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Amoklauf in Rio : „Ich werde euch töten“

  • -Aktualisiert am

Aus Sicht der Überwachungskamera: Schüler flüchten vor dem Amokläufer, der nach weiteren Opfern sucht (Bild rechts unten) Bild: REUTERS

Brasilien ist entsetzt nach dem Amoklauf in einer Schule, bei dem zwölf Kinder getötet worden sind. So etwas gab es in dem Land noch nie - obwohl es von Gewalt geprägt ist.

          Selbst das an alltägliche Gewalt gewöhnte Brasilien ist schockiert: Zwölf Schulkinder sind bei einem Amoklauf umgekommen, ebenso viele wurden verletzt. Lächelnd hatte der 24 Jahre alte Wellington Menezes de Oliveira seine frühere Schule in Realengo, einer Vorstadt von Rio de Janeiro, betreten. Er wolle einen Vortrag halten, sagte er, zog zwei Pistolen, suchte einen Klassenraum im ersten Stock auf und begann auf die Schüler, deren Unterricht gerade begonnen hatte, zu schießen. "Ich werde euch töten", rief er aus und feuerte auf Kopf und Brust seiner Opfer. Bei einigen zielte er auf die Füße, um sie an der Flucht zu hindern.

          In der Schule brach Panik aus. Die Schüler schrien und weinten, die Lehrer verrammelten die Klassenräume, um dem Mörder den Zugang zu verwehren, und forderten ihre Schutzbefohlenen auf, sich auf den Boden zu werfen. Im zweiten Stock der Schule suchte sich der Täter weitere Opfer, während es einem verletzten Schüler gelang zu entkommen und Polizisten, die an der nächsten Straßenecke den Verkehr kontrollierten, um Hilfe zu bitten. Einem der Beamten gelang es, den Mörder zu stoppen, als er in den dritten Stock stürmen wollte. Mit einem Schuss in den Unterleib streckte der Polizist den jungen Mann nieder. Wellington Menezes fiel zu Boden, richtete eine Pistole auf seinen Kopf und tötete sich selbst. Das beherzte Einschreiten der Verkehrspolizisten verhinderte, dass noch mehr Schüler umkamen. Die Verletzten wurden ins nahe Albert-Schweitzer-Krankenhaus und mit Hubschraubern in Kliniken in Rio gebracht.

          Es war das erste Massaker an einer brasilianischen Schule

          Das von Bandenkriegen und Gewaltkriminalität heimgesuchte Land hat ein derartiges Massaker, bei dem gezielt Kinder Opfer wurden, noch nicht erlebt. Präsidentin Dilma Rousseff, die sonst ungern ihren Gefühlen freien Lauf lässt, zeigte sich bestürzt, als sie die Nachricht hörte, und weinte in aller Öffentlichkeit. Sie bat ihre Landsleute um eine Schweigeminute und ließ eine dreitägige Staatstrauer anordnen. Senatspräsident José Sarney, der selbst von 1985 bis 1990 Präsident war, verglich die Tat mit einem terroristischen Attentat: "Derartige Vorkommnisse sind nicht Teil unserer Tradition."

          Viele Indizien deuten darauf hin, dass es sich bei dem Amoklauf um die Einzeltat eines verwirrten Menschen handelt. Wellington Menezes hatte das Massaker offenbar genau geplant. Als Waise war er in einer Adoptivfamilie zusammen mit fünf anderen Kindern aufgewachsen. Zwischen 1999 und 2002 hatte er die Schule Tasso da Silveira in Realengo besucht, in der er jetzt seine Mordtat beging. Einige Jahre lang hatte er im Lager einer Lebensmittelfirma gearbeitet. Seit August 2010 war er arbeitslos, angeblich hatte er selbst gekündigt. Seitdem mied er den Kontakt zu seiner Familie, wie eine seiner Stiefschwestern berichtete. "Er hat viel Unsinn geredet und verbrachte die ganze Zeit im Internet. Er hatte keine Freunde, war sehr seltsam und reserviert." Im Internet habe er vorwiegend religiöse Seiten aufgesucht, bei denen es um islamische Themen ging.

          Täter war Einzelgänger, aber kein Islamist

          Bei dem Täter wurde ein wirrer Abschiedsbrief gefunden, der zwar tatsächlich religiös gefärbte Passagen enthält, jedoch ohne direkte Bezüge zum Islam. Aus dem am Computer geschriebenen Text geht hervor, dass Menezes nicht nur den Mord an den Schülern, sondern auch seinen Freitod geplant hatte. Er beschrieb, wie seine Beerdigung vonstatten gehen solle. Sein Leichnam dürfe nur von "jungfräulichen" Personen gewaschen und für die Bestattung vorbereitet werden, oder von Leuten, die ihre Jungfräulichkeit erst in der Ehe verloren und keinen Ehebruch begangen hätten. Sein Körper dürfe von "Unreinen" nur berührt werden, wenn sie Handschuhe trügen, seine Leiche solle in ein weißes Tuch gehüllt werden, das er in einem Klassenraum der Schule hinterlassen habe. Ein "treuer Diener Gottes" müsse wenigstens einmal an seinem Grab erscheinen und Gott um Vergebung für das bitten, was er getan habe. Außerdem bat er darum, an der Seite seiner Stiefmutter beerdigt zu werden, die an Schizophrenie litt und vor einem Jahr an einem Infarkt gestorben war. Die Ermittlungen ergaben, dass die Adoptivfamilie die Kirche der Zeugen Jehovas besuchte. Der Abschiedsbrief deutet darauf hin, dass der Täter Probleme mit Frauen hatte. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass zehn der zwölf Opfer Mädchen sind.

          Als Wellington Menezes die Schule betrat, um seinen Plan auszuführen, gab er nach Aussage von Zeugen weder politische noch religiöse Äußerungen von sich. Vielmehr habe er gesagt: "Ich bin paranoid, aber ich nehme meine Medikamente." Menezes war nicht vorbestraft. Nachbarn beschrieben ihn als ruhigen Einzelgänger, der immer schwarz gekleidet gewesen sei. In seinem Abschiedsbrief vermachte er sein Haus einer Organisation, die sich um verlassene Tiere kümmert, weil Tiere mehr als Menschen des Schutzes bedürften.

          Die Behausung des Täters bot der Polizei bei der Durchsuchung ein Bild des Wirrwarrs. Computer und Haushaltsgeräte waren verbrannt, wohl um die Untersuchungen zu erschweren. Man fand weder Rauschgift noch Alkohol. Angeblich wurde in der Wohnung ein weiterer Abschiedsbrief gefunden. Wie Menezes in den Besitz der Schusswaffen und der Munition kam, die er an einem Gürtel trug, ist noch immer ein Rätsel.

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