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Niels H. verurteilt : „Möge er lange leben – aber im Gefängnis“

„Todespfleger“: Niels H. mit seinen beiden Anwältinnen im Gerichtssaal in der der Weser-Ems-Halle in Oldenburg Bild: dpa

Niels H. wird wegen 85 Morden verurteilt. Am Ende des Prozesses ringt sogar der Richter mit den Tränen, bittet die Angehörigen um Verständnis dafür, dass er „einen Teil des Nebels“ nicht beseitigen konnte – und kritisiert Zeugen scharf.

          Zu Beginn seines Urteils macht Richter Sebastian Bührmann eine Rechnung auf. Wenn es in Deutschland nicht das Gesamtstrafensystem gäbe, sondern die Einzelstrafen wie in den Vereinigten Staaten addiert würden, bekäme Niels H. eine andere Haftstrafe. Der Richter multipliziert dafür die 85 Fälle, in denen er den früheren Krankenpfleger am Donnerstag wegen Mordes verurteilt mit den 15 Jahre Mindesthaftzeit, die in Deutschland bei einer lebenslangen Freiheitsstrafe mindestens zu verbüßen sind. „Herr H., das wären 1275 Jahre!“ Und bevor der Richter das Urteil gegen den schlimmsten Serienmörder der deutschen Nachkriegsgeschichte näher begründet, schickt er noch etwas anderes vorweg: „Herr H., Ihre Schuld ist so groß, dass ich sie mit den Armen nicht umfassen kann. Sie ist unfassbar.“ Der menschliche Verstand kapituliere angesichts der Taten von Niels H, sagt Bührmann und gibt zu, sich im Verlauf des Prozesses wie ein „Buchhalter des Todes“ vorgekommen zu sein.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Niels H. hört sich dies und alles Folgende regungslos an, während er sein Gesicht auf die rechte Hand stützt. Zur Urteilsverkündung ist der 42 Jahre alte Krankenpfleger mit einem schwarzen Shirt erschienen, das sich über seinen massigen Körper spannt. Unmittelbar nach dem Ende der Urteilsverkündigung wird er sogleich aufstehen, sich mit einem entschlossenen Ruck die Hose hochziehen und den Saal verlassen.

          „Möge er lange leben – aber im Gefängnis“, wünscht ihm Christian Marbach draußen vor der Weser-Ems-Halle, in die das Verfahren aus Platzgründen verlegt worden ist. Marbachs Großvater war eines der Opfer des Intensivpflegers. Marbach vermutet, dass Niels H. in den Jahren 2000 bis 2005 insgesamt rund 300 Patienten ermordet haben dürfte. Eine durchaus realistische Schätzung. Weil aber etliche Leichname verbrannt wurden, ist in sehr vielen Fällen der Nachweis eines Mordes nicht möglich.

          In dem mittlerweile dritten Verfahren gegen Niels H. wurden deshalb nur 100 Fälle zur Anklage gebracht, deren Zahl sich im Verlauf des Verfahrens weiter auf 97 reduzierte. Verurteilt wurde Niels H. nun wegen 85 Morden. In diesen Fällen ist sich das Landgericht Oldenburg sicher, dass Niels H. seinen Patienten eines von fünf Herzmedikamenten gespritzt hat, um einen Notfall herbeizuführen. Niels H. wollte sich bei der anschließenden Reanimation vor seinen Kollegen in Szene setzen. „Sie waren der Feuerwehrmann, Sie erlebten eine Spannungsaufbau und einen Spannungsabbau, darauf kam es Ihnen an.“

          In 13 der angeklagten Fälle lässt sich der toxikologische Nachweis nicht mit der erforderlichen Sicherheit führen, dass es tatsächlich ein Medikament von Niels H. war, das zum Tode führte. Dies betrifft vor allem Fälle, in denen der Wirkstoff Lidocain nachgewiesen wurde. Dieses Medikament wurde in den Stationen manchmal auch als Gel oder Spray verabreicht. „Trotz aller Mühen können wir einen Teil des Nebels, der über diesem Verfahren liegt, nicht beseitigen“, sagt Richter Bührmann und wirbt bei den Angehörigen um Verständnis dafür. Jeder einzelne Fall müsse der peniblen Prüfung durch den Bundesgerichtshof standhalten können. Der Rechtsstaat müsse sich an seine ehernen Prinzipien halten und dürfe nicht blindlings „emotionalen Beweggründen“ nachgeben. Bührmann ringt in diesem Moment selbst mit den Tränen. Dazu muss man wissen, dass der sonst so souveräne, bisweilen auch zur Theatralik neigende Richter sich schon seit 2006 mit dem sogenannten „Todespfleger“ befassen muss. Es ist bereits das vierte Urteil, das er gegen Niels H. fällt.

          Alle Auffälligkeiten beiseite geschoben

          Und Bührmann wird sich voraussichtlich noch einige Jahre weiter mit den Klinikmorden beschäftigen müssen. Warum, das stellt er in seiner Urteilsbegründung heraus; Niels H. ist zwar ein Einzeltäter. Aber sein Tun blieb den Vorgesetzten und Kollegen im Klinikum Oldenburg, wo Niels H. zuerst arbeitete, und später im Krankenhaus Delmenhorst nicht vollkommen verborgen. Die Zahl der Todesfälle auf den Stationen schnellte in die Höhe. Man wusste auch um den enormen Anstieg beim Verbrauch des Herzmedikaments Gilurytmal. In Oldenburg wurde sogar eine Strichliste geführt, welche Pfleger bei den Todesfällen Dienst hatten. Niels H. führte sie mit großem Abstand an. Dennoch wurde er mit einem tadellosen Arbeitszeugnis nach Delmenhorst weggelobt, wo er weitermordete. Und wo die neuen Vorgesetzten wieder über Jahre alle Auffälligkeiten beiseite schoben.

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