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Amoklauf von Ansbach : Drei Brandsätze, zwei Messer, eine Axt

  • -Aktualisiert am

Schon kurz nach der Tat wurde das Gebäude evakuiert Bild: AP

Als zöge er in den Krieg: Mit Brandsätzen und Messern bewaffnet hat am Donnerstag ein 18 Jahre alter Schüler sein Gymnasium in Ansbach gestürmt. Mit einer Axt bahnte er sich seinen Weg - einen Weg, an dessen Ende zwei Schwer- und mehrere Leichtverletzte stehen - und der Täter selbst, getroffen von Polizeikugeln.

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          Es war ein kühles, aber gerade dadurch um so eindringlicheres Fazit, das der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Donnerstag zog: „Man muss sich auf das Unmögliche vorbereiten.“ Das Unmögliche - es brach in den Morgenstunden über die mittelfränkische Stadt Ansbach herein, in Gestalt eines 18 Jahre alten Schülers, der mit einer Bewaffnung in sein Gymnasium stürmte, als zöge er in einen Krieg. Mit drei Brandsätzen, zwei Messern, einer Axt bahnte er sich seinen Weg, einen Weg, an dessen Ende zwei schwerverletzte Schülerinnen sowie mehrere Schüler und ein Lehrer mit leichten Verletzungen zurückblieben - und der Täter selbst, getroffen von Polizeikugeln.

          Es waren diese Schüsse aus einer Maschinenpistole äußerst couragierter Polizisten, die verhindert haben dürften, dass das Unmögliche zu einem Inferno mit vielen Toten in Ansbach wurde. Gegen 8.35 Uhr war bei der Polizei ein Notruf eingegangen, dass im Ansbacher Gymnasium Carolinum ein junger Mann einen Brandsatz, einen Molotowcocktail, in ein Klassenzimmer geworfen habe. Um 8.43 Uhr traf der ersten Streifenwagen ein, mit einem Beamten und einer Beamtin. Sie gingen, obwohl die Lage noch gänzlich unklar war, sofort in die Schule und trafen im dritten Stockwerk vor den Toiletten auf den mit einem Brandsatz, den Messern und der Axt bewaffneten Täter.

          Mehrere Schüsse auf Täter

          Als der junge Mann auf die Aufforderung, sich zu ergeben, nicht reagierte und die Beamten bedrohte, gaben sie mehrere Schüsse auf ihn ab und trafen ihn am Oberkörper. Der Täter brach um 8.46 Uhr schwer verletzt zusammen; mit einer Notoperation in einem Krankenhaus, in das er gebracht wurde, konnte sein Leben gerettet werden. Vor den Schüssen der Polizei hatte er in einer Weise gewütet, die jede Minute, ja jede Sekunde, die seinen Opfern durch den mutigen Zugriff der Polizisten erspart wurde, kostbar erscheinen lässt.

          Die Schule in Ansbach wurde weiträumig abgesperrt
          Die Schule in Ansbach wurde weiträumig abgesperrt : Bild: dpa

          Er hatte zwei Brandsätze in zwei Klassenzimmer der Jahrgangstufen elf und neun geschleudert; in einem der Zimmer brach Feuer aus, in dem anderen zündete der Molotowcocktail nicht. Nach den bisherigen Ermittlungen muss der Täter auch die Axt oder eines der Messer gebraucht haben; eines der beiden schwerverletzten Mädchen erlitt Frakturen am Schädel und schwebte nach dem Verbrechen in Lebensgefahr. Beide Mädchen mussten mit Rettungshubschraubern in Krankenhäuser gebracht und intensivmedizinisch betreut werden. Die anderen leicht verletzten Schüler konnten ambulant ärztlich versorgt werden - was ihre äußerlichen Wunden betraf.

          Große Disziplin und Ruhe

          Weit schwerer dürften für sie und ihre Mitschüler, die unverletzt blieben, die seelischen Folgen wiegen. Allerdings bewährte sich am Donnerstag, dass die bayerischen Schulen sich schon seit Jahren auf das Unmögliche vorbereiten, das leider nicht unmöglich bleibt, wie schon die Amokläufe im baden-württembergischen Winnenden im März dieses Jahres und im thüringischen Erfurt (April 2002) zeigten. Es gelang den Ansbacher Lehrern, unterstützt von Schülern, mit großer Disziplin und Ruhe die etwa 700 Schüler der Schule in Sicherheit zu bringen, während die Polizei, die nach und nach mit starken Kräften eintraf, das Gebäude mit Suchhunden nach möglichen Mittätern durchkämmte.

          Die Kinder und Jugendlichen wurden in die nahe Ansbacher Agentur für Arbeit gebracht und von Psychologen und Seelsorgern betreut, bis ihre Eltern sie in Obhut nehmen konnten. Mit Listen wurde sichergestellt, dass kein Schüler im Gebäude zurückgeblieben war und dass kein Schüler nach dem Verbrechen allein auf sich gestellt den Weg nach Hause antreten musste. Das Carolinum in Ansbach ist das zweitälteste staatliche Gymnasium Bayerns, gegründet im Jahr 1528. Das Gebäude stammt aus dem Jahr 1736.

          Von Täter wenig bekannt

          Wenig war am Donnerstag noch von dem Täter bekannt, der nicht vernehmungsfähig war. Der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU), der nach Ansbach geeilt war, sagte, bislang habe man keine Kenntnis darüber, dass der junge Mann an der Schule durch Auseinandersetzungen aufgefallen sei. Auch in den Polizeiakten fand sich kein Eintrag zu seiner Person. Er besuchte die 13. Jahrgangsstufe in seiner Schule und hätte in diesem Schuljahr - im nächsten Sommer - sein Abitur ablegen sollen. Worin die Wut und Gewaltbereitschaft wurzeln, die ihn zu seiner Tat gebracht haben, wird das Strafverfahren gegen ihn erhellen müssen; die Staatsanwaltschaft beantragte einen Haftbefehl wegen versuchten Mordes.

          Zu der Wahnwelt, in der er gelebt haben muss, zeigte sich am Donnerstag auch ein tröstliches Gegenbild. Denn es ist ein Schüler auch der 13. Jahrgangsstufe gewesen, der am Donnerstag nicht nur die Polizei verständigt hat. Als ausgebildetes Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr machte er sich nach dem Absetzen des Notrufs sofort auf zu dem Klassenzimmer, in dem es brannte - ungeachtet der Gefahr, die durch den Täter dort noch lauerte.

          Sich auf das Unmögliche vorbereiten - es konnte am Donnerstag festgestellt werden, dass es in Ansbach gelungen ist, trotz aller schlimmer Folgen. Elf Minuten nur vergingen vom Eintreffen des Notrufs bei der Polizei bis zur Festnahme des Täters. Und bei der Erstversorgung der Verletzten und der Evakuierung der Schule arbeiteten Schüler und Lehrer in einer Weise zusammen, die dem Wort von der „Schulfamilie“, das Kultusminister Spaenle gebrauchte, gerade in diesen schweren Stunden eine hoffnungsvollen Klang gab.

          Julius Kramer twittert um kurz nach Neun

          Den womöglich ersten Hinweis auf den Amoklauf am Carolinum-Gymnasium in Ansbach gab es beim Kurznachrichtendienst Twitter. „Amoklauf im carolinum ansbach“, schrieb der Twitter-Nutzer Julius Kramer aus dem mittelbayerischen Ansbach am Donnerstagmorgen kurz nach 9 Uhr. Ein Achtklässler sei mit einem Messer unterwegs, warnte er zwei Minuten später. Gleich darauf korrigierte er sich: „In der 8. sticht ein 13-Klässler um sich.“ Augenzeuge sei er selbst nicht gewesen, ein Freund an Ort und Stelle habe ihm von dem Amoklauf berichtet.

          Er, Kramer, habe dann Angst bekommen, weil seine Schwester auf das Carolinum-Gymnasium gehe. Für die Siebtklässlerin sei die Sache allerdings glimpflich ausgegangen: „Sie hat beim Rausrennen aus der Schule nur einen Schlag abgekriegt. Und sie hat die Sache erstaunlich gut verkraftet.“ Seine Erleichterung teilte er hernach seinen Lesern auf Twitter mit. „Für unsere Familie ging's gut aus. Zum Glück.“ Schnell wandten sich Journalisten auf der Suche nach Informationen an ihn, den bis dato unbekannten Twitterer Julius Kramer. Er hatte mittlerweile seine Handynummer über den Mitteilungsdienst jedem kenntlich gemacht, der danach klickte. Kurze Zeit, offenbar zu oft angerufen, twitterte Kramer dann: „Sooo viele anrufe kann ich nicht beantworten ;-).“ Sein Handy habe nicht mehr stillgestanden.

          Über die Internetseite Twitter können Mitteilungen von höchstens 140 Zeichen an andere Twitterer verschickt werden. Die Zahl der Menschen, die den Kurznachrichtendienst nutzen, steigt schnell: Nach einer Erhebung der Hamburger Marktforschungsgruppe Nielsen von diesem August gibt es in Deutschland zurzeit ungefähr 22.000 Nutzer, die jeden Tag Nachrichten schreiben. Insgesamt hätten sich hierzulande 1,8 Millionen Personen angemeldet, mehr als 70 Prozent von ihnen benutzten die Seiten allerdings nur einmal im Monat. Etwa 6,5 Prozent aller deutschen Nutzer verbringen mehr als 30 Minuten im Monat auf der Twitter-Seite. Rund 23 Prozent aller registrierten Twitterer sind nach der Erhebung zwischen 25 und 34 Jahre alt. (F.A.Z.)

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