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Amoklauf-Prävention : Die Polizei lernt aus Winnenden

Neue Struktur der Einsatzzentrale: Die Polizei lernt aus dem Amoklauf Bild: dpa

11. März 2009: Seit diesem Datum hat die Polizei den Einsatz beim Amoklauf von Winnenden aufgearbeitet. Nun hat jeder Klassenraum ein eigenes Nummernschild.

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          Amoklauf-Prävention kann billig sein. Nur 600 Euro kostet es, alle Räume einer Schule innen mit Nummernschildern auszustatten. Das hilft den Schülern, wenn sie der Polizei den genauen Tatort mitteilen müssen. Als der Amokläufer Tim K. am 11. März 2009 in die Albertville-Realschule in Winnenden eindrang und neun Schüler sowie drei Lehrerinnen tötete, wurde bei der Polizeidirektion Waiblingen per Notruf der Vorfall gemeldet. Der Anrufer nannte der Polizei die Raumnummern 305 und 301. Das ließ vermuten, dass es sich um Schulräume im dritten Stock handelte. Die Klassenräume lagen aber im ersten Stock.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          Weil es nach der Meldung eines Amoklaufs auf jede Sekunde ankommt, hat die Polizeidirektion Waiblingen den Amokeinsatz intensiv nachbereitet. Eine Lehre aus dem Winnenden-Einsatz ist das neue „Einsatz-Orientierungssystem“. Die Schüler wissen immer, in welchem Raum sie sitzen und welche Farbe das Gebäude hat. So können sie die Polizei zuverlässig über den Ort des Geschehens informieren. „Wir bieten den Schulen Schablonen für die Schilder an. Es ist ein einfaches, aber wirksames Mittel“, sagt Ralf Michelfelder, der Leiter der Polizeidirektion Waiblingen.

          Neue Struktur der Einsatzzentrale

          Eine weitere Lehre betrifft die Struktur der Einsatzzentrale. Im Einsatzraum des „Polizeiführers vom Dienst“ (PVD) hielten sich am 11. März fast 40 Kollegen auf. Die Lage war unübersichtlich, weil der Polizeiführer zur Information des Einsatzstabes seinen Befehlsstand immer wieder verlassen musste. Damit es künftig bei Großeinsätzen zwischen Polizeiführer und Führungsstab weniger Informationslücken gibt, wurde die Polizeidirektion umgebaut. Das Zimmer des Polizeiführers grenzt jetzt direkt an ein neues Lagezentrum.

          „Wir haben aus unseren Erfahrungen beim Einsatz 2009 ein Führungsmodell entwickelt, für das sich auch Polizeidirektionen in der Schweiz und in anderen Bundesländern interessieren“, sagt Michelfelder. Nun gibt es zwei internetbasierte Systeme, über die Informationen zwischen Tatort und Lagezentrum ausgetauscht werden. Viele Funksprüche und Telefonate entfallen. Jeder Polizist kann sich zum Beispiel informieren, wie viele Demonstranten an einer Veranstaltung teilnehmen. Luftaufnahmen mit Markierungen für zu errichtende Straßensperren können in jeden Streifenwagen geschickt werden.

          „Bereite vor, was du vorbereiten kannst“

          Am Mittwoch eröffnete der baden-württembergische Innenminister Reinhold Gall (SPD) außerdem ein 1,2 Millionen Euro teures Trainingsgebäude, in dem die 700 Beamten der Direktion Geiselbefreiungen und ähnliche Einsätze üben können. Jeder Trainingseinsatz wird per Videokamera aufgezeichnet und analysiert. Die Devise des Stabschefs der Waiblinger Polizei: „Bereite vor, was du vorbereiten kannst.“

          Am vergangenen Wochenende ist auch der Umbau der Albertville-Realschule eröffnet worden. Er hat 6,2 Millionen Euro gekostet. In den „Taträumen“ findet kein Unterricht mehr statt, die Schule hat durch den Umbau erstmals eine Aula. Außerdem soll es eine kleine Gedenkstätte geben, die an den Tag erinnert.

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