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Amoklauf von Blacksburg : Seine Theaterstücke waren voller „perverser, makabrer Gewalt“

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Ein Kadett der Universität trauert um seine getöteten Kommilitonen Bild: dpa

Vieles deutet darauf hin, dass der spätere Amokläufer kranke Phantasien hatte und sozial äußerst auffällig war. Kommilitonen hatten sogar Scherze darüber gemacht, dass Cho wohl irgendwann etwas tue, wovon man hören werde.

          Zwei Tage nach dem Amoklauf in Blacksburg im amerikanischen Bundesstaat Virginia sind die Hintergründe der Bluttat weiter unklar. Es habe jedoch lange vor dem Massaker Anzeichen gegeben, dass der spätere Täter, der Südkoreaner Cho Seung-Hui, gefährlich sei, berichteten amerikanische Medien am Mittwoch. Der 23-Jährige hatte am Montag an der Hochschule Virginia Tech 32 Menschen und sich selbst getötet.

          Spekulationen über einen Abschiedsbrief wurden zurückgewiesen: „Cho hat keine Suizid-Nachricht hinterlassen“, sagte Steve Flaherty, Polizeisprecher des Bundesstaates Virginia. Jedoch berichtete der Sender ABC News, dass Cho eine Art Botschaft mit dem Text „Ihr habt mich dazu gebracht, das zu tun“ hinterlassen habe. Die Zeitung „The Chicago Tribune“ schrieb am Dienstag auf ihrer Website, Cho habe in seinem Zimmer ein Schreiben hinterlassen, das unter anderem eine weitschweifige Liste von Klagen enthalten habe. Darin habe er sich unter anderem über „reiche Kids“, Prasserei und „betrügerische Scharlatane“ beschwert. In letzter Zeit habe er ein beunruhigendes Verhalten an den Tag gelegt. Beispielsweise habe er in einem Zimmer eines Wohnheims Feuer gelegt und Frauen nachgestellt. Die Ermittler glaubten, dass Cho Medikamente gegen Depressionen genommen habe, berichtete die Zeitung.

          Böse Vorahnungen

          Chos Englisch-Professorin, Lucinda Roy, sagte dem Sender CNN, sie sei besorgt wegen seines Zorns gewesen und habe ihn aus der Klasse genommen und einzeln unterrichtet. Dies sei vor rund eineinhalb Jahren gewesen. Kommilitonen berichteten, Cho habe blutrünstige Theaterstücke geschrieben. Die Stücke hätten in Kontrast zu seinem verschlossenen Auftreten gestanden, sagte die Studentin Stephanie Derry der Campus-Zeitung der Universität Virginia Tech in Blacksburg vom Dienstag. „Sein Schreibstil, die Stücke, waren wirklich morbide und grotesk“, sagte Derry. „Ich erinnere mich an eines von ihnen sehr genau. Es handelte von einem Sohn, der seinen Steifvater hasste. In dem Stück schwang der Junge eine Kettensäge und schlug mit einem Hammer auf ihn ein. Am Ende des Stückes hat der Junge seinen Vater mit einem Müsliriegel erstickt“, sagte Derry weiter.

          Ein Kadett der Universität trauert um seine getöteten Kommilitonen Bilderstrecke

          In anderen Stücke hätten Dozenten Studenten nachgestellt, sagte die Studentin weiter. Einige Kommilitonen hätten sich über die Stücke lustig gemacht. „Wer fuchtelt schon mit Hämmern und Kettensägen herum?“ Doch Cho Seung Hui habe stets still im Seminar gesessen und nicht auf die Kommentare gehört. Dieses Fehlen von Reaktionen habe ihn zum Außenseiter gemacht. Er habe die anderen immer nur angesehen und nichts gesagt. Sie habe mit Kommilitonen bisweilen darüber gescherzt, dass Cho wohl irgendwann etwas tue, wovon man hören werde.

          „Perverse, makabre Gewalt“

          Ein anderer Kommilitone, Ian MacFarlane, äußerte sich in seinem Blog entsetzt über den Inhalt der Theaterstücke seines früheren Mitschülers. Er habe mit anderen Studenten ernsthaft besorgt darüber geredet, ob Cho einmal an der Uni zur Waffe greifen werde. Chos Stücke hätten mit ihrer „perversen, makabren Gewalt“ bisweilen gewirkt „wie aus einem Alptraum“. Er habe den Einsatz von Waffen beschrieben, die er sich selbst nicht einmal hätte vorstellen können.

          „Er hat Anlass zur Sorge gegeben“

          Auch die Lehrer waren beunruhigt: Die Leiterin der Fakultät für Englisch, Carolyn Rude, erklärte, die Direktorin der Fachschaft Kreatives Schreiben, die Cho aus einem ihrer Seminare kannte, habe ihn als „mit Problemen belastet“ beschrieben. Cho sei an den psychologischen Dienst verwiesen worden. Wann und mit welchem Ergebnis dies geschehen sei, wisse sie nicht. „Er hat Anlass zur Sorge gegeben“, sagte Rude. „Beim kreativen Schreiben enthüllen Menschen manchmal Dinge, von denen man nicht weiß, ob sie sich das ausdenken oder ob das vielleicht wahr sein könnte. Aber wir achten alle darauf, solche Dinge nicht zu ignorieren.“

          Kommilitonen berichteten außerdem, am ersten Tag eines Literaturseminars hätten sich alle Teilnehmer vorgestellt, nur Cho habe nichts gesagt. Auf der Anwesenheitsliste habe er nur ein Fragezeichen eingtragen. „Ist Ihr Name 'Fragezeichen'?“, habe der Professor gefragt, erinnerte sich die Studentin Julie Poole. Cho habe darauf kaum reagiert. „Wir kannten ihn eigentlich nur als den Fragezeichen-Typen.“

          Wurden Warnsignale nicht ernst genommen?

          Virginias Gouverneur Tim Kaine kündigte unterdessen eine unabhängige Untersuchung an. Dabei soll untersucht werden, ob die Polizei oder Verantwortliche der Universität versagt haben, weil trotz aller Hinweise von Lehrkräften Warnsignale und das auffällige Verhalten des Täters nicht Ernst genug genommen wurden.

          In Seoul setzte die Regierung auf einer Sondersitzung die Diskussion über mögliche Folgen für die koreanische Gemeinschaft in den Vereinigten Staaten fort. Präsident Roh Moo Hyun hoffe, dass die Gemeinde der Koreaner in Amerika zusammen mit allen amerikanischen Bürgern „weise“ mit diesem traumatischen Erlebnis umgehen werden. Es seien Sicherheitsmaßnahmen für die ethnischen Koreaner in Amerika getroffen worden, teilte ein Sprecher des Außenministeriums in Seoul mit. Südkorea wolle rassistische Spannungen verhindern.

          Nachtwache für die Toten

          Am Dienstagabend (Ortszeit) hatten sich Präsident George Bush und Tausende Studenten der Universität in Blacksburg mit Kerzen in der Hand auf dem Campus eingefunden, um bei einer Nachtwache der Toten des Amoklaufs zu gedenken. Redner riefen die versammelten Studenten, Lehrkräfte und Bewohner von Blacksburg auf, einander Trost zu spenden.

          Wie nach dem Massaker an der Columbine High School am 20. April 1999 setzte wieder eine Diskussion über die lockeren Waffengesetze in Amerika ein. Präsident George W. Bush zeigte sich entsetzt über die Ereignisse in Virginia, verteidigte aber die bestehende Rechtslage. Auch in Deutschland entbrannte eine neue Debatte um eine Verschärfung des Waffenrechts.

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