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Amoklauf in Lüttich : Attentäter sollte wegen Sittlichkeitsverbrechen verhört werden

  • -Aktualisiert am

Einschussloch in der Mauer des Justizpalastes Bild: dapd

Lüttich sucht nach möglichen Gründen für die Tat des Amokläufers Nordine A. Ein Motiv krisallisiert sich heraus: Er hatte Angst, dass er ins Gefängnis zurück müsse.

          3 Min.

          Wer war Nordine A.? Das Schwarzweißfoto, das belgische Medien am Mittwoch veröffentlichen, zeigt einen nicht unfreundlich wirkenden Mann. Er hat ein rundliches Gesicht, dunkle Augen, Dreitagebart und einen sich lichtenden Haarschopf. Nachbarn schildern den 33 Jahre alten Sohn marokkanischer Einwanderer, der im vierten Stock eines schmucklosen sechsgeschossigen Wohngebäudes mit der Bezeichnung „Résidence Belvedere“ gelebt hatte, als zurückhaltend, unauffällig, aber durchaus verbindlich.

          Für die Lütticher Staatsanwältin Danièle Reynders besteht, als sie am Morgen nach dem Blutbad in der wallonischen Stadt eine traurige Bilanz zieht, indes kein Zweifel: Nordine A. habe drei Menschen umgebracht und mehr als weitere 120 verletzt. Einige sind zu diesem Zeitpunkt weiter in Lebensgefahr. Am Mittwoch morgen wird zudem bekannt, dass Nordine A. noch vor der Bluttat auf der Place Saint-Lambert eine 45 Jahre alte Frau, am Dienstag morgen offenbar die Putzfrau seiner Nachbarin erschossen hat.

          Er feuerte wahllos in die Menge

          Nur vier Minuten dauerte das mörderische Treiben am Mittag. Um 12.31 Uhr schleuderte Nordine A., nach Angaben einiger Augenzeugen im Kampfanzug, vom Dach eines Cafés an der Place Saint-Lambert zunächst drei Handgranaten in Richtung einer auf Busse wartenden Gruppe. Danach feuerte er mit einer Maschinenpistole und feuerte wahllos in die Menge. Um 12.35 Uhr, nach vier Minuten, sackte Nordine A. selbst leblos zusammen. „Er hat sich mitten in die Stirn geschossen“, sagte Staatsanwältin Reynders. Am Tatort sind am Mittwoch die bei Amokläufen üblichen Szenen zu beobachten. Freunde, Verwandte, Mitschüler und auch nicht unmittelbar betroffene Bürger haben Blumen niedergelegt und Kerzen im Gedenken an die Opfer angezündet. Auf einem Schild steht in blauer Schrift „Pourquoi?“, darunter in großen roten Druckbuchstaben die deutsche Übersetzung: „Warum?“

          Rue de Campine, Lüttich: Hier, an der Wohnung des Attentäters, fand die Polizei eine weitere Leiche Bilderstrecke
          Rue de Campine, Lüttich: Hier, an der Wohnung des Attentäters, fand die Polizei eine weitere Leiche :

          Eine Frage, die auch Staatsanwältin Reynders nicht beantworten kann. Ein Abschiedsschreiben des Täters sei nicht gefunden worden. Nur so viel scheint sicher zu sein: Für 13.30 Uhr war Nordine A. am Dienstag zu einem Verhör in das schräg gegenüber vom Tatort gelegene Gerichtsgebäude einbestellt worden. Es sollte dabei, so hieß es später ohne nähere Angaben, um ein „Sittendelikt“ gehen. Jean-François Dister, der Anwalt, sagte später, nach seinem Eindruck habe es sich nicht um besonders gravierendes Dossier gehandelt. Im Fernsehsender RTL-TVI gab er jedoch später Hinweise auf ein mögliches Motiv seines Mandanten: „Er war ziemlich besorgt angesichts der möglichen Aussicht auf eine Rückkehr ins Gefängnis. Ich glaube, das war es, was ihn wirklich umgetrieben hat.“ Erst im Oktober vergangenen Jahres war Nordine A. auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er seit 2007 eine knapp fünfjährige Haftstrafe wegen illegalen Waffenbesitzes und Rauschgiftdelikten verbüßte. Auf die schiefe Bahn war der frühere Schweißer schon Jahre zuvor geraten. „Er war ein Verbrecher, der während seines ganzen Lebens Schwierigkeiten gekannt hat: Jugendgericht, Strafgericht, Berufungsgerichte“, erläuterte der oberste Lütticher Staatsanwalt Cédric Visart de Bocarmé.

          Dennoch hatte es zuletzt Anzeichen dafür gegeben, dass Nordine A. mit sich und seiner Umwelt wieder ins Reine kommen könnte. Sein Nachbar Cakti Erding sagte der Zeitung „De Morgen“: „Er hatte eine feste Freundin und schien wieder eine Zukunft zu haben. Er war ein freundlicher Typ.“ Am Montagabend habe Nordine A. ihm seufzend gesagt, dass er einen Gerichtstermin am folgenden Tag habe.

          Was den Täter letztlich bewogen hat, am nächsten Tag wahllos unbeteiligte Menschen zu ermorden und zu verletzen, blieb dennoch am Mittwoch schwer erklärbar. War es womöglich die Tat eines Geistesgestörten? Die Gerichtspsychologin Danièle Zucker beantwortete diese Frage im Fernsehsender RTBF am Mittwoch mit dem Hinweis, nicht allein, weil ein Verbrechen jegliche Vorstellungskraft übersteige, müsse es zwangsläufig die Tat eines unzurechnungsfähigen Menschen sein.

          Was nach der Bluttat von Lüttich bleibt, ist die traurige Gewissheit, dass Nordine A. mindestens vier Menschen mit sich in den Tod gerissen hat: außer der am Dienstag morgen aus unbekannten Motiven umgebrachten Putzfrau, ein 17 Monate altes Kleinkind sowie zwei Schüler, 15 und 17 Jahre alt, die sich nach einer Klassenarbeit auf dem Heimweg befanden. Eine 75 Jahre alte Dame, deren Tod am Dienstag bekanntgegeben worden war, sei hingegen am Leben, aber, wie es dennoch hieß, „klinisch tot“.

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