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Amoklauf in Grafing : Ein Messerangriff aus dem Nichts

Spuren der Gewalttat: Kriminaltechniker untersuchen den Tatort am Bahnhof von Grafing nahe München. Bild: Reuters

Am Bahnhof von Grafing tötet ein Mann einen Fahrgast und verletzt drei weitere Personen schwer. Erst wurde ein islamistischer Hintergrund vermutet. Offenbar ist es aber die Tat eines psychisch Kranken.

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          Wie weit der Täter kam, zeigen seine blutigen Fußabdrücke auf dem Asphalt. Direkt am Gleis beginnt die Spur, auf der Straße vor der griechischen Taverne gegenüber dem Bahnhof verliert sie sich. Der Täter war barfuß, deutlich zeichnen sich auf dem Bahnsteig die rot gefärbten Zehen und Fußballen auf dem Boden ab. Das Rot verblasst, je weiter er gelaufen ist. An dem umgestürzten Fahrrad auf der Straße vor dem Bahnhof Grafing, wo der Täter offenbar auf sein letztes Opfer traf, sind die Abdrücke nur noch ganz schwach zu erkennen. Jeder einzelne Abdruck wird im Laufe des Dienstags mit Kreidekästchen markiert, seit Stunden schon sind die Männer von der Kriminaltechnik in ihren weißen Overalls damit beschäftigt, den Tatort zu kategorisieren und nach Spuren abzusuchen. Ein Maßband liegt neben den blutigen Fußspuren, Kameras werden in Position gebracht, um den Bahnhof samt Gleisen aus allen Blickwinkeln einzufangen. Ermittler steigen zusammen mit Kriminaltechnikern in die S-Bahn, die seit Stunden auf dem Gleis steht.

          Karin Truscheit
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Tag für Tag nutzen Pendler die Bahn, um nach München zu fahren, jetzt ist sie zum Tatort geworden. Hier stach der Mann, ein 27 Jahre alter Deutscher aus Gießen, auf das erste Opfer ein, bevor er auf dem Gleis weiter wütete. Einweghandschuhe neben einer Blutlache auf dem Bahnsteig zeugen noch vom Notarzteinsatz am frühen Dienstagmorgen. Die Oberbürgermeisterin von Grafing, Angelika Obermayr, wird später einen Blumenstrauß an der Treppe ablegen, die zum Gleis führt. Sichtlich angefasst steht sie am Vormittag vor dem rot-weißen Flatterband, das den Tatort absperrt, und versucht sich einen Reim darauf zu machen, warum Grafing, diese „nette Gemeinde, in der viele liebe Menschen leben“ plötzlich als Tatort eines islamistischen Angriffs in Betracht kommt. Was auch immer die Motivation gewesen sei, für die Opfer mache es keinen Unterschied, sagt sie. Schwere Verkehrsunfälle, ja, daran habe man sich in der Region leider gewöhnen müssen. Aber dass ein Mann einfach so unvermittelt auf Menschen einsteche, eine Art Amoktat, das sei noch nie passiert. „Wir fühlen uns hier eigentlich sehr sicher.“

          Grafing : Zweifel an Schuldfähigkeit bei Messerattacke

          Zwei Fahrradfahrern wurde ihre Hilfsbereitschaft zum Verhängnis

          Der Angriff kam völlig unvermittelt. Gegen 4.50 Uhr stieg der Täter barfuß in die erste S-Bahn der Linie 4, die an diesem Dienstagmorgen von Grafing in das rund 30 Kilometer entfernte München fahren sollte. Sofort stach er auf einen 56 Jahre alten Mann aus Wasserburg ein, der so schwer verletzt wurde, dass er wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen erlag. Nach dem Angriff stieg der Täter aus, stach auf dem Bahnsteig auf einen zweiten Mann ein, verletzte auch ihn schwer. Dann ging er die Treppe hinunter, quer über den Bahnhofsvorplatz.

          Dort traf er auf zwei Fahrradfahrer. Die beiden Männer wollten offenbar zu Hilfe eilen, als sie mitbekommen hatten, „dass irgendwas passiert sei“, wie ein Polizeisprecher in Grafing sagt. Beide wurden angegriffen und verletzt. Einer der Fahrradfahrer trug gerade Zeitungen aus. Vermutlich hat der Satz „Allah ist mein Freund“ ihm das Leben gerettet, wie es zumindest ein Anwohner geschildert haben soll, der direkt am Tatort wohnt. Als der schwer verletzte Mann schon am Boden gelegen habe, neben seinem Fahrrad und mit einer Stichwunde im Rücken, soll sich der Angreifer noch einmal über ihn gebeugt haben mit den Worten „Allah ist groß“. Als das Opfer Allah nannte, ließ der Täter von ihm ab. Wenig später wurde er dann von zwei Polizisten überwältigt, schon Minuten nach der Tat war der erste Streifenwagen am Tatort. Andere Pendler hatten die Polizei verständigt.

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