https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/angeklagter-nach-saeure-attentat-auf-innogy-manager-dna-missbraucht-18165539.html

Prozess um Säureanschlag : Angeklagter beteuert Unschuld: „Meine DNA wurde missbraucht“

Das Opfer: Bernhard Günther Bild: dpa

In einer zwei Stunden langen Aussage streitet der Angeklagte im Prozess um den Säureanschlag auf den Energiemanager Bernhard Günther die Vorwürfe gegen ihn ab – und verstrickt sich in Widersprüche.

          2 Min.

          Der Angeklagte verkennt seine Lage. Gut zwei Stunden lang hat Nuri T. dem Gericht seine Sicht der Dinge dargelegt. Bestenfalls in groben Umrissen nachvollziehbar war sie kaum für die Dauer von mehr als zwei aufeinanderfolgenden Sätzen. Kein Wunder, dass die Kammer, die beiden Staatsanwälte und der Neben­klage­anwalt viele Fragen haben zu den Merkwürdigkeiten und Widersprüchen. Doch so ausdauernd sich T. selbst reden hören mochte, so wenig erträgt er es nun, befragt zu werden, fährt aus der Haut, wird laut, fängt im „Was willst du mir“-Ton an, Gegenfragen zu stellen. „Ich stelle hier die Fragen!“, macht der sonst so ruhige Vorsitzende Richter Holger Jung in scharfem Ton klar. Die Botschaft scheint immer noch nicht anzukommen. Seit acht Monaten sitze er nun schon unschuldig in Untersuchungshaft, ruft der Angeklagte. Trocken gibt Jung zurück: „So ist das, wenn man einer schweren Straftat verdächtigt wird.“

          Reiner Burger
          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Gemeinsam mit einem bisher nicht identifizierten zweiten Täter soll der 42 Jahre alte belgische Staatsbürger Nuri T. am 4. März 2018 dem damaligen Innogy-Manager Bernhard Günther in Haan nahe Düsseldorf beim Joggen aufgelauert und ihm hochkonzentrierte Schwefel­säure über den Kopf geschüttet haben.

          Bernhard Günther erlitt schwere Verätzungen, musste zahllose Operationen über sich ergehen lassen. Durch einen anonymen Hinweis kamen die Ermittler auf die Spur von Nuri T. Dass der schmächtige Mann, der ein unstetes Leben zwischen Gelegenheitsjobs und Schwarzarbeit als Automechaniker in Belgien und beinahe allabendlich in Bordellen im Rheinland führte, nicht der Drahtzieher des Wahnsinnsattentats ist, sondern eine kleine Figur im Milieu, scheint ebenso auf der Hand zu liegen wie seine direkte Tat­beteiligung. Am Tatort in Haan konnten die Ermittler eine DNA-Spur von Nuri T. sicherstellen. Sie fand sich in einem schwarzen Handschuh, der über das fortgeworfene Glas gestülpt war, in dem sich die Schwefelsäure befunden hatte.

          Am Montag legt Nuri T. zunächst Wert darauf, nie in seinem Leben schwarze Handschuhe getragen zu haben. Autos repariere er immer mit weißen Handschuhen oder Arbeitshandschuhen. Sodann gibt er zu Protokoll, vor dem ­Bordell, in dem er immer mal wieder ausgeholfen habe, sei in sein Auto einge­brochen worden, womöglich hätten die Diebe dabei auch Handschuhe mitgenommen. Zudem habe ihn ein Bordell­betreiber Anfang 2018 aufgefordert, den im Etablissement aufgestellten Glücksspielautomaten nur mit Handschuhen zu bedienen. „Meine DNA wurde missbraucht.“ Ein Bordell sei ein guter Ort, DNA zu stehlen, raunt Nuri T. „Ich bin hineingezogen worden in eine Sache, die ich nicht getan habe. Ich war nie in Haan, kenne das Opfer nicht, bin dem Mann nie in meinem Leben begegnet.“

          Der Vorsitzende Richter öffnet die elektronische Akte. Auf den Bildschirmen im Verhandlungssaal erscheint eine Aufnahme des linken Fußes von Nuri T. Auf dem Spann ist eine große Wunde erkennbar, die höllisch schmerzhaft aussieht. Just Anfang März 2018 zog T. sie sich zu. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass es sich um eine Verätzung handelt, die entstand, als T. die Schwefelsäure über den Energiemanager goss. Nuri T. dagegen beteuert, er habe sich beim Arbeiten in der Autowerkstatt zu Hause in Belgien verletzt, ein Rußpartikelfilter sei ihm auf den Fuß gefallen. Zunächst habe sich die Stelle gerötet. Als dann eine offene Wunde entstanden sei, habe er die Ambulanz und seinen Hausarzt aufgesucht. „Ich würde doch nicht zum Arzt gehen, wenn ich was Illegales gemacht hätte“, empört sich T., der längst eine weitere Erklärung parat hat: Womöglich habe ihm jemand im Bordell auch etwas in den Schuh getan. Er sei nur der Sündenbock. Wieder sehr pampig wird der Angeklagte, als die Staatsanwaltschaft ihn mit der Version konfrontiert, die er den belgischen Behörden nach seiner Festnahme erzählte: In der Werkstatt sei ein Regal umgestürzt, diverse Sachen seien auf seinen Fuß gefallen, darunter auch eine Flüssigkeit. „Hatten Sie nicht gerade was von einem Rußfilter gesagt?“

          Am Freitag will das Gericht eine Sachverständige zu der Verletzung hören. Wann Bernhard Günther in den Zeugenstand treten kann, steht noch nicht fest. Seine eigentlich für Montag geplante Aussage musste kurzfristig verschoben werden, weil er sich mit Corona infiziert hat.

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