W.s Mutter, wo sie sich versteckt hielt, „weil ich das so von zu Hause kannte, dass man sich abmeldet, damit sich der andere keine Sorgen um einen macht“. Und so fand W. sie und überredete sie, wieder zu ihm zu kommen. „Er hatte mir versprochen, dass er mich nicht mehr quält, und ich habe ihm dummerweise geglaubt“, sagt Angelika W. Warum ihre eigene Mutter, der sie von Misshandlungen berichtet hatte, sie nicht daran hinderte und Wilfried W. nicht anzeigte, sondern ihm auch noch eine Tasse Kaffee servierte, als er sie wieder abholte – diese Frage scheint Angelika W., die in ihrer Jugend nach eigener Aussage „kein Verhältnis“ zu ihrer „kalten“ Mutter gehabt hatte, nicht zu verstehen.

          Was das für ein Gefühl gewesen sei, als W. sie wieder mit nach Hause genommen habe, möchte die forensisch-psychiatrische Sachverständige Nahla Saineh wissen. „Ich habe mich gefreut, dass er mich nicht eiskalt fallen lässt.“ Warum sie ans Handy gegangen sei, als W. sie bei ihrer Mutter aufgespürt habe? „Vielleicht wollte ich hören, dass es ja doch noch einen Menschen gibt auf der Welt, der sich ein bisschen in mich verliebt“, sagt Angelika W. Das „allerletzte Mal leidenschaftlich geküsst“ habe er sie nämlich drei Jahre zuvor, und er habe ihr auch gesagt, dass sie eine Niete und nicht seine Traumfrau sei. Daher habe sie auch per Annonce bessere Frauen als sich selbst für ihn suchen müssen. „Er sagte mir, die könnten mir im Haushalt helfen und sich im Bett um ihn kümmern.“

          Sie musste die Frauen auch sexuell anleiten

          Natürlich sei sie eifersüchtig gewesen und sei manchmal heulend rausgelaufen, weil sie im gleichen Raum habe schlafen müssen wie Wilfried W. und die Frauen. Sie habe die Frauen auch sexuell anleiten müssen: „Ich musste denen sagen: So und so will der Wilfried das.“ Aber die Hilfe im Haushalt habe sie wirklich gut brauchen können, weil er ihr ja den Arm verbrüht hatte, und dann habe W. die anderen Frauen mehr misshandelt als sie selbst, so dass, alles in allem, andere Frauen schon eine gute Idee gewesen seien.

          Christel P. aus Magdeburg war von 2001 bis 2012 die erste Frau, die in das Haus in Höxter einzog. Sie habe sich aber seinen Vorschriften nicht beugen können, weil sie immer wieder alles vergessen habe: dass sie gewisse Wörter wie „pullern“ nicht verwenden durfte, weil ihn das reizte, oder dass sie ihn nicht immer anguckte, wenn sie mit ihm sprach. „Sie quält mich“, habe W. dann zu ihr, Angelika, gesagt. Dann habe Christel P. bestraft werden müssen.

          Misshandelt, „weil sie meine Zeit stahl“

          In Untersuchungshaft hat Angelika W. eine Liste mit 80 Spalten angefertigt, in jeder Spalte steht eine Strafe, mit der sie selbst und Wilfried W. Christel P. und die anderen Frauen gequält haben. Die Strafen – bei Christel P. sind 66 Spalten ausgefüllt – reichen von „Treppe herunterstoßen“ (sie), „würgen“ (sie) und „Bauch ins Knie rammen“ (er) über „mit dem Gürtel peitschen“ (er) bis hin zu „im Liegen mit den Schuhen auf den Hals drücken“ (er). Sie selbst habe Christel P. misshandelt, „weil sie meine Zeit stahl. Wilfried fragte mich immer, warum Christel dies und das nicht getan hatte und alles vergaß, und dann musste ich das klären, aber das führte zu nichts, und es war nur unnütz verredete Zeit. Da habe ich sie halt auch mal geschubst, und dann hat sich das so aufgebaut.“

          Schließlich habe W. aber endgültig genug von Christel P. gehabt, und so hätten sie sie zurück nach Hause gelassen, nicht ohne vorher ein Schreiben aufzusetzen, das bezeugen sollte, dass sie Christel P. nichts angetan hätten. Darin musste P. bezeugen, „dass es zu keinerlei Streitigkeiten, Körperverletzungen, Diebstählen, Vergewaltigungen oder Angriffen gekommen ist“, sie keine Geldforderungen habe und sich „sämtliche blauen Flecken durch einen Sturz auf der Treppe selbst zugezogen“ habe.

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